Kinder und Plastikknarren: das kurdische Viertel von Istanbul

Artikel veröffentlicht am 12. März 2009
Artikel veröffentlicht am 12. März 2009
Balat ist der kurdisch-armenische Bezirk von Istanbul. Die Weigerung der Behörden in Ankara, für ein gutes Einvernehmen der Bewohner zu sorgen, resultiert in einer Integrationsverweigerung der Bewohner.

Die Pistole ist auf mich gerichtet. Sie folgt mir, wird nie gesenkt. Ich höre das Klicken des Abzugs und sofort erreicht mich der Feuerstoß. Ich zeige keine Reaktion, bleibe still und fotografiere weiter, ein Auge an die Kameralinse gepresst. Mein Gegenüber ist kein Al-Quaida-Milizionär, sondern ein Kind mit einer Spielzeugpistole. Ich befinde mich nicht in den Straßen von Gaza-Stadt oder den Vororten Bagdads, sondern wenige Schritte entfernt vom Taksim-Platz, dem Wirtschaftszentrum Istanbuls.

©Giacomo RossoIstanbul macht seit einigen Jahren als eine der dynamischsten Städte Europas von sich reden. Wie Paris, London oder Rom wurde es ein Touristenziel, das Ausländer aus allen Teilen Europas anzieht. Die rasche ökonomische Entwicklung der Türkei, mit Istanbul als Vorzeigeobjekt, hat den türkischen Stadtzentren Glamour und internationales Flair verliehen. In Istanbul treffe ich Kaan, einen Studienfreund, der in der Stadt lebt und arbeitet. Ich bitte ihn, mich aus dem Stadtkern hinauszuführen, denn ich bin wegen Artikeln über die Stadt gekommen, die sich von den üblichen Geschichten und Fotos unterscheiden. Ich suche also das wahre Herz Istanbuls. Kaan zögert nicht. Wenige Augenblicke später haben wir den Taksim-Platz verlassen. Hinter der Fassade des türkischen Wirtschaftswunders wechselt die Szenerie.

©Giacomo Rosso

Hunderte von Abfallbergen

Das kurdisch-armenische Viertel von Istanbul heißt Balat. „Hier leben viele kurdische und armenische Zuwanderer, die aus den ärmsten Regionen der Türkei kommen“, erklärt mir Kaan. „Es war bis zu den siebziger Jahren der größte armenische Bezirk“, fährt er fort und zeigt mir den Sitz der Lehranstalt für die armenische Sprache. „Dann kamen die Kurden aus dem Südosten des Landes.“ Die Straßen sind in einem erbärmlichen Zustand und voller Müll. Trotz ihrer ungepflegten Erscheinung sind sie voller Menschen. Ich frage Kaan, ob er mir etwas zu den Hunderten von Abfallbergen sagen kann, die aus dem Müll bestehen, der aus den Fenstern geworfen wurde. „Das ist ihre Art gegen die Obrigkeit aufzubegehren“, erklärt er. „Sie bestreiten die Autorität der Regierung in Ankara und leben lieber in ihren eigenen Stadtteilen, inmitten von Verfall und Vernachlässigung, als zu einer Einigung über die Integrationsversuche zu kommen, die von der Regierung versprochen wurden.“

In diesen Straßen marschieren städtischer und sozialer Verfall im Gleichschritt. Arbeitslosigkeit und Schulverweigerung sind nur zwei der Probleme, denen sich die kurdische Gemeinschaft tagtäglich gegenübersieht. Es sind die Kinder, die mir sofort auffallen. Ohrenbetäubend stürmt aus jeder Ecke dieses Viertels eine chaotische Schar kleiner Kinder auf mich ein. „Viele der Kinder, die du siehst, können nicht lesen. Ihre Eltern schicken sie nicht in die Schule. Sie behalten sie lieber zu Hause als den öffentlichen Einrichtungen der Türkei zu vertrauen,“ fährt Kaan fort.

©Giacomo Rosso

An diesen Kindern beeindruckt mich am meisten ihre Vertrautheit mit Waffen. Sicher haben alle Jungen schon von klein auf “Krieg” gespielt, indem sie Erwachsene aus amerikanischen Filmen imitierten. Aber das tun die Kinder aus Balat nicht. Ihre Pistolen haben nicht das Aussehen und die glänzenden Farben der Spielzeugpistolen, mit denen ich Umgang hatte. Sie haben keinerlei kindliche Unschuld. Ihre Pistolen sind genaue Nachbildungen echter Waffen. Und sie schießen! Meine Kamera macht sie sofort neugierig. Kurz gesagt: Bevor ich zum Ziel werde, werde ich Objekt der Aufmerksamkeit.

„Die Waffen, die du siehst, sind nur die Nachbildungen der Waffen, die viele der Eltern tatsächlich zu Hause haben“, erzählt mir Kaan. „Statt Fußball zu spielen oder Rad zu fahren, ahmen sie das Verhalten ihrer Umgebung nach. Die kurdische Gemeinschaft, die aus den ärmsten Regionen der Türkei stammt, ist traditionellen Werten sehr verhaftet. Die Grundidee ist, dass Männer schon in sehr jungen Jahren eine ganz bestimmte Männlichkeit zeigen müssen.“

Dieses Verhalten des Sicheinkapselns in einem bestimmten Gebiet und die Verweigerung jeder Integrationsmöglichkeit, für die die Regierung in Ankara wirbt, zeigt nicht nur die kurdische Gemeinschaft. Im Herzen der Stadt verbergen sich Viertel wie Tarlabaşı oder Kasımpaşa, in denen Tausende von Roma oder Armeniern unter ganz ähnlichen Bedingungen leben. Viertel, in denen verfallende Häuser und städtischer und sozialer Niedergang die Norm darstellen. Es liegt auf der Hand, dass die türkische Regierung vor der Wirtschaft andere Aspekte ihres Landes verbessern muss, bevor sie sich der EU als mögliches Mitglied präsentieren kann.