Kinder des Widerspruchs: Von der UNO-Praktikantin zur Kellnerin

Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2012
Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2012
Alessia Bottone ist eine Art Walküre, die in den italienischen Medien für Wirbel gesorgt hat, nachdem sie in einem Brief an Arbeitsministerin Elsa Fornero ihre Geschichte erzählt hat. Alessia ist 26 Jahre alt, spricht drei Sprachen und hat im Rahmen ihrer Ausbildung sieben Länder gesehen; ihr Lebenslauf ist 4 Seiten lang und kann u.a. mit einem Praktikum bei den Vereinten Nationen aufwarten.
Was ihr das gebracht hat? Einen Job als Kellnerin in einer Bar, zwei Stunden pro Woche - falls sie gebraucht wird.

Alessia Bottone ist vor sieben Monaten nach Italien zurückgekehrt: nach Verona. Sie war sich sicher, bereit für den großen Sprung auf den Arbeitsmarkt zu sein. Vorzuweisen hatte sie einen Studienabschluss, viel Auslandserfahrung, das Praktikum bei den Vereinten Nationen als Sahnehäubchen und einen 4 Seiten langen Lebenslauf, den sie an über 200 E-Mail-Adressen schickte. Nun, nachdem sie sieben Monate lang Kaffee serviert und weitere, unzumutbare Praktika abgelehnt hatte (darunter eins als Verkäuferin für 300 Euro im Monat), hat sie wie damals in der guten alten Schulzeit erneut zu Papier und Stift gegriffen und einen Brief an Arbeitsministerin Elsa Fornero geschrieben, der in der italienischen Onlinezeitung Affari Italiani veröffentlicht wurde.

Ist ein Praktikant eine instabile Persönlichkeit?

"Die Zeitarbeitsfirmen sagen, dass sie nichts für mich haben, das Arbeitsamt sagt, dass ich in Italien meine Zeit verliere, viele antworten mir, dass mir mein Abschluss nichts nützt, andere sagen, ich sei eine instabile Persönlichkeit, weil ich so viel gereist bin." (Auszug aus Alessias Brief an die Ministerin)

Mit diesen Worten beschreibt Alessia ihren Leidensweg. Ihr Brief an die Ministerin enthält zwei Forderungen, die mehr oder weniger konkret und umsetzbar sind: Die erste bezieht sich auf eine modernere Regelung für Praktika, wie es sie in Ländern wie Frankreich bereits gibt, wo es gesetzlich vorgeschrieben ist, dass ein Praktikum nach zwei Monaten entlohnt wird. Zum Zweiten fordert sie, den jungen Menschen, die wie sie selbst "geglaubt haben", eine bessere Ausbildung sei der erste Schritt zu einer Verbesserung der eigenen Lebensbedingungen, "ihre Würde zurückzugeben." Andernfalls, so sagt sie "hätte ich auch vor sechs Jahren Verkäuferin werden können, statt von meinen Eltern zu verlangen, dass sie sich das Geld für meine Ausbildung vom Munde absparen."

Cafebabel.com: Hast du Antworten auf deinen Brief an Elsa Fornero erhalten? Was würdest du Europas Führungskräften gern mitteilen?

Alessia Bottone: Nein, aber Antworten sind nicht das Entscheidende, wir wissen ja, dass sie oft nur leere Phrasen von sich geben. Wenn wir weiterhin die Stimme erheben, werden die Beherrscher Europas uns früher oder später antworten müssen. Aber gibt es denn eine Bewegung für junge Menschen ohne Arbeit? Es gibt die Indignados, aber keine Gruppe von jungen Menschen, die sagt: "Ich will das nicht, ich gehe weiter und sehe nach vorn". Ich will die Krise nicht erklären, ich will von ihr erzählen. Ich bin ihr Produkt, so wie viele andere junge Menschen.

Cafebabel.com: Was war nach dem Brief der nächste Schritt?

Alessia Bottone: Nach der Veröffentlichung in Affari Italiani haben viele Leute Kommentare oder Mails an mich verfasst; ich wollte einen gemeinsamen Nenner schaffen, einen Raum, wo das Thema offen besprochen werden konnte. Mit der Krise geht als weiterer Faktor die Scham einher: Die Menschen haben Angst, darüber zu sprechen, was sie erleben, Angst, es sich selbst einzugestehen. Ich habe also gemeinsam mit anderen Mädels einen Blog eingerichtet, "Da Nord a Sud, parliamone" (von Norden bis Süden - sprechen wir darüber), wo nicht nur junge Menschen ihrem Herzen Luft machen können, sondern alle. Was alle Geschichten verbindet, ist der Vertrauensverlust. Mit 25, 26 Jahren ist das sehr schlimm. Die Leute schreiben nicht einmal mehr Bewerbungen, weil sie keine Antwort erhalten.

Cafebabel.com: Wie lässt sich dieser Prozess umkehren?

Wenn "wir" stillstehen, steht der Staat still.

Alessia Bottone: Nach fünf Praktika warte ich noch immer darauf, dass ich anfangen kann zu arbeiten. Die Jahre vergehen und die Möglichkeiten werden immer weniger. Neulich rief mich das Arbeitsamt an, um mir ein weiteres Praktikum anzubieten. Ich habe abgelehnt. Sie sagten, ich sollte annehmen, da ich keine Alternativen hätte. Ich habe dann mit der Leiterin gesprochen, die selbst gesagt hat, es sei "getarnte Schwarzarbeit, bzw. eine Strategie, um nichts zahlen zu müssen". Das ist eine legalisierte Form von Ausbeutung - es ist nicht zu fassen, dass Europa sich um Menschenrechte kümmert und einige europäische Länder nach wie vor von uns jungen Menschen verlangen, umsonst zu arbeiten. Meiner Meinung nach besteht der Staat in erster Linie aus uns Bürgern. Wenn "wir" stillstehen, steht der Staat still. Wir haben eine ungeheure Macht, aber wir sind uns dieser nicht bewusst. Diese Krise eint uns, und vielleicht können wir wirklich einen Vorteil daraus ziehen. Warum sagen wir nicht: "Nein. Achtung, die Regierung sind wir, wir sind immer da und behalten euch im Auge"?

Cafebabel.com: Wie ist es zu dieser perspektivlosen Situation gekommen?

Alessia Bottone: Man hat uns gesagt, dass wir lernen sollen, um ein besseres Leben als unsere Eltern zu haben; man hat uns gesagt, wir müssten studieren und danach hieß es, erstens brauche man uns nicht, zweitens seien wir nicht qualifiziert und drittens müssten wir noch ausgebildet werden. Wir haben einen Studienabschluss, sind qualifiziert, ausgebildet und vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Ich bin ein Kind dieses Widerspruchs.

Cafebabel.com: Welche Geschichte der Arbeitslosigkeit ist dir am meisten nahe gegangen?

Alessia Bottone: Die eines Mannes um die vierzig, der ein Immobilienbüro hatte und versucht hat, sich umzubringen. Seine Frau möchte nicht, dass es jemand erfährt, sie schämt sich und fürchtet, dass niemand das Haus kaufen wird. Ich sehe hier die Verzweiflung eines Vaters. Ich könnte übermorgen in die Schweiz fahren und dort als Kellnerin arbeiten, aber was hat ein Fünfzigjähriger mit 3 Töchtern für Möglichkeiten, was kann er sich ausdenken?

Cafebabel.com: Was wird der nächste Schritt sein?

Alessia Bottone: Wir hätten nie gedacht, dass wir über solche Geschichten berichten würden. Ab und zu vielleicht, aber jetzt leben wir mit der Angst, die Menschen bekommen die Krise psychisch zu spüren. Ich möchte über den Blog ein kleines Projekt verwirklichen: Ich möchte alle Telefonnummern sammeln, unter denen Menschen, die jemanden zum Reden suchen, psychologische Unterstützung erhalten.

Illustrationen: ©cafebabel.com; Video-Interview mit Elsa Fornero (cc)rainews24/YouTube