Kino Latino: Erfrischend anders!

Artikel veröffentlicht am 12. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 12. Oktober 2014

Das lateinamerikanische Filmfestival LAKINO ist auf dem besten Weg, sich zu einer festen Instanz in Berlin zu entwickeln. Cafébabel hat sich für euch zwei filmische Leckerbissen des diesjährigen Festivals genauer angeschaut.

Was genau macht eigentlich einen guten Film aus? Eine packende Story? Eine tiefgründige Botschaft? Oder die Überzeugungskraft der Hauptdarsteller? Die Regisseure Raúl del Busto und Alejandro Jodorowsky haben darauf ganz unterschiedliche Antworten gefunden – unkonventionell sind sie beide!

El Espacio entre las Cosas

(Raúl del Busto, Peru, 2012)

Ein Regisseur ist auf der Suche nach dem passenden Drehort für seinen nächsten Krimi. Dabei reist er von Cusco über Mexiko-Stadt, Barcelona, Lima und Buenos Aires, bis in ein kleines Dorf im peruanischen Dschungel. So ungefähr lässt sich die Handlung von El Espacio entre las Cosas zusammenfassen.

Doch die Story ist in diesem Fall eigentlich irrelevant, sie ist lediglich der Kitt, der das bunte Kaleidoskop an Bildern und Motiven zusammenhält. Ein quietschendes, sich unregelmäßig drehendes Windrad, gebaut aus einer alten Plastikflasche. In der nächsten Szene, die schummrige Silhouette einer in weiß gekleideten Person, umgeben von dunkelgrün waberndem Wasser. Ein Feuerwerk. Ein Japaner, der sich, ohne auch nur ein Wort Spanisch zu sprechen, plötzlich dafür entscheidet auf dem Flughafen von Mexiko-Stadt zu wohnen. Dann der peruanische Regenwald. Eine Gruppe Indios im Federschmuck, die zu rhythmischer Musik durch eine geräumige Strohhütte tanzt. Ein Jahrmarkt in Mexiko. Eine winzige Flocke rosafarbener Zuckerwatte, die durch die Luft gewirbelt wird und schließlich in den Händen eines vergnügt lachenden Mädchens landet, welches hoch oben auf den Schultern ihres Vaters sitzt. Del Busto springt in rasantem Tempo von einer Situation zur nächsten. Begleitet wird der Zuschauer dabei lediglich durch die betont neutrale Stimme des Erzählers. Der eigentliche Protagonist – sei es nun der reisende Regisseur, oder Detektiv Glauber Maldonado, die an Epilepsie leidende Hauptperson des Krimis, welche nach und nach zu ein und derselben Person verschmelzen – existiert nur in der Erzählung.

Experiment mit unkonventionellen filmischen Mitteln

Ein Film ohne richtige Story, der ohne Hauptdarsteller und weitestgehend sogar ohne Dialoge auskommt. Ist das möglich? Raúl del Busto wagt dieses Experiment und bricht dadurch mit den klassischen Konventionen des Filmgeschäfts. Das Ergebnis ist sicherlich weder ein großspuriger Blockbuster, noch ein entspannter Feel-Good-Movie. El Espacio entre las Cosas ähnelt vielmehr einem Traum, der vom Zuschauer durchlebt werden will und ihm dabei so Einiges abverlangt, gleichzeitig lässt er jedoch genug Spielraum dafür, die eigene Fantasie einzubringen und sie mit den Motiven auf der Leinwand zu verschmelzen.     

La Danza de la Realidad

(Alejandro Jodorowsky, Chile, 2013)

Anders als Del Busto, der seine Karriere wohl noch vor sich hat, blickt der chilenische Altmeister Alejandro Jodorowsky bereits zurück auf ein Leben für die Kunst. Der 85-Jährige hat sich dabei vor allem als Regisseur, Schauspieler und Autor surrealer Theaterstücke und Filme, wie El Topo (1970) und Montana Sacra (1973) einen Namen gemacht, und arbeitet außerdem seit etwa 30 Jahren an der Science-Fiction Comicreihe John Difool – Der Incal. Diese künstlerische Vielseitigkeit macht sich auch in seinem neusten Film bemerkbar. La Danza de la Realidad beschäftigt sich in fantasievoller und teils magischer Art und Weise mit den großen Themen des Lebens: Der Umgang mit Tod und Vergänglichkeit. Die Frage nach der eigenen Identität. Und allem voran, die Magie der Liebe.

Jodorowsky führt den Zuschauer dabei in seine ganz eigene Welt und lässt ihn in autobiographischer Manier an seinen abenteuerlichen Jugendjahren in dem chilenischen Küstenstädtchen Tocopilla teilhaben. Hin- und hergerissen zwischen einem autoritären, jähzornigen Vater, der seinem Sohn zu Disziplin und einem übersteigerten Verständnis von Männlichkeit verhelfen will, und einer vollbusigen, ausschließlich per Gesang kommunizierenden Übermutter, versucht der kleine Alejandro seinen Weg zu finden. Eine entscheidende Wende bekommt der Film schließlich, als Jodorowskys Vater – interessanterweise gespielt von seinem realen Sohn, Brontis Jodorowsky – sich auf den Weg nach Santiago macht, um ein Attentat auf den chilenischen Diktator Carlos Ibáñez del Campo zu verüben. Dabei muss er sich einer fundamentalen inneren Zerreißprobe stellen, als er merkt, dass Del Campo eigentlich genau seinem Idealbild eines starken Mannes entspricht.       

Den besonderen Reiz des Filmes macht jedoch, wie der Titel schon vermuten lässt, die unscharfe und stets verschwommene Grenze zwischen Realität und Fiktion aus. Der kleine Alejandro wirft einen Stein ins Meer, woraufhin das Meer ihm mit einem Berg toter Fische antwortet. Seine Operetten singende Mutter tanzt nackt und mit schwarzer Farbe bemalt mit ihrem Sohn durch die Wohnung, um diesem die Angst vor der Dunkelheit zu nehmen. Der atheistische, alles Schwache verachtende Vater wird selbst zum Krüppel, bespuckt und erniedrigt, um schließlich von dem tief religiösen Tischler Don José (Josef!) wieder aufgepäppelt zu werden. Immer wieder erscheint außerdem der Regisseur selbst in engelhafter Gestalt um seinem geplagten fiktiven Ich wieder neuen Mut zuzusprechen.

Heilmittel des optimistisch-magischen Realismus

La Danza de la Realidad wehrt sich gekonnt dagegen, in eine starre Genre-Schublade des Mainstream-Kinos gesteckt zu werden. Auf seine ganze Erfahrung zurückgreifend, verbindet der Regisseur in geschickter Weise Elemente von Theater, Oper, Zirkus und Comic. Er greift gelegentlich auch mal in die Trickkiste magisch anmutender Spezialeffekte und schafft es über zwei Stunden lang den Zuschauer zu fesseln. Die Gewalt- und Körperinszenierungen mögen dabei für einen Kinofilm manchmal überraschend freizügig sein. Wenn eine nackte Opernsängerin ihrem Ehemann ins Gesicht pinkelt, um ihn damit von der Pest zu heilen, entspricht das jedoch genau jenem optimistisch-magischen Realismus, der einen Alejandro Jodorowsky auszeichnet.