Khalid und die Generation der Brückenbauer

Artikel veröffentlicht am 20. September 2004
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Artikel veröffentlicht am 20. September 2004

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Khalid Chaouki, Präsident der 'Jungen Italienischen Moslems', rüttelt die Gewissen wach. Mit einem in der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ veröffentlichten Manifest attackiert er den Fundamentalismus. Und regt eine multikulturelle Gesellschaft an.

Es lohnt sich, die jungen Moslems kennen zu lernen, die mit uns leben. Um dadurch möglicherweise zu entdecken, dass Europa in seinem Inneren bereits viele der Antworten hat, die es für die Gefahren und Herausforderungen von heute sucht. Es genügt an Khalid Chaouki, 21 Jahre alt, ursprünglich aus Casablanca, zu denken. Er ist einer der Initiatoren des „Manifests gegen den Terrorismus und für das Leben“, das am zweiten September im Corriere della Sera veröffentlicht wurde. Khalid ist ein Kind unserer Zeit: Wie viele seiner Altersgenossen reist er mit neun Jahren seinem Vater nach Italien nach. Im Jahr 2000 gründet er den Verein der islamischen Jugend „Il Mediatore“ (der Vermittler), um eine Brücke zwischen der islamischen Kultur und dem Okzident zu bauen. Im September 2001 ist er unter den Co-Gründern des Vereins „Giovani Musulmani d’Italia“ (Junge Moslems Italiens), dem er seit 2003 vorsitzt.

Kampf dem Terrorismus…

Khalid konzentriert seine ganze Kraft auf den Dialog zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen: „Ein Dialog, der nicht die Unterschiede einebnet, der nicht die Identitäten assimiliert, sondern einen positiven Vergleich aufbaut, zur Bereicherung der ganzen Gemeinschaft“. Deshalb stellte er sich in einem Manifest, das in Italien großes Aufsehen erregt hat, „in totaler, absoluter Weise“ gegen den Terrorismus. Das Manifest vereinte Imame, Direktoren von Kulturzentren, Journalisten, Frauen, junge Studenten. Alle geeint, um diejenigen anzugreifen, die den Islam mit einer „extremistischen und von den Grundsätzen abweichenden Interpretation“ instrumentalisiert haben und damit „einen aggressiven Terrorkrieg gegen die gesamte Welt und gegen die gemeinsame menschliche Zivilisation entfesselt haben“. Der Kontext? Es ist jener der Entführung der französischen Journalisten Georges Malbrunot und Christian Chesnot im Irak und der Exekution des italienischen Journalisten Enzo Baldoni. Aber auch jener der zunehmenden Radikalisierung der italienischen Moscheen (allein in der Moschee von Rom wurden zwei Imame innerhalb eines Jahres entlassen). „Sagen wir es in klarer Art und Weise: Die Moscheen Italiens dürfen sich auf keinen Fall in ein trojanisches Pferd der integralistischen Ideologien und der internationalen Strategien verwandeln, die darauf ausgerichtet sind, eine theokratische und autoritäre islamische Macht zu errichten.“

…aber rührt den Schleier nicht an

Khalid ist das Gesicht eines moderaten Islams, der nicht darauf verzichtet, seine Identität zu beanspruchen: Deshalb unterstützte er am vierten September in London den „International Hijab Solidary Day“ zum Schutz des Rechts der moslemischen Frauen den Schleier zu tragen. So wie er schon seine Ablehnung des französischen Gesetzes, das religiöse Symbole in Schulen verbietet, zum Ausdruck gebracht hatte.

Khalid ist ein junger moderater Moslem, aber gleichzeitig fühlt er sich auch als junger Europäer. Er denkt, dass Europa durch eine größere Integration der Einwanderer aufgebaut werden soll. Ein Beispiel? „Denken wir an die Schule. Wir Moslems zielen darauf ab, vor allem anderen Staatsbürger zu sein. Die Religion ist wichtig, aber sie ist ein privater Faktor. Was wir brauchen, ist eine laizistische, öffentliche und pluralistische Schule“, erklärt er gegenüber café babel. In einem Europa, das nicht mehr nur christlich ist, sei es nützlich, „einen pluralistischen Religionsunterricht zu ermöglichen“. Deshalb ist er gegen getrennte Klassen für Moslems, genauso wie er dagegen ist, Koranschulen zu subventionieren: „Die getrennte Schule hilft dem gläubigen moslemischen Bürger nicht. Er muss die Kultur des Landes, in dem er lebt, vollständig kennen. Unser Glaube drängt uns dazu, die Unterschiedlichkeit als eine Möglichkeit zu sehen, die anderen kennen zu lernen. Nicht dazu, uns zu trennen.“

Für Khalid bedeutet die Integrationsarbeit auf einem Kontinent wie Europa, vor allem die zentrale Bedeutung der Jugendlichen anzuerkennen: Er nennt sie „Brückenbauer“ zwischen der islamischen Kultur und dem Okzident, „zwischen Eltern und Kindern der neuen islamischen Gegenwart“, zwischen Einwanderern der ersten und der zweiten Generation. Die jungen Moslems fühlen sich als Kinder Europas, sie sind „der Islam, der zu Allah betet und gleichzeitig mit uns im Alltag arbeitet und studiert.“ Sie sind dazu bereit – weit mehr als ihre Eltern- „eine gemeinsame Grundlage an Werten und Prinzipien für ein positives Zusammenleben zu teilen: Der Respekt für Gesetz und Freiheit, zwei Fundamente unseres zivilen Zusammenlebens“.

Die Hand, die Khalid und viele andere junge Moslems reichen, darf das brüsseler Europa gerade jetzt, da die Frage nach einer Aufnahme der Türkei ansteht, nicht ablehnen. Wie auch immer entschieden wird, die Stimme der jungen Moslems wird sich Gehör verschaffen. Im Übrigen lässt ihr Motto keine Zweifel aufkommen: „Die Protagonisten sind wir, mit Gottes Hilfe“.