Klischees über die Türkei: Wichtig ist, was hinten rauskommt.

Artikel veröffentlicht am 23. Februar 2012
Artikel veröffentlicht am 23. Februar 2012
Zahlreich wie die Blätter einer Klopapierrolle sind die in Westeuropa verbreiteten Klischees über die Türkei. Zur Kulturgeschichte der Hocktoilette, die in Frankreich als „türkische Toilette“ bekannt ist.

Zur Familie der Turko-Klischees gehört ein Vater, der den ganzen Tag Nikotinwolken ausstößt wie eine alte Dampflokomotive. Die restliche Abziehbild-Sippe sieht ungefähr so aus: Eine Lokma-bereitenden Großmutter, ein Großvater mit mächtigem Schnauzer, die Mutter vom Scheitel bis zur Sohle verschleiert, der Sohn, ein leidenschaftlicher Kemalisten, und schließlich die Tochter, eine zierliche Liebhaberin von Hamam und Bauchtanz. Doch entspricht dieses Bild der Wirklichkeit? Sich das Modell eines Angstgegners zu schaffen, nannte man einst nicht umsonst „sich einen Türken bauen“.

Die Stigmatisierung von Türken in Frankreich ist ein landesweit bei Jung und Alt beliebtes «Gesellschaftsspiel» mit scheinbar simpler Anleitung. Der einfachste Spielzug in Richtung Sieg besteht im Allgemeinen aus Anspielungen auf die Hocktoilette, in Frankreich„türkische Toilette“(toilette à la turque) genannt. Erblickt ein Mensch mit gefüllter Blase anstelle von Latrinen ein einfaches Loch im Boden, ist sein erster Impuls der Ausruf: „Meine Güte! Das mag zwar eine „türkische Toilette“ sein, aber in puncto Hygiene ist das noch nicht einmal Byzanz!“

Für die Franzosen waren's die Türken. In Wahrheit sind die Belgier schuld.

Einer Anekdote zufolge war es jedoch ein gebürtiger Belgier namens Bert Vandegeim, der dieses bezaubernden Örtchen im Mittelalter erfand. Um auch nicht ein Quadratzentimeterchen seiner Hose zu beschmutzen, habe er sich diese turbanartig um den Kopf gewickelt, bevor er sich dann krötenartig auf sein Werk kauerte. Haltung und Kopfbedeckung erheiterten seine Gefährtin und sie verglich ihn mit einem osmanischen Pascha, womit sie gleichzeitig den neu ersonnenen Toiletten zu einem Namen verholfen hatte.

Wusste sie, wie beschmutzend diese Bezeichnung für das damalige Reich war?

In Sachen Unbequemlichkeit scheinen traditionelle japanische Toiletten jene „alla turca“ zu entthronen. Die auch als „washikis“ bekannten Modelle verlangen die Einnahme einer fast fötalen Haltung, die die Erleichterung zu einem gefährlich Unterfangen werden lässt. Dafür hat die japanische Toilette hygienische und ökologische Vorteile: Der nachgeschäftlichen Wasserstrahl zu Reinigungszwecken spart Jahr für Jahr tonnenweise Toilettenpapier ein.

Nun, nachweislich leiden die Türken nicht nur unter diesem Gerede über ihre Lokusse, sondern halten auch mehrheitlich ihre griechischen Nachbarn für die Erfinder des spartanischen Lochs. Doch scheint es mehr als sicher, dass Diogenes mit Freuden die blanke Erde beglückte, während das Volk der Hellenen meint, als Erste hätten die Bulgaren zu urinalen Zwecken ein Loch in die Erde gegraben.

Also sind die Franzosen gegenüber diesen vorgeblich „türkischen“ Toiletten nicht bloß mäklig bis zur Angekotztheit, sondern verschließen auch ihre Ohren. Entsprechend selten trifft man Franzosen, die wissen, dass unsere britischen oder holländischen Freunde derlei ungastliche WCs den Franzosen zuschreiben - und nicht den Türken. Bestätigt wird diese Vorstellung durch wiederholte und widerwärtige Erfahrungen an französische Tankstellen.

...das Ende der Geschichte?

Verdienen also die „türkischen Klos“ jene Bezeichnung? Wir haben Glück: Just das Türkische selbst hilft uns aus der Patsche. „Franzız kalmak“ (wörtlich: Französisch bleiben) bedeutet, einem Phänomen mit Unverständnis zu begegnen; nicht zu kapieren, worum es eigentlich geht. In klaren Worten gesagt: Behaglich eingesponnen in einen Kokon aus Geschwätz und Gemeinplätzen weigern wir uns, die Türkei so wahrzunehmen, wie sie wirklich ist. Sonst begriffen wir, welche Entdeckung türkischstämmige Europaabgeordnete in Brüssel oder Straßburg machten, wenn sie sich aus dem Plenarsaal aufs Örtchen begäben und dort eine Keramik mit simplem Loch vorfänden.

Fotos: Hand: (cc)Vitor Sá/flickr; Im Text: Hocktoiletten (cc) alainmarie2/flickr; Leere Rolle (cc)TheGiantVermin/flickr