KIM CHAPIRON: Die schmutzige Elite

Artikel veröffentlicht am 8. April 2014
Artikel veröffentlicht am 8. April 2014

In seinem dritten Film hat sich Kim Chapiron entschieden, in das elitäre Milieu der Business Schools in Europa einzutauchen. Hier wird jede Beziehung über Marktprinzipien geregelt. Der französische Regisseur erklärt uns, dass er in La Crème de la Crème eine Generation der Verängstigten beschreibt. Ein Interview.

Cafébabel: Wo liegt der Aus­gangs­punkt des Dreh­buchs von La Crème de la Crème?

Kim Cha­p­i­ron: Noé Debré, der Ko-Dreh­buch­au­tor, ist mit einer zirka drei­ßigsei­ti­gen Be­ar­bei­tung, die "Busi­ness School" heißt, zu mir ge­kom­men. Es waren schon all diese Ele­men­te vor­han­den, die ich liebe: ein ech­ter Ver­such, die Ge­ne­ra­ti­on Y zu be­schrei­ben. Por­träts von wer­den­den Er­wach­se­nen blei­ben mein Lieb­lings­the­ma. Sie sind Mit­glie­der der be­rühm­ten Youporn-Ge­ne­ra­ti­on, die ziem­lich spek­ta­ku­lä­re Bil­der kon­su­mie­ren. Fer­ner habe ich den Ein­druck, dass wir einer Ge­ne­ra­ti­on an­ge­hö­ren, die nichts mehr de­sta­bi­li­sie­ren kann.

DIe ers­ten wer­den die letz­ten sein

CB: Denkst du, dass du ein Teil die­ser Ge­ne­ra­ti­on bist und somit die Le­gi­ti­mi­tät be­sitzt, diese zu be­schrei­ben?

KC: Ich denke schon. Ich bin 1980 ge­bo­ren. Als ich meine ers­ten Kurz­fil­me rea­li­sier­te, hatte ich das Glück ohne Ver­trieb aus­zu­kom­men. Dank des In­ter­nets konn­te ich meine Filme einer be­stimm­ten Pu­bli­kums-Spar­te an­glei­chen: jenen Leu­ten, die das neue Me­di­um ent­deck­ten. Ich ver­spü­re des­halb ein Zu­ge­hö­rig­keits­ge­fühl. Der Film ist eine Art Zeug­nis eines be­stimm­ten Teils der Ju­gend in Frank­reich.

Trai­ler von La Crème de la Crème. 

CB: Die sze­ni­sche Ent­wick­lungs­ge­schich­te des Pro­jekts ba­siert auf einer Groß­stadt­le­gen­de, nach derer ein in­ner­schu­li­sches Pro­sti­tu­ti­ons­netz­werk in der Ecole des Hau­tes Etu­des Com­mer­cia­les (HEC, Fran­zö­si­sche Eli­te-Hoch­schu­le für wirt­schaft­li­che Stu­di­en­gän­ge, AdÜ) zer­schla­gen wurde. Den­noch geht der Film deut­lich wei­ter. Er in­ter­es­siert sich auch für einen Teil der Ju­gend, die sich in gro­ßer Ge­fahr be­fin­det, was pa­ra­dox er­scheint, da sie alle Vor­aus­set­zun­gen mit­brin­gen, um er­folg­reich zu sein.

KC: In mei­nem Kino be­hand­le ich zwei Ge­gen­po­le: Zu­erst die Leute, die an letz­ter Stel­le ste­hen und jetzt jene, die an der ers­ten sind. Aber in Wahr­heit wird dir be­wusst, dass sie die glei­chen Ängs­te haben: Zu­kunfts­angst und die Ängs­te, die in dem Mo­ment ent­ste­hen, in dem man er­wach­sen wird. Ich glau­be, dass die neue Ge­ne­ra­ti­on viel mehr in der Rea­li­tät ver­an­kert ist als die Mei­ni­ge. Heut­zu­ta­ge weiß ein Typ, der nach acht Jah­ren das Stu­di­um ab­schließt, dass er sich in einem Scheiß-Be­ruf ab­ra­ckern muss. Die­ser Typ wird immer wie­der von der Rea­li­tät ein­ge­holt. Ich habe den Ein­druck, dass wir uns heut­zu­ta­ge das Recht zu Träu­men viel we­ni­ger er­lau­ben. Die Angst ist da. Die Zu­kunft ist be­ängs­ti­gend.

CB: Und be­ängs­tigt dich die Zu­kunft?

KC: Über­haupt nicht. Ich hoffe eben, dass man im Film viele Fa­cet­ten ver­spürt. Er fängt mit ziem­lich ver­ängs­tig­ten Fi­gu­ren an, die dann im Laufe der Ge­schich­te sym­pa­thi­scher wer­den. Ich liebe es, dass man meine Fi­gu­ren am An­fang hasst. Das ist der erste Re­flex. In dersel­ben Weise wird der Elite miss­traut.

"sehr, sehr viel Al­ko­hol"

CB: Was hat dich vor dem Film am Eli­te­mi­lieu in­spi­riert?

KC: Ich ver­su­che kein A prio­ri zu haben. Mein Beruf er­laubt es mir, Leute zu tref­fen, die ich nor­ma­ler­wei­se nie­mals tref­fen würde. Ich habe ein paar Do­ku­men­ta­tio­nen ge­se­hen und ein paar Ar­ti­kel in Ma­ga­zi­nen ge­le­sen. Aber ich ver­pflich­te mich, den Zu­schau­er zu zwin­gen, eine we­ni­ger de­fi­ni­ti­ve Mei­nung ein­zu­neh­men.

CB : Das heißt, du bist ganz neu­tral an die Rea­li­sie­rung von La Crème de la Crème her­an­ge­gan­gen?

KC: Nun ja, ich finde das ehr­li­cher. An­dern­falls würde ich ein an­de­res Me­di­um be­nut­zen. 

CB: Aber du hast dir trotz­dem die Codes des Mi­lieus an­eig­nen müs­sen?

KC: Ich habe keine de­fi­ni­ti­ve Mei­nung über die Elite, das wäre zu pau­schal. Wir müs­sen alle mit­ein­an­der zu­sam­men­le­ben. Es bringt nichts, in Sip­pen zu leben und feste Mei­nun­gen über an­de­re zu haben. Das ist eine mei­ner Mis­sio­nen als Fil­me­ma­cher. 

CB: Du muss­test dir Cha­rak­te­ris­ti­ken eines sehr spe­zi­el­len Mi­lieus an­eig­nen. Wie hast du die Codes und die Spra­che der Elite ge­lernt?

KC: Indem ich spa­ziert bin. Ich bin auf die gro­ßen Feste der Han­dels­schu­len ge­gan­gen. Ich habe mich für die Dinge in­ter­es­siert, die die Han­dels­schu­len aus­ma­chen – an­ge­fan­gen mit dem Kon­sum von sehr, sehr viel Al­ko­hol. 

CB: Hat die Tat­sa­che, dass du wäh­rend ei­ni­ger Mo­na­te in das Leben der Crème de la Crème ein­ge­taucht bist, deine An­sich­ten über das Stu­den­ten-Le­ben ge­än­dert?

KC: Mein Beruf war ein sehr guter Vor­wand, um in diese Welt ein­zu­tau­chen. Mir pas­siert etwas sehr Spe­zi­el­les so­bald ich einen Film be­en­de: Ich löse mich voll­kom­men von ihm. Also be­rührt mich auch das Echo mei­nes Fil­mes nicht. In dem Mo­ment, wo der Film raus­kommt, ge­hört er mir nicht mehr.

Zu sehen : La Crème de la Crème von Kim Cha­p­i­ron, ab 2. april im kino in frank­reich.