Klimawandel: Der versteckte Auslöser für Migration

Artikel veröffentlicht am 2. Oktober 2015
Artikel veröffentlicht am 2. Oktober 2015

Europa erlebt die schlimmste Flüchtlingskrise in seiner jüngsten Geschichte. Obwohl die Migration hauptsächlich mit dem Bürgerkrieg in Syrien zu tun hat, ist es wichtig zu wissen, wie der Klimawandel das Phänomen verstärken könnte.

In den ersten sieben Monaten in 2015 kamen 340 000 Flüchtlinge in Europa an. Diese Zahl, veröffentlicht von der Europäischen Agentur für Grenzkoordination, bezieht die Menschen, die Europa unentdeckt betreten haben oder die 2 600 Personen, die bei der Überquerung des Mittelmeers starben, nicht mit ein. Die Europäischen Staatschefs taten sich schwer, eine einheitliche Position zu finden, zur schlimmsten Krise dieser Art seit dem Zweiten Weltkrieg. Das führte zu massiven Meinungsverschiedenheiten in den Antworten der verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten. Während Ungarn die Grenzen mit Mauern schließt, empfangen tausend Deutsche die Flüchtlinge mit offenen Armen. 

Die Tatsache, dass die Flüchtlingskrise solche Differenzen zwischen den Staaten auslöst, gibt wenig Hoffnung, falls Professor Norman Myers Recht behält und bis 2050 etwa 200 Millionen Menschen aufgrund des Klimawandels ihre Heimat verlassen müssen.

Während die Beziehung zwischen Klimawandel und Migration noch sehr spekulativ ist, wird die vierjährige Dürre in Syrien von 2006 bis 2010 tatsächlich als „förderlicher Faktor im syrischen Bürgerkrieg“ gesehen. Auch anderenorts wird der Klimawandel mit dem Arabischen Frühling und dem Aufstieg der ISIS in Verbindung gebracht, beides führte zur Vertreibung von tausenden Menschen. Klimawandel ist sicher nicht der direkte Grund für solche Ereignisse, kann aber ein Auslöser für Proteste und andere politische Krisen sein, da ein labiles Umfeld geschaffen wird. 

Das Thema hat es größtenteils nicht in die politische Agenda geschafft, vermutlich weil Migration in Verbindung mit Klimawandel bis heute nur ein Problem der Entwicklungsländer war. Doch immer häufiger auftretende klimatische Phänomene wie Fluten, Dürren oder der Anstieg des Meeresspiegels könnten nun die Zahl an Flüchtlingen, die Zuflucht in Europa suchen, ansteigen lassen.

Manche betroffene Länder könnten eines Tages komplett verschwinden oder nicht mehr bewohnbar sein. Länder der südlichen Erdhalbkugel sind am ehesten vom Klimawandel bedroht. Vor allem Inselstaaten wie Tuvalu oder Kiribati könnten in 30 bis 50 Jahren komplett von der Landkarte verschwinden, wenn die globale Erwärmung ihr aktuell Niveau hält.

Die Regierung von Kiribati, ein kleines Archipel im Südpazifik, hat bereits 24 Quadratkilometer Land in Fiji gekauft, um die Bevölkerung im schlimmsten Fall umsiedeln zu können, aber für andere bedrohte Regionen ist noch keine Lösung gefunden. Südostasien hat in den letzten Jahrzehnten viele verheerende Fluten erlebt, Bangladesch ist besonders von diesem Naturphänomen bedroht. Bis jetzt wurden nur viele Maßnahmen ergriffen in Anbetracht einer möglichen Umsiedlung der Bevölkerung.

Trotz der wachsenden Dringlichkeit gibt es keine spezielle internationale Stelle, die das Problem angeht und Klimaflüchtlinge wurden bisher nicht in Aktionsvereinbarungen nicht bedacht. Der UNHCR, die Flüchtlingsagentur der UN, gibt zu, dass der Klimawandel das Potential hat, zum größten Auslöser für Völkerbewegungen in der Zukunft zu werden. Spezialisten und Politiker diskutieren aber stets, ob das internationale Flüchtlingsrecht den Klimawandel mit einschließen sollte.

Es besteht die Notwendigkeit klimatisch bedingte Migration in internationale Klimadebatten zu integrieren, auch bei der diesjährigen Klimakonferenz im Dezember in Paris. Die wachsende Dringlichkeit, eine bindende Vereinbarung zu erreichen, beinhaltet eine notwendige Verminderung der Gefahr, dass die vom Mensch verursachte Erderwärmung zu einer noch größeren Flüchtlingskrise in der Zukunft führen könnte. Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, drängte vor Kurzem in einer Rede, eine ambitioniertere Klimavereinbarung zu treffen. In Anbetracht der unterschiedlichen Lösungsansätze zur aktuellen Krise können wir darauf nur hoffen.