Keine neuen Truppen aus Europa

Artikel veröffentlicht am 12. Oktober 2006
Artikel veröffentlicht am 12. Oktober 2006

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Obwohl sich die Krise in Afghanistan verschärft, weigern sich Europas Staaten, neue Truppenkontingente an den Hindukusch zu entsenden.

Am 28. September stimmte der deutsche Bundestag für eine Verlängerung des Mandats der in Afghanistan stationierten Truppen, das ursprünglich Mitte Oktober auslaufen sollte. Die Entscheidung zeigt, wie sehr sich Europa für die Demokratisierung Afghanistans engagiert.

Doch diese ist noch lange nicht gewonnen. Der Vertreter der EU in Afghanistan, Francesc Vendrell, erinnerte am 21. September in Brüssel eindringlich daran, dass „eine gewonnene Schlacht noch kein gewonnener Krieg ist“. Mit anderen Worten: Weitere Truppen werden benötigt. Die Reaktion von Seiten der EU-Staaten war eher dürftig.

Einzig die USA haben am 28. September die Eingliederung ihrer im Land stationierten Truppen in die ISAF (Internationale Schutztruppe für Afghanistan) verkündet, die seit dem 31. Juli letzten Jahres aus etwa 30 000 meist europäischen Soldaten besteht.

Eine heikle Angelegenheit

Trotz des militärischen Beitrags hat die deutsche Regierung klar gemacht, dass sich der Einsatz ihrer 2900 Soldaten auf den Norden des Landes beschränken wird. Dort gibt es im Vergleich zum britisch besetzten und „massiv von Rebellen umkämpften“ Südwesten kaum Gefechte. Die deutsche Regierung sieht sich harscher Kritik von Seiten der Linkspartei und der Grünen ausgesetzt, die ihr vorwerfen, nicht genügend gegen den illegalen Opiumhandel und die Gefahr terroristischer Anschläge in Deutschland zu tun.

Französische, türkische, dänische und italienische Truppenkontingente sind ebenfalls weit vom Süden entfernt stationiert. Ebenso versuch Spanien, den Aktionsradius seiner 800 Soldaten auf den Nordosten zu beschränken. Madrid plant nicht, weitere Truppen nach Afghanistan entsenden. Einzig Polen hat die Entsendung weiterer 900 Soldaten angekündigt, die dieses Jahr aus dem Irak abgezogen werden sollen; diese Entscheidung hat in Warschau allerdings die Regierungskrise verstärkt, die nur acht Monate nach den letzten Wahlen zu Neuwahlen führen könnte.

Begrenzte Wirksamkeit

Die EU-Staaten werden um die Entsendung größerer Truppenkontingente gebeten, weil sich für Briten und Amerikaner im Südwesten Afghanistans die Lage verschärft. Laut einer Mitarbeiterin der UNAMA – der UN-Mission, die sich um die Demilitarisierung und um die Organisation von Wahlen im Land kümmert – sind die „Bauern aus Gründen der Tradition gastfreundlich gegenüber den Taliban. Durch die Einnahmen aus dem Opiumhandel können diese gut bezahlen.“

Mit diesem Geld finanzierten die Aufständischen „die Erweiterung ihrer Söldnerheere um ausländische Kämpfer, die sechsmal so viel wie ein Soldat des regulären afghanischen Heeres verdienen, und um desillusionierte Afghanen, die Freunde und Familienmitglieder von britischen Truppen in mehrheitlich von den Paschtunen bewohnten Regionen verloren haben.“

Häufig kommt es zu Entführungen von Zivilisten, wie etwa im Fall von Diego Rojas, einem kolumbianischen Mitarbeiter dieser Zeitung, der am 29. Dezember letzten Jahres freigelassen wurde. Laut UNAMA handele es sich dabei nicht um politische Entführungen, sondern um solche, die einzig Lösegeldforderungen zum Zweck haben. „Nahezu täglich verhandeln UNAMA-Mitglieder mit den Taliban, um den Wiederaufbau des Landes zu organisieren und um sie von Angriffen auf NGOs abzuhalten.“

Verhandeln und beschützen

Gleichzeitig müssen die ausländischen Truppen mit den Warlords verhandeln. So geschehen nach der Ermordung des Luftverkehrsministers Mirwais Sadiq vor zwei Jahren. Dessen Vater, ein ehemaliger Warlord und heute mächtiger Gouverneur der Provinz Herat, machte einen Regierungsbeamten für die Ermordung verantwortlich. Es bedurfte harter Verhandlungen, die durch die Straßenkämpfe in Herat nicht gerade erleichtert wurden. „Was das angeht,“ so UNAMA, „sind die Europäer den Amerikanern bei weitem überlegen.“

Im Norden werden die meisten Truppen von europäischen Staaten gestellt. Dort geht der Wiederaufbau auch dank des militärischen Schutzes schneller voran, selbst wenn die Bemühungen manchmal als wenig sinnvoll empfunden werden. „Wenn die Gelder für das europäische Hilfsprogramm ECHO und das amerikanische USAID nicht für die Zwecke ausgegeben werden, für die sie vorgesehen waren, müssen sie zurückgegeben werden. Das führt oftmals dazu, das Ausgaben übereilt und unsinnig geplant werden“ , so ein UN-Mitarbeiter, der den Aufbau der Infrastruktur in den afghanischen Städten überwacht.

Angesichts der Probleme, auf die die Befehlshaber der NATO wiederholt hingewiesen haben, ist zu erwarten, dass sich die Befriedung und der Wiederaufbau Afghanistans noch einige Jahre hinziehen werden. Bis man in Afghanistan von „Wohlstand“ sprechen kann, wird es noch Jahrzehnte dauern.