Kerala: Die Tücken der schwarzen Magie

Artikel veröffentlicht am 9. Januar 2013
Artikel veröffentlicht am 9. Januar 2013
Tobende Kinder, faltige Großmütter am Stock, eine bockige Ziege, drei Hühner, zehn trommelnde junge Männer, ein dazu aus Leibeskräften krächzender Alter und eine Schauspielertruppe: Das kleine Dorf im Norden von Kerala, in dem ich nach stundenlanger Autofahrt über holprige Waldwege gelandet bin, ist kaum mehr als ein Wohnkomplex mit einem großen Hinterhof.

Alle hier scheinen verwandt und nicht unbedingt an Ausländer gewöhnt zu sein. Dass eine Weiße sich zu diesem magischen Theaterspektakel eingefunden hat, versetzt die gastgebende Familie in höchste Freude und ich werde sogleich zum Essen eingeladen. Reis, Curry mit Kokosnuss, Okra und Tamarindensauce werden auf einem Bananenblatt serviert und mit den Fingern gegessen. „So eine Zeremonie ist etwas Besonderes, das kommt nicht alle Tage vor“, meint Gautham, der Leiter der Sarang Hills School, an der ich einen Hindi-Kurs belegt habe. Was mir als einfaches Dorffest angekündigt wurde, entpuppt sich aber als bei Weitem wilder als gedacht.

Es sind hier zwar alle Hindus, aber die Rituale, die heute Abend ausgeübt werden sollen, haben mehr mit schwarzer Magie als mit Räucherstäbchen schwingenden Brahmanen zu tun. Bei genauerem Hinsehen stelle ich dann auch fest, dass die beiden Hausaltäre nicht eben gewöhnlich aussehen und von knapp zwanzig handtellergroßen, schwarzen Steinen geschmückt werden. „Das sind die Schlangengottheiten, die in diesem Dorf verehrt werden“, erklärt mir Gautham: „Laut der lokalen Legende haben die Vorfahren der Familie diese Götter von ihren Wanderungen in den Bergen mitgebracht, wo sie im Zentrum des animistischen Glaubens nomadisch lebender Stämme stehen.“

Ghost_Kerala.JPGEs muss nun wohl schon weit nach Mitternacht sein, denn der Urwald, der den Wohnkomplex umgibt, ist stockdunkel und von seltsamen Lauten erfüllt. Eine Gruppe junger Männer trommelt seit Stunden unermüdlich den gleichen Rhythmus, während ein hageres Männlein Lieder in Malayalam, der Sprache Keralas, singt. Was für mich wie ohrenbetäubendes Krächzen klingt, ist eine Nacherzählung der Legende von der Ankunft der Schlangengottheiten im Dorf, übersetzt Gautham. „Die zugehörigen Rituale sind eine Mischung aus animistischen Stammesbräuchen und hinduistischen Zeremonien. Aber die meisten Leute wissen gar nicht mehr, wie man alle Handgriffe korrekt ausführt. Deswegen wird für solche Anlässe eine Magiertruppe engagiert.“ 

Während ich mich noch über diese religiöse Geschäftemacherei im Mutterland der Spiritualität wundere, sammelt sich eine Gruppe junger Keraliten vor dem kleineren Altar und beginnt, ihre Kostüme anzuziehen. Die meisten der schauspielernden Priester tragen nicht mehr als den in Südindien üblichen dhoti (ein um den Unterleib geschlungenes Tuch) in matten Orangetönen. Nach einigem Hin und Her zerren sie schließlich einen korpulenteren Mann vor den Altar, dem ein farbenprächtiger Rock, Arm- und Fußreifen mit Glöckchen und ein aufwändiger Kopfputz angelegt werden. „Das ist Ranjeet, von dem die Gottheit während der Zeremonie Besitz ergreifen wird“, erklärt Gautham. Der rote Bastrock sieht beinahe afrikanisch aus und erinnert mich an Kostüme, die ich schon in einem anderen Dorf im Norden Keralas bei einer Theyyam-Zeremonie gesehen hatte. Auch dort wurde gehüpft, gesprungen und getrommelt, bis der kostümierte Tänzer in Trance verfiel und die Anwesenden stellvertretend für die Lokalgottheit segnete.

Ranjeet scheint mit seiner Rolle aber wenig zufrieden, denn nachdem er vollends kostümiert ist, taucht er kopflos in der Menge unter. Während sich die Schauspielertruppe mit lautem Geschrei an seine Verfolgung macht, schüren zwei ältere Männer ein Feuer und bereiten ein Bett glühender Kohlen vor. Kaum ist der Flüchtige gefasst, wird er auch schon unter Heulen und Zähne Knirschen heran geschleift. Als ich mich noch frage, ob auch er vielleicht ein Schauspieler ist und sich nur ängstlich stellt, ist Ranjeet schon blitzschnell über die Kohlen geflitzt und wirft sich vor dem kreischenden Publikum in die Brust.

„Jetzt geht es der Ziege an den Kragen“, flüstert der neben mir sitzende Gautham. Zu Schellenklang und dumpfen Trommelschlägen wird das bockige Tier vor den größeren Altar geführt, wo ihm kurzer Prozess gemacht wird: Die Beine zusammengeschnürt, auf den Rücken geworfen, ein kurzer Schnitt durch die Kehle und dann spritzt das Blut auch schon auf den Altar. Da das aber nicht reicht, wird auch noch eines der Hühner geschlachtet. Nach und nach sammeln sich die älteren Familienmitglieder und der nun wohl in Trance verfallene Ranjeet vor dem Blutbad und beginnen ihre spiritistische Fragestunde mit den Schlangengöttern. Die daneben liegende Ziege verdreht immer noch die Augen, bis sie schließlich nach einigen Minuten und einem letzten Zucken stirbt. Das scheint den umstehenden jungen Keraliten nur gelegen zu kommen, denn die meisten unter ihnen fordern schon lautstark ein Ziegenfleischcurry. Die Schauspielertruppe stimmt unterdessen reißerische Gesänge an und bereitet neue, noch buntere Masken und Kostüme vor. Kaum ist Ranjeet die letzte Frage gestellt worden, beginnen auch schon schnelle, hypnotisierende Rundtänze, bei denen die Frauen der Familie ihre langen offenen Haaren von links nach rechts werfen und über den Erdboden schleifen. „Du solltest auch mittanzen, dann wachsen deine Haare schneller,“ meint Gautham lachend.

Gegen drei Uhr morgens wird schließlich ein traditionelles Theaterstück aufgeführt, dessen Handlung zum Großteil improvisiert wird. Da die mich umgebenden Zuschauer immer wieder in schrilles Lachen ausbrechen, muss das Spektakel wohl sehr lustig sein. Als einer der Schauspieler auf mich zu tänzelt, einige kurze Sätze schreit und die Menge sich kaum halten kann, frage ich mich, ob ich nicht vielleicht besser Malayalam hätte lernen sollen. Die Komik des Gesagten scheint aber auch für Gautham nur schwer zu übersetzen zu sein: „Er hat nur einen Witz über deine Hautfarbe gemacht. Die meisten hier haben weiße Frauen nur im Fernsehen gesehen.“ Als auch der letzte Tanz ausgeführt und die Trommeln endlich weggelegt worden sind, geht die Sonne blass über den Bananenstauden auf.

Während im Morgenlicht das ganze blutige Ausmaß der nächtlichen Zeremonien sichtbar wird, unterhält sich Gautham mit dem Familienvater: „Die meisten sind nicht zufrieden mit dem Ritual, weil sie meinen, dass Ranjeet nicht wirklich besessen war, sondern nur geschauspielert hat. Jetzt wollen sie ihr Geld zurück.“ Bei magischen Zeremonien scheint in Kerala also nicht gescherzt zu werden, denn es wird dabei ein rechtlich wirksamer Vertrag abgeschlossen. Wenn der Zauber nicht wirkt, haften die Magier. „Eine Wiederholungs-Zeremonie bringt aber auch nichts,“ meint Gautham lachend: „Laut der Hindu-Mythologie leben wir im Zeitalter der Göttin Kali, das von spirituellem Verfall gekennzeichnet ist. Die Götter kommen nicht mehr einfach so auf die Erde, um die Fragen der Menschen zu beantworten.“ Wahrscheinlich steht das sogar im Kleingedruckten des Magie-Vertrags – schließlich muss ja alles mit rechten Dingen zugehen.