Khadija Najlaoui, marokkanische Haushaltshilfe in Großbritannien

Artikel veröffentlicht am 4. Oktober 2010
Artikel veröffentlicht am 4. Oktober 2010
Laut einer kürzlich durchgeführten Studie zu zugewandereten Hausangestellten in Großbritannien erhalten 95% von ihnen nicht einmal den Mindestlohn, 58% arbeiten vermutlich mehr als 55 Stunden pro Woche und 41% erhalten keinen bezahlten Urlaub.
Ein Gespräch mit der marokkanischen Haushaltshilfe Khadija Najlaoui, die auf einer Veranstaltung des EU-Parlaments mit wichtigen Entscheidungsträgern gesprochen hat.

Warum haben Sie Marokko verlassen?

Seit meinem 15. Lebensjahr habe ich in einer Textilfabrik in Marokko gearbeitet. Die Arbeit war gut, aber schlecht bezahlt. Zu der Zeit musste ich mit dem Geld nicht nur meine Familie, sondern auch die Familie meines Bruders ernähren - und dafür hat es nicht gereicht. Dann verstarb mein Vater und meine Mutter wurde sehr krank, sodass ich mehr Geld verdienen musste. Ich dachte, wenn ich in einem anderen Land arbeiten könnte, würde ich auch mehr Gehalt bekommen. Als Arbeiterin in einer Textilfabrik erhält man aber kein Visum, um Marokko zu verlassen. Deshalb wurde ich Hausangestellte. Meine erste Arbeit fand ich in Dubai. Als ich dort ankam, haben mich die Arbeitszeiten und das Gehalt sehr schockiert. Im Vertrag stand, dass ich acht Stunden pro Tag arbeiten solle, aber in Wirklichkeit hörte die Arbeit nie auf und es gab keine freien Tage. Wenn ich einmal einen Tag frei nehmen musste, um wichtige Dinge zu erledigen, musste ich immer schon 2-3 Wochen vorher fragen und auch dann hing die Zustimmung immer noch von der Laune meiner Arbeitgeberin ab. Um diese Arbeit in Dubai zu bekommen, hatte ich in Marokko von einer Frau einen Vertrag gekauft. Der war so teuer, dass ich die ersten zwei Jahre mein ganzes Gehalt dafür ausgab, meiner Familie ein wenig Geld zu senden und meine Schulden zurück zu bezahlen.

Wie sind Sie nach Großbritannien gekommen?

Ich bin mit der Familie, für die ich damals arbeitete, zusammen nach Großbritannien gezogen, aber im Jahr 2007 zogen sie weg und ließen mich hier. Ich arbeitete also für eine andere Frau, die mich, neben meiner normalen Arbeitszeit von Montag bis Freitag auch zwang, samstags zu arbeiten. Ich traute mich nicht, nein zu sagen, denn ich hatte Angst, sie würde mich sonst entlassen. Im Juni 2009 dann wurde ich krank. Drei Tage lang arbeitete ich weiter; meine Arbeitgeberin sah, dass ich krank war, sagte aber nichts. Der Arzt sagte mir, dass ich Medikamente und absolute Ruhe bräuchte. Mir war klar, dass ich so nicht in diesem Haus bleiben konnte. Eine Freundin, die ich in der Moschee kennengelernt hatte, bot mir an, bei ihr zu wohnen. Meine Chefin ließ mich widerwillig gehen. Als ich nach einigen Tagen zurückkam, hatte sie alle meine Sachen in schwarzen Müllsäcken neben das Bett gestellt. Ich war so furchtbar wütend. Ich verließ endgültig dieses Haus und zog zurück zu der Freundin.

IIn Großbritannien beträgt der Mindestlohn £5.93 (6.85 Euro/ Stunde)

Sie sind mittlerweile Mitglied bei Kalayaan - Justice 4 Domestic Workers (dt.: Gerechtigkeit für Hausangestellte). Wie haben Sie von den Aktivitäten der NGO erfahren?

Ich habe meine Freundin begleitet, als sie sich bei Kalayaan angemeldet hat und bin schließlich selbst Mitglied geworden. Die Organisation bietet eingewanderten Hausangestellten Rechtsberatung, Visa- und Passverlängerungen und hat auch immer ein paar Jobangebote. Weiterhin gibt es kostenlose Englisch- und Computerkurse, was sehr wichtig ist, denn viele Angestellte sprechen kein Englisch. Ich bin auch einer Gewerkschaft beigetreten, habe von meinen Rechten erfahren und mich an einer Kampagne von Justice 4 Domestic Workers beteiligt. Bis dahin wusste ich nichts von einem Mindestlohn und nichts von meinen Rechten. Inzwischen habe ich eine faire Arbeitgeberin gefunden. Ich habe eine eigene Wohnung und Freizeit. Meine erste Arbeitgeberin in Großbritannien habe ich verklagt, sie muss mir jetzt Schmerzensgeld für die schreckliche Zeit, die ich bei ihr hatte, zahlen.

Was würden Sie europäischen Entscheidungsträgern gerne einmal sagen?

Halten Sie sich an die Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation bezüglich der Rechte von Hausangestellten. Ihnen muss Gerechtigkeit widerfahren. Wir arbeiten wirklich hart und werden oft so ungerecht behandelt: Es gibt viele Fälle von Angestellten, die im Haus eingeschlossen werden, an den Mindestlohn hält sich niemand und manche von uns müssen sogar auf dem Boden schlafen. Eine Freundin aus Nigeria hat 10 Jahre lang kein Gehalt erhalten und ihr Pass wurde ihr weggenommen. Arbeitnehmer sollten endlich begreifen, dass ihre Hausangestellten auch Menschen sind, genau wie sie selbst.