Klempner? Nicht gerade der Traumjob der polnischen Jugend

Artikel veröffentlicht am 24. Mai 2013
Artikel veröffentlicht am 24. Mai 2013
10 Jahre nach Polens EU-Beitritt will die polnische Jugend längst nicht mehr um jeden Preis im Ausland Arbeit finden. Viele junge Menschen möchten in Polen bleiben, dort arbeiten und ihren Teil dazu beitragen, ihr Land und die Hauptstadt Warschau voranzubringen.

Warschau, April 2013. Die Stadt ist grau, die engen Straßenfluchten werden von mächtigen Gebäuden aller möglichen Stilrichtungen überschattet und ein paar Schneehäufen lassen die Härte des vergangenen Winters erahnen. Doch Polens Hauptstadt lebt trotzdem. Unweit des historischen Stadtkerns, der nach dem Zweiten Weltkrieg originalgetreu wiederaufgebaut wurde, findet sich eine der brummenden Hauptverkehrsadern der Stadt: die Straße der Neuen Welt (Ulica Nowy Swiat). Hier reiht sich ein Café an das andere, es finden sich viele Bars und die Öffentliche Universität von Warschau. Der beste Ort, um junge Polen zu treffen.

Die "Straße der Neuen Welt" in Warschau.

Ferienjob: Sommer, Sonne, Stundenlohn

Ich treffe Kamila Baranowska im Café Ministerstwo Kawy. Der perfekte Ort, um über die Probleme ihrer Generationen zu sprechen, und über ihre eigenen Erfahrungen. Die 24 Jahre alte Kamila ist wohl die typische Warschauerin, falls es das gibt. Die kleine zarte Frau hat ein Erasmussemester in Rom hinter sich. Sie liebt es, zu reisen und hat in den Sommersemesterferien schön öfter Ferienjobs in ganz Europa angenommen. Ihr Favorit: Griechenland. Um Geld zu verdienen, mag dieses Ziel heute illusorisch erscheinen; denn momentan liegt die Arbeitslosenquote für die unter 25-jährigen bei 64,2 %. Bedenkt man die niedrigen Löhne in Polen, ist es jedenfalls leicht zu verstehen, wieso junge Polen ihr Land den Sommer über für ein oder zwei Monate - oder sogar länger - verlassen, um etwas Geld auf die Seite zu legen. Als sie in ihrem Heimatland als Kellnerin jobbte, hat Kamila 7 Zlotys (das entspricht 1,68 €) in der Stunde verdient. Ein mageres Monatsgehalt von etwa 340 Euro – in Griechenland war das Doppelte drin. „Und dazu Sonne und die Landschaft“, schwärmt sie mit leuchtenden Augen, den Kopf voller Erinnerungen.

Die Erntehelfer im niederländischen  Tulpenfeld: nur Polen, und ein Türke.

Dieselben Gründe bewogen auch Pieter Wogcik dazu, zwei Sommer lang im Ausland zu arbeiten. Gemeinsam mit mehreren Freunden fuhr er in die Niederlande, um dort bei der Ernte von Tulpenzwiebeln zu helfen. Er arbeitete 10 Stunden am Tag, 5 Tage die Woche – sogar 6 Tage, wenn er wollte. Ringsherum, im Tulpenfeld: nur andere Polen, und ein Türke. Obwohl die Arbeit körperlich sehr anstrengend war, entdeckte Pieter in seinem ersten Sommer jeden Menge: die Freuden des Campens, Ferien mit Freunden, Amsterdam, Unabhängigkeit - und, wie er sagt, „das Land der Freiheit“. Seinen holländischen Chef beschreibt er als liebenswürdigen Mann, der ihn nicht auszubeuten schien. Der Stundenlohn richtete sich nach dem Alter: über 20-Jährige bekommen für derartige Erntehilfe in den Niederlanden zwischen 6 € und 7,75 €. Pieter erklärt, dass dieser Satz dem Maximum dessen entspricht, was ein erfahrener Arbeiter in Polen verdienen kann – wenn er schwarz arbeitet. Auch im Folgejahr kehrte Pieter zum Sommerjob nach Holland zurück; dieses Mal allerdings verlor er seine Illusionen. Gefasst und mit einem Lächeln beschreibt er die andere Seite der Medaille: er erzählt von der Routine, der Schwere der Arbeit, der Langeweile und der Hoffnungslosigkeit. Pieter spricht von dunklen Tagen, den immer gleichen Handgriffen und Erschöpfung. Heute, sagt der junge Mann, der Arbeitspsychologie studiert, wolle er nicht mehr mit seiner Körperkraft Geld verdienen - sondern mit seinen Fähigkeiten und seinem Wissen.

Polen : Musterschüler in der Krise

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Vom Klischee des polnischen Klempners oder der polnischen Krankenschwester sind wir meilenweit entfernt. Dieses wurde 2005 mit der sogenannten Bolkenstein-Richtlinie regelrecht angeheizt. Damals befürchtete Frankreich, osteuropäische Arbeitsmigranten würden die Arbeitsplätze mit einem dreimal niedrigeren Gehalt wegschnappen. Zwar kam es 2004, dem Jahr des EU-Beitritts, durchaus zu einer Immigrationswelle in Polen, aber sie richtete sich vor allem nach Großbritannien. Außerdem mussten die jungen polnischen Arbeiter eine Sache einsehen: Europa wartet nicht mit offenen Armen auf sie – und schon gar nicht mit „hochqualifizierten“ Arbeitsplätzen.

Polen hat die Krise, die die EU seit 2008 fest im Griff hat und die zu wirtschaftlichen Einbrüchen und sozialer Not führte, gut überstanden. Darauf besteht Monika Constant, Direktorin der französischen Industrie- und Außenhandelskammer in Polen. Sie präzisiert: „Die Wachstumsrate ist innerhalb weniger Jahre von 4,5 % auf 1,7 % gesunken. Das ist sicherlich ein Rückgang; aber im Vergleich zu anderen europäischen Ländern dennoch beachtlich.“ Polen hat es nicht nur geschafft, seine Wirtschaft am Laufen zu halten, sondern zeigt sogar immer mehr Dynamismus. Zwar sind 650 bis 700 französische Firmen in Polen angesiedelt – wichtigster Handelspartner bleibt aber Deutschland. Beide Länder pflegen einen regen Handel und Austausch: 176.000 polnische Migranten leben zurzeit im Nachbarland. Diese Zahl steht für gute Wachstumsaussichten. Aber Monika Constant bezeichnet Warschau auch als „Sprungbrett in die östlichen Nachbarländer“ wie die Ukraine oder Russland. Selbst wenn 75 % aller polnischen Exporte in die anderen Länder der EU gehen, bleibt die nationale Nachfrage bedeutend. Mit seinen 38 Millionen Einwohnern hat es das Land von Donald Tusk geschafft, die Krise „ohne größere Verluste“ zu überstehen. Dennoch relativiert die Direktorin der französischen Industrie- und Außenhandelskammer in Polen die Situation ein wenig. Die Rückkehr vieler Migranten, die in England, Irland oder Frankreich lebten und nun aufgrund der Krise in ihr Heimatland zurück gehen, ließen die Arbeitslosenquote ansteigen. Europäischen Statistiken zufolge hat diese die 10 % -Marke überschritten.

Eines unterstreichen alle meine Gesprächspartner: Die Situation in Warschau ist selbstverständlich nicht mit der ländlicher Gegenden zu vergleichen. Wenn sich junge Menschen dazu entschieden, in Polen zu bleiben, so Monika Constant, habe dies vor allem einen Grund. Sie hätten verstanden, dass es möglich sei, einen Job in der polnischen Hauptstadt zu finden. Junge Warschauer beharren auf die Qualität ihres Studiums oder ihrer Ausbildung. Viele möchten, auch wenn das utopisch erscheinen mag, Karriere in ihrer Heimatstadt machen. Anders als ihre Eltern ist es für sie nicht alles, ins Ausland zu gehen. Oder nur für ein Erasmusjahr, ein Praktikum oder einen Ferienjob. Aber, meint Pieter trotzdem: „Man sollte niemals nie sagen!“

Dieser Artikel ist Teil der Reportagereihe EUtopia on the Ground“, die uns jeden Monat in einer anderen europäischen Stadt von einem besseren Europa träumen lassen wird. Das Projekt wird von der europäischen Kommission im Rahmen einer Patenschaft mit dem französischen Außenministerium, der Hippocrène-Stiftung und der Charles Léopold Mayer-Stiftung finanziert.

Illustrationen: Teaser (cc)jaime.silva/Flickr; im Text: Die Straße der Neuen Welt (cc)oshkar/Flickr, Graffiti ©Laurianne Systermans; Video (cc)3satde/YouTube