Kindertag mit Atatürk: Chronik eines Modellvaters

Artikel veröffentlicht am 3. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 3. Juni 2011
Während im April in der Türkei hunderte Studenten gegen die Internetzensur im Lande demonstrierten und höhere Subventionen für öffentliche Universitäten forderten, fand wie jedes Jahr zur gleichen Zeit ein Kinderfest statt – getreu dem Willen von Mustapha Kemal Atatürk. Eine Feier mit Spielen und Tänzen, über dem gebieterisch und allgegenwärtig das Bild des Landesvaters thront.
Erinnerungen eines albanischen Kindes, das heute erwachsen ist.

Wenn ich an Istanbul denke, kommt mir sofort das Bild von Mustafa Kemal Atatürk in den Sinn. Sein Porträt, umgeben von Farben und Musik, ist für mich wie eine süße Erinnerung – an die Zeit, als ich selbst am Kinderfest teilnahm, ebenso wie an die nationale Souveränität. Bei der Feier traten volkstümliche Tanzgruppen aus Albanien und dem Balkan auf. Nach und nach wurde die Veranstaltung immer größer und erhielt einen internationalen Anstrich, schließlich wurde sie sogar von Unicef anerkannt. Gleichzeitig war es eine nationalistische Veranstaltung, die daran erinnern sollte, dass „die Souveränität den Kindern gehöre“, wie der Premierminister der modernen Türkei beim Gründungsfest verkündete.

Jetzt, nach meiner Rückkehr an die Ufer des Bosporus, muss ich feststellen, dass die Figur des Gründungsvaters noch immer allgegenwärtig ist: in Ladenschaufenstern, auf den Balkonen des Palasts, der Bürogebäude und der offiziellen Einrichtungen, ebenso wie auf dem unumgänglichen Taksim-Platz, über den ein riesiges Foto des Gazi („Siegers“) wacht. Atatürks Bild fehlt natürlich, wie in meiner Kindheit, auch nicht in den Schulen. Oder im Tatilya-Themenpark. Sogar in der Auslage einer Eisdiele zwei Schritte vom Kulturhaus entfernt stoße ich darauf. Der 23. April ist jedoch nicht nur der Tag des Kinderfests, sondern auch der Jahrestag der Einstandssitzung der Nationalversammlung, die 1920 zum ersten Mal in Ankara zusammenkam. Entsprechend weht ein Hauch von Nationalstolz durch die Straßen. Und während die Kinder tanzen, singen und malen, erzählen sich die Erwachsenen von Atatürks Taten.

„Kindern, euch gehört die Zukunft unserer jungen Nation! Alle Rosen, alle Sterne und alle Freuden der Zukunft sind euer“, verkündet die Ballettlehrerin in der Mitte der Festlichkeiten, welche die Räume und Flure der Cengiz Topal-Schule beleben, im Eyup-Viertel am Westrand der Stadt. Beyza, kaum sieben Jahre alt, hat ihren Tanz einen ganzen Monat lang einstudiert, bevor sie ihn nun einem Publikum von 200 Zuschauern vorführt. Ein Vater nähert sich mir, um mir stolz ins Ohr zu flüstern, dass seine Tochter gerade singe, es sei die mit den Zöpfen. In dieser festlichen und friedlichen Atmosphäre frage ich mich plötzlich, an was sich das Kind, das ich einst war, eigentlich erinnert. Ist den Mädchen und Jungen der Sinn dieses Tages bewusst? Ist es richtig, sie auf diese Weise für eine nationalistische Idee zu sensibilisieren?

Um eine Antwort auf meine Zweifel zu erhalten, treffe ich mich mit Ali Faik Demir, einem Professor des Lehrstuhls für kemalistische Studien an der Galatasaray-Universität. Für Demir sind „diese Feierlichkeiten mehr als eine nationalistische Demonstration, sie sind ein Lob auf Friede und Eintracht. Das Motto lautet: ‚Die Kinder wollen keinen Krieg‘ – das kann man schwerlich als schlechte Lehre bezeichnen.“ Hat sich also keine Partei jemals gegen diese Feier gesträubt? „Nein!“, antwortet er mir, „es gibt keine starke Opposition gegen das Fest, weil es keine kemalistische Veranstaltung ist. Durch ein Ereignis mit so internationaler Tragweite will man auf keine Weise jemanden indoktrinieren oder Propaganda machen.“ Dennoch, die türkischen Fahnen wehen an diesem Tag bei Wind und Wetter.

Vor der Universität protestieren Studenten gegen die Zulassungsbestimmungen der Universität, indem sie die gleichen Rechte für alle Türken fordern, wobei sie Atatürks Namen erwähnen. Caglar, ein 20-jähriger russisch-armenischer Geschichtsstudent, sucht Unterstützung für eine Petition, welche die Überarbeitung der Geschichtsbücher fordert: „Die Bücher sagen nicht die Wahrheit über die Vergangenheit des Osmanischen Reichs, über die Beziehungen zu den Griechen und den Armeniern.“ Der Kindertag regt ihn etwas auf: „Ein Tag pro Jahr, um über Bildung und Rechte zu sprechen, das ist nicht genug. Die Kinder werden sich bald in einer Zwickmühle wiederfinden: Entweder sie entscheiden sich für eine öffentliche Uni oder für eine Privatuni. Dabei müssten die Möglichkeiten für alle gleich sein: Reiche und Arme, Söhne von Unternehmers und Söhne von Arbeitern.“ Doch es existiert eine Art ‚Sesam‘ in der Türkei, der den Söhnen staatlicher Beamter die Antworten für die Zulassungsprüfung für die Universität zuspielt – genau die Art von Ungerechtigkeit, die Caglar anprangert.

Trotz alledem bleibt die Kinderfeier den Studenten in guter Erinnerung. Es ist die Erinnerung an einen schulfreien Tag, an dem man tanzen und Süßigkeiten essen durfte. Gizem und Miriam, zwei 18-jährige Mädchen, denken lächelnd daran, wie sie selbst für die Feier Gedichte auswendig lernten. Ihrer Meinung nach ging es dabei vor allem darum, die gestellte Aufgabe bestmöglich zu erfüllen. Doch Miriam merkt an: „Mit der Zeit verlor das Ereignis seinen Wert, weil die Regierungen ihre Ideen aufzwingen wollen. Doch in Wirklichkeit denkt man nur in dieser einen Aprilwoche an die Kinder und Jugendlichen.“

Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 2010/11 Orient Express Reporter.

Fotos: ©Tania Gisselbrecht; Im Text ©Blerina Kushta