Kiez-Kino Sputnik: „Die Zeiten von Arthouse-Kino sind passé“

Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2016

Berlinale-Time! Bevor das Berliner Team wieder vom roten Teppich, aufstrebenden Sternchen und über einige der 400 Filme im Programm berichtet, haben wir der Filmkunst in den Berliner Bezirken nachgespürt. Lest mehr über unsere Kiezkinos des Vertrauens. Heute: Das Kino Sputnik in Kreuzberg.

Andrea Stosiek, die Betreiberin des Sputnik-Kinos, macht erstmal Kaffee und setzt sich an einen kleinen Tisch in der Bar des Kiez-Kinos im Herzen Kreuzbergs. Das Telefon klingelt während des Interviews. Manchmal muss sie abnehmen, manchmal will sie einfach ihre Geschichte fertig erzählen.

Denn zu erzählen hat sie viel -  von den Anfängen des Sputnik-Kinos in Wedding über den Umzug ins „Szene-Kreuzberg“, bis zu den Schwierigkeiten der Programmplanung für ein kleines Arthouse-Kino, das in Berlin mit einer großen Konkurrenz zu kämpfen hat.

Andrea bleibt trotz der Netflix-Zeiten zuversichtlich: „Die großen Zeiten von Arthouse Kino sind passé – weiter wachsen werden wir nicht. Aber ich hoffe, dass wir uns bisschen wie ein Tante-Emma-Laden halten werden“, erklärt Sie. Eins ist sicher: Dieses aus einer linken Subkultur, jenseits des US-amerikanischen Mainstream entstandene Kino hat sein Flair beibehalten. Sputnik heißt auf russisch 'Begleiter' – das Pendant zu den kommerziellen Apollos.

Zwischen Sonic Youth, Szene-Kreuzberg und Mauerfall

Anfang der 1980er Jahre gründete ein Kollektiv um Stefan Arndt das Sputnik I in Wedding. Dort wurde das erste Deutschland-Konzert der legendären Rockgruppe Sonic Youth veranstaltet. „Den Mietvertrag sind sie damit fast losgeworden, weil das Konzert so laut war“, schmunzelt Andrea. Doch vor dem Mauerfall war der Weg nach Wedding mit der U6 nicht besonders angenehm, und so zog das Sputnik 1988 nach Kreuzberg, „näher an sein Publikum“. In den Höfen am Südstern waren damals noch der berühmt-berüchtigte Schwulen-Club Schwuz sowie der Punk-Rockladen Blockshock. Stefan Arndt zog selbst in das alte Industriegebäude ein und dachte, für ein Kino sei auf der Gewerbefläche auch noch Platz. Und für einen Filmverleih auch, der mit der deutschen Science-Fiction Kultserie Raumpatrouille Orion bekannt wurde.

Diese Serie kennen wahrscheinlich nicht alle – aber das typische Sputnik-Publikum schon, denn das wird immer älter: „Die typische Programmkinogängerin ist 46 Jahre alt, weiblich, hat Print-Abos und ein überdurchschnittliches Bruttosozialeinkommen, meistens mit einem Akademiker-Hintergrund“, erklärt Andrea. Kommen denn keine jungen Menschen ins Kino? Doch. Aber in Berlin herrscht ein Ausnahmezustand – und somit gibt es eine besonders hohe Dichte an Arthouse-Kinos, nicht zuletzt wegen der Yorck-Gruppe, die insgesamt 15 Kinos deutschlandweit betreibt. Doch trotz der Konkurrenz ist Andrea der Gruppe auch dankbar, das Genre in schwierigen Zeiten am Leben erhalten zu haben. Und um das junge Publikum anzulocken, gibt es immer noch die Specials und Filmreihen.

So organisiert das Sputnik jedes Jahr im Januar das „British Shorts“ Festival -  das inzwischen größte englische Kurzfilmfestival außerhalb Großbritanniens.  2016 werden vier Filme vom Sundance Film Festival gezeigt, zwei BAFTA-Nominierungen und ein Film mit dem englischen Schauspieler Ben Whishaw. Von der Britischen Filmschule NFTS („National Film and Television School“), laut Andrea die beste Filmhochschule Englands, wird es eine Retrospektive geben. Und hinzu kommen noch  Konzerte und 48-Stunden-Filmworkshops.

Je mehr Preise, desto weniger Besucher

Neben den Specials hat das Sputnik aber über das ganze Jahr ein hervorragendes Programm – ein eklektischer Mix aus Independent-Filmen, sogenannten „Brotfilmen“ (u.a. versteht Andrea darunter Woody Allen), Dokumentar- und Kinderfilmen.

Schwerpunkt ist und bleibt junges europäisches Kino. Doch Andrea steht weiterhin vor dem dauerhaften Dilemma: „Je mehr Preise man für die Programmierung bekommt, desto weniger Kinobesucher hat man – und je mehr Besucher man anlockt, desto weniger Programmpreise bekommt man.“ Bis jetzt hat sich das Sputnik gut geschlagen, denn es bekommt jedes Jahr eine Reihe von Auszeichnungen, wie beispielsweise den BKM-Preis für kulturelle Bildung.

Großbritannien hat beste Filmschulen, Frankreich beste Filmförderung

Und wie schaut es mit der Zukunft des europäischen Kinos aus? „Großbritannien hat die besten Filmschulen und ein internationales Pool an jungen Produzenten. Dazu kommt natürlich noch der Humor. Deutschland hat dagegen nur Matthias Schweighöfer. Und Frankreich hat die beste Filmförderung, auch für anspruchsvolle Filme“ erklärt sie.

Auch 2016 wird es eine Reihe von sehenswerten Filmen im Sputnik geben: The Lobster zum Beispiel, ein klassischer Independent-Film. Oder Songs my brother taught me über Jugendliche im Indio-Reservat in den Staaten, der es sonst nicht in die deutschen Kinos geschafft hat. Auch deutsche Independent-Produktionen bleiben interessant, wie beispielsweise Das Floß über ein Lesbenpärchen. Andrea ergänzt: „Diese Filme brauchen das Kino. Die muss man auf einer großen Leinwand sehen.“

Und auch wenn ihr diese Filme verpasst: Es gibt noch zahlreiche Gelegenheiten, das Sputnik zu besuchen. Nach den British Shorts Festival, das am 21. Januar anläuft, wird das Sputnik wieder eines der Kiez-Kinos für die Berlinale. Ab Mai läuft wieder das Freiluftkino am RAW-Gelände. Dieses Jahr wird es auch eine spanische Filmreihe geben, begleitet von Tapas und Weinproben, sowie eine Doku-Filmwoche. Und last but not least: Die Fußball-EM!

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Ich bin ein Berliner - dieser Artikel stammt von unserem cafébabel Berlin-Team.