Kernenergie und Psychologie: Japan-Samurais vs. Hysterie-Europäer

Artikel veröffentlicht am 11. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 11. Juli 2011
Keine Tränen, kein Klagen. Die Bilder benommener Japaner inmitten zerstörter Häuser, die nach dem Erdbeben der Stärke 8,9 am 11. März aufgenommen wurden, erinnern weniger an den Schrei von Munch als an die Selbstbeherrschung eines Samurai. Ein Klischee?
Ein französischer Journalist hat sich dazu entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen: Wie lässt sich erklären, dass die Japaner angesichts der Katastrophe ihre Gefühle so unter Kontrolle halten, während die Europäer bereits genervt seufzen, wenn man ihnen einen etwas zu kalten Kaffee serviert?

Die Katastrophe in Japan konfrontiert die Europäer mit einer Vielzahl widersprüchlicher Gefühle: Entsetzen, Mitgefühl, Bewunderung, aber auch Ratlosigkeit und Unverständnis. Man möchte sich gerne mit diesem trauernden Volk identifizieren können, ihren Schmerz teilen, aber die Bilder, die uns erreichen, ermöglichen uns das nicht immer. Dies spiegelt sich auch in den Spendengeldern wider. Während in Frankreich die Spendenbereitschaft nicht richtig ins Rollen kommt, beläuft sich die Unterstützung der Amerikaner bereits auf über 20 Millionen Dollar.

Wir Europäer hätten die Nerven verloren

Es ist schwierig diese Menschen zu verstehen, die in den Überresten ihrer Häuser stehen und erzählen, sie hätten Bruder, Mutter oder Kind verloren, ohne auch nur die geringste Gefühlsregung auf ihren Gesichtern erkennen zu können. Es ist schwierig, die Resignation der Bewohner der Region rund um Fukushima zu deuten, die ihre Heimat verlassen müssen, in die sie vielleicht nie mehr zurückkehren können. Es ist auch schwierig, zu erklären, wie ein Volk, das die Schrecken der Atomkraft bereits im zweiten Weltkrieg erlebt hat, angesichts dieser erneuten nuklearen Bedrohung so ruhig bleiben kann.

Wir Europäer scheinen im Hinblick auf dieses Ereignis fast besorgter als die Japaner selbst. Man erlebt sie nicht wütend und das, obwohl sie kaum über die Geschehnisse informiert werden. Sie geraten nicht in Panik, ebenso bleiben Plünderungen oder gar Massenfluchten gen Süden bisher aus. In den Zeugenberichten, die von den Medien ausgestrahlt werden, sind die einzigen Japaner, die wirklich aufgewühlt scheinen diejenigen, die Freunde im Ausland oder die Möglichkeit haben die internationale Presse zu verfolgen. Sie scheinen hin- und hergerissen zwischen den unterschiedlichen Sichtweisen der verschiedenen Kulturen auf die Ereignisse und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen.

Rette sich wer kann - ich zuerst

Wir Europäer neigen im Krisenfall stark dazu, sehr emotional zu reagieren. Panik und Wut auf die Behörden und die Regierung sind Reaktionen, die bei uns sehr schnell aufkommen. Griechen, Portugiesen, Spanier und selbst die eigentlich unerschütterlichen Engländer sind vor kurzem auf die Straße gegangen, um gegen ihre jeweilige Regierung zu protestieren. Ganz zu schweigen von den Franzosen, die sich gern beim geringsten Anlass beschweren. Hier ein Video, das den großen Mentalitätsunterschied zwischen Japanern und Franzosen zeigt:

Le Canard Enchaîné, eine satirische Wochenzeitung aus Frankreich, berichtet in der Ausgabe vom 23. März von einem interessanten Zwischenfall: Wenige Tage nach der ersten Explosion im AKW Fukushima verließ fast ein Viertel der Mitarbeiter der französischen Botschaft in Tokio das sinkende Schiff. Der örtliche Leiter des Geheimdienstes und der stellvertretende Beauftragte für Kernenergiefragen sind nur zwei von vielen, die ihre Koffer gepackt hatten und in den Süden und ins Ausland geflüchtet waren, bevor sie es sich einige Tage später anders überlegten.

Diese gegensätzlichen Verhaltensweisen spiegeln jedoch nicht unbedingt eine grundsätzlich unterschiedliche Wahrnehmung der Katastrophe wider. „Die Japaner sind in der Öffentlichkeit tatsächlich sehr zurückhaltend, was deutlich erkennbar ist und auf ihre Erziehung zurück geführt werden kann“, meint Bernard Bernier, Professor für Anthropologie an der Universität Montréal und Forscher am Zentrum für Ostasienwissenschaften. „Den Japanern wird von klein auf beigebracht, ihre Gefühle zu kontrollieren- zuerst zuhause, dann in der Schule, wo strenge Disziplin herrscht. Das bedeutet aber nicht, dass sie gefühlskalt sind. Es ist durchaus möglich, Gefühle wie Trauer und Wut zu zeigen, allerdings nur im privaten Rahmen, also zuhause.“

Unterdrückte, aber allgegenwärtige Wut

Und die Japaner sind sauer. Zum einen auf den Betreiber des Atomkraftwerks in Fukushima Tepco, dem Arroganz und undurchsichtiges Vorgehen bei der Aufklärung der Atomkatastrophe vorgeworfen werden. Und zum anderen auf die japanische Regierung, deren Krisenmanagement in der Kritik steht. Hinter dieser unterdrückten Wut steht eine kollektive Willenskraft, die in japanischen Internetblogs und der Presse überall wahrnehmbar ist. Es ist durchaus möglich, dass sich diese Unzufriedenheit bei den nächsten Parlamentswahlen 2013 widerspiegeln wird.

Bernard Bernier widerlegt auch einen weiteren Mythos, demzufolge das Temperament der Japaner etwas „Naturgegebenes“ sein soll: „Das Zurückhalten der Emotionen der Japaner war nicht immer so stark ausgeprägt. Eliten ergriffen 1848 die Macht und machten schrittweise, nach dem Vorbild der Samurai, Stolz und Zurückhaltung zu den Wertmaßstäben der gesamten japanischen Gesellschaft. Diese Veränderung hat sich nach und nach im 19. und 20. Jahrhundert mit Hilfe des Bildungssystems durchgesetzt. Vor ungefähr vierzig Jahren konnte man sich, vor allem in einigen ländlichen Gebieten, wesentlich freier äußern.“ Die Reaktionen hingegen, die wir zurzeit beobachten, dieser Wunsch nach Standhaftigkeit verdeutlichen den durchaus bestehenden Nationalismus. „Dieses 'Wir' in Abgrenzung zu 'den Anderen' bildet die Grundlage der japanischen Identität“, erklärt der kanadische Forscher. „Eine sehr eingeschränkte Identität, die durch Abstammung festgelegt wird und Einflüsse durch Immigration vermeidet.“

Angesichts der Tragödie die Japan erlebt hat, reagieren die Europäer, wie man es nicht anders von ihnen erwarten würde. Sie sehen Japan am Rande der Existenz. Da wir unsere Emotionen freier zum Ausdruck bringen, neigen wir dazu, die Japaner als mutige aber auch ein wenig unempfindliche und fatalistische Menschen wahrzunehmen. Bernard Bernier sieht das aber differenzierter: „Japaner unterdrücken ihre Gefühle nicht. Sie beherrschen sie.“

Fotos: Homepage (cc)ID-EasyDoor/flickr; Spenden für Japan (cc)sorarium/flickr; Fukushima (cc)Monster and girls/flickr