Kemal Dervis, ein türkischer Trumpf

Artikel veröffentlicht am 20. September 2004
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Artikel veröffentlicht am 20. September 2004

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Als Parlamentsabgeordneter von Istanbul hat sich Kemal Dervis sowohl dem Aufbau der türkischen Sozialdemokratie als auch der europäischen Zukunft seines Landes verschrieben.

"Kemal Dervis gehört zu den Männer, deren Leben und Werk dem Orient Hoffnung gibt. Er wird einer der Trümpfe des zukünftigen Europas sein", mit dieser Lobrede beendete der Historiker Alexandre Adler seine Verteidigungsrede für die Türkei. Auch wenn er in seinem leidenschaftlichen Lob für Kemal Dervis recht vage bleibt, hat er auch damit recht. Denn Kamal Dervis, die Türkei und das zukünftige Europa – sie haben es gemein, schwer einordbar zu sein und viele Fragen aufzuwerfen.

Sein Lebenslauf ist viel sagend: Kemal Dervis, 56 Jahre alt. Vater Türke, Mutter Deutsche. Wirtschaftsstudium in Europa und den USA. Ehemaliger Vizepräsident der Weltbank. Von 2001 bis 2002 Super-Wirtschaftsminister. Abgeordneter der sozialdemokratischen Republikanischen Volkspartei CHP in Istanbul.

Doch er reicht nicht aus, um sich ein Bild von Kemal Dervis bilden zu können. Sein Leben ist von scheinbaren Widersprüchen geprägt: Akademiker, aber den Eskapaden seines Sohnes ausgesetzt, der sich als DJ die Nächte um die Ohren schlägt. Sozialdemokrat – in einer Partei, die immer nationalistischere Töne anschlägt. Ein überzeugter Europäer, der zu überzeugen weiß – wären da nicht die Grenzen, die ihm seine Nationalität aufbürdet. Dies nur um einige der vielen Beispiele zu nennen, die zeigen, dass Kemal Dervis ein Mann ist, der aus dem Rahmen fällt.

Getupftes Gemälde

Während seiner Zeit als Chefökonom, in der er die Strukturpläne des Internationalen Währungsfonds für die Türkei entscheidend prägt, wird er beschuldigt, ein Helfershelfer des Imperialismus zu sein. Doch dem ist nicht so: Globalisierungskritiker Joseph Stiglitz dankt ihm schon auf den ersten Seiten seines Bestsellers "Globalisation and its Discontents".

Nach einer marxistisch geprägten Jugend schlägt dieser Mann, der an die guten Seiten des freien Marktes glaubt, die Einführung einer internationalen Steuer auf Kapitalströme vor, um Risiko zugunsten von Beschäftigung auszugleichen. "Sozialismus und Kapitalismus fanden Ende des 20. Jahrhunderts zusammen. Seitdem wird diskutiert, inwieweit der Staat eingreifen darf und auf welchem Niveau er dies sollte – auf lokaler, kontinentaler oder sogar globaler Ebene…" Er schockiert als kemalistischer Republikaner die Linke, indem er aus der Debatte über Laizität und der über das Verbot, das Kopftuch in der Universität zu tragen, zwei Paar Stiefel macht. Da empfiehlt man ihm, bei den "Islamisten" der Regierung vorbeizugucken. Anfang 2004 gibt er alle Verantwortung in der Partei ab, doch seine Rolle übersteigt die eines Funktionärs. Auch wenn er sich nicht an der Macht befindet, ist er eine Autorität, der man zuhört.

Ein Mann, der sich nicht einordnen lässt

Kemal Dervis wurde letzten Frühling von der Regierungspartei AKP (die religiös-konservative "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung") eingeladen, an die Spitze der Delegation zu treten, die die Beitrittsverhandlungen mit der EU betreuen wird – falls diese im Jahr 2005 beginnen sollten.

"Verhandlungsführer oder nicht, das ändert für mich nicht viel (…) Den größten Teil meiner Zeit widme ich ohnehin Europa" So diskutiert er beispielsweise als Leiter eines think tank mit seinen Gegnern. Bei einer Konferenz in Berlin im Juni füllte er das wütende Schweigen der führenden Köpfe der CDU, indem er seine Vision einer EU darlegte, die seiner Meinung nach weder christlich noch eine Freihandelszone sein sollte, sondern offen und ausgerichtet auf die globalisierte Welt von heute.

Kemal Dervis läßt sich nicht einordnen. Er trägt schon heute die Züge der kosmopolitischen Elite des zukünftigen Europas. Wird er die türkische Linke retten? Kommisar in Brüssel? Oder wird er, so hoffen einige, eine der leitenden Figuren einer Linken, die die europäischen Grenzen überschreitet?