Kinematografie heute: Serbien

Artikel veröffentlicht am 23. Mai 2012
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Artikel veröffentlicht am 23. Mai 2012
von Betina Hurtic Das Zeughauskino im Deutschen Historischen Museum präsentiert vom 2. bis 30. Mai 2012 eine umfangreiche Filmschau des zeitgenössischen serbischen Kinos. Bernd Buder wirkte an der Programmgestaltung mit und gibt im Interview einen Einblick über die aktuelle serbische Filmszene. In der Programmreihe werden schwerpunktmäßig junge Regisseure vorgestellt.
Um welche Themen kreisen ihre Filme?

Mehr als die Hälfte der vorgestellten Regisseure ist schon länger im Geschäft: Goran Paskaljevic, Goran Markovic, Zelimir Zilnik, Emir Nemanja Kusturica und Lazar Ristovski haben die Fünfzig bereits überschritten. Srdjan Golubovic, Dragan Bjelogrlic, Stefan Arsenijevic und Srdjan Koljevic gehören, wie auch Boris Mitic, inzwischen zu den etablierten Filmemachern. Für die älteste Generation ist der politische Paradigmenwechsel vom Sozialismus über den Nationalismus der Zerfallskriege bis zum heutigen Status Quo wichtig. Die mittlere Generation musste in ihren besten Jahren ansehen, wie ihr Land in Krieg und Nationalismus zerfällt, in deren Folge Ökonomie, Reisefreiheiten und die Sicherheiten des Mittelstands wegbrachen. Die Jungen kämpfen um jeden Schritt auf der Karriereleiter und reflektieren ihren Alltag und Überlebenskampf. Die Arbeit von TILVA ROSH zeigt, dass sich die Jugend enttäuscht von der Politik zurückgezogen hat - in diesem Land sind zu viele Idealisten gescheitert, um noch Visionen anhängen zu können. Generationenübergreifend herrschen eigentlich zwei Themen vor: Die moralische Verantwortung für den Krieg und die Kriegsverbrechen in der Ära Milosevic (KORDON, ORDINARY PEOPLE), und die Folgen der wirtschaftlichen Dauerkrise für das Individuum (WHITE WHITE WORLD, KLOPKA). Formal gibt es psychologisch ausgefeilte Dramen und Filme, die die Gegenwart mit Schwarzem Humor betrachten, der für Serbien sehr typisch ist (GOODBYE, HOW ARE YOU, WHITE LIONS).

5.2._White_Lions_ZILLION_FILM_L._Ristovski-Goirdan_Kicic-Luka_Jovanovic-Hristina_Popovic-Zorica_Jovanovic.JPG THE WHITE LIONS von Lazar Ristovkski ist einer von 19 serbischen Filmen, die derzeit im Zeughauskino gezeigt werden.

Zu den bekanntesten Regisseuren aus Südosteuropa zählt Emir Kusturica. Wie groß schätzen Sie den Einfluss seiner Werke auf die jüngeren Filmemacher der Region ein?

Mittlerweile heißt er Nemanja Kusturica, denn er hat sich vor einigen Jahren mit großem Brimborium christlich-orthodox taufen lassen. Mit dem muslimischen Vornamen Emir ist er natürlich auf der internationalen Bühne populärer. Formal ist Kusturica immer noch einflussreich. Sein Film GUCA schafft die Gratwanderung zwischen Autorenfilm und Folklorismus und schreibt ihn weiter in Richtung Bollywood. Andererseits wird Kusturica auch vorgeworfen, sich in seinen letzten Filmen selbst zu zitieren. Seine politische Profilierung in die serbisch-nationale Ecke (in einem Guardian-Interview bezeichnete er Bosnier als "eigentlich Serben", die unter der osmanischen Herrschaft „zwangsmuslimisiert“ wurden, mit seiner Rockgruppe "No Smoking Orchestra" widmet er einen Text Radovan Karadzic) wird er durchaus ambivalent gesehen. Allerdings schätzt man auch sein Engagement für den Film und den filmischen Nachwuchs. Auch politisch dürfte er recht einflussreich sein, was kritische Stimmen daran hindert, ihn offen zu kritisieren. Kusturica steht für eine interessante Mischung aus Gastfreundschaft, Anti-Globalismus und Nationalismus. In Cannes läuft derzeit der Episodenfilm 7 DIAS DE HABANA, in dem auch Daniel Brühl mitwirkt.

Filme aus Serbien kann man in Deutschland überwiegend nur auf Festivals kennenlernen. Die wenigsten Filme gelangen in den deutschen Verleih. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Filme aus Serbien haben hier eine ähnlich schlechte Marktpräsenz wie Filme aus anderen (ost)europäischen Ländern, in denen wenig produziert wird: Wann haben Sie zum Beispiel Ihren letzten holländischen Film gesehen? Filme, die in Zusammenarbeit mit deutschen Koproduzenten entstanden, im Programm etwa KLOPKA, BELGRAD RADIO TAXI, LIEBE UND ANDERE VERBRECHEN und GUCA, haben es leichter, anschließend eine Verleihförderung in Deutschland zu bekommen. Damit ist Serbien, im Vergleich zu anderen Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien, relativ präsent. Es gehen aber nicht viele Zuschauer in diese Filme: Sie gelten als düster, unverständlich, kompliziert, intellektuell. In der Filmkritik kommen diese Filme oft gut weg, aber der Zuschauer wagt sich offensichtlich nicht, Neuland zu betreten - anders als mit Frankreich oder Italien, wo man öfters hinreist, fühlt man sich in Osteuropa nur selten zu Hause, hat Angst, man würde diese Filme nicht verstehen. Dabei fehlt es dem deutschen Publikum vor allem an Neugier - für die meisten Filme, auch die serbischen, muss man vorher nicht Südosteuropakunde studiert haben. Das Schöne an guten Filmen ist ja, dass sie selbsterklärend sind.

Haben Sie einen Vorschlag, wie man die Marktpräsenz serbischer bzw. osteuropäischer Filme in Deutschland stärken könnte?

Vielleicht könnte man mit höherem Werbeaufwand das Interesse am osteuropäischen Film verbessern. Das ist aber sehr aufwändig und in der Vergangenheit oft probiert worden - mit unterschiedlichen Ergebnissen. Ich nehme an, AUSGERECHNET SIBIRIEN, der stark mit Russland-Klischees spielt und auf einen deutschen Schauspiel-Star (Joachim Kròl) setzt, wird gute Zahlen machen. Aber beides - Klischees und Star - waren von der ersten Filmidee als Marketing-Instrumente mitgedacht. Das könnte eine Lösung sein - früh genug an "Zugpferde" zu denken!

In Serbien selbst herrscht ein reger Schwarzmarkt mit Filmkopien. Ist Urheberrecht für serbische Filmemacher ein Thema?

Wie überall in Ländern, in denen es zu wenig Kinos gibt und kein gut funktionierendes Netzwerk legaler DVD-Vertriebe. Die Piraten sind hier in die Lücke gesprungen, die sich nach dem Krieg bzw. nach dem Zusammenbruch der staatlichen Kino- und Verleihinfrastruktur aufgetan hat: eine große Nachfrage nach Filmen, aber kein Vertriebsnetz. Aus dieser Monopolstellung sind sie nur schwer wegzubekommen. Das ärgert auch die Filmemacher und Produzenten, die in fast allen ehemals sozialistischen Ländern vor ähnlichen Problemen stehen.