Keine Macht den Frauen? Indien denkt um

Artikel veröffentlicht am 25. Juli 2013
Artikel veröffentlicht am 25. Juli 2013

Auf dem Rückweg von Indien hört man in diesem Sommer nur eine Frage: War das denn nicht gefährlich? Seitdem der Fall einer 23jährigen Frau aus New Delhi, die im Dezember 2012 vergewaltigt wurde und später ihren Verletzungen erlag, in den europäischen Medien aufgegriffen wurde, scheinen viele bei dem Stickwort Indien nur Vergewaltigung, Risiko und Geschlechtersteinzeit zu hören.

Es folgen viel beachtete Berichterstattungen über Massenproteste in Delhi und Gewaltverbrechen an ausländischen Touristinnen in Orcha, Madya Pradesh und Agra. 2013 ist Indien ein Urlaubsziel non gratum. Wen die europäische Berichterstattung beunruhigt, den könnte in Indien die glatte Panik erfassen. Kein Tag vergeht, an dem man nicht von sexueller Gewalt liest. Doch geht es in den Mitteilungen in der Assam Tribune oder im Telegraph Calcutta selten um Ausländerinnen. Berichtet wird von Übergriffen auf junge und alte Inderinnen, Vergewaltigungen von Minderjährigen und Gewaltverbrechen an Kleinkindern. Auch beim nachlässigen Blättern in der Lokalzeitung in einem Restaurant in Shillong bleibt das Entsetzen nicht aus. Schockiert von der Geschichte zweier 4- und 5jähriger Mädchen, die im Bundesstaat Meghalaya vergewaltigt worden sind, versucht der Besitzer doch zu beruhigen: „Ausländerinnen brauchen keine Angst zu haben, wir passen auf sie auf.“ Aufmunternd lächelnd schiebt er die Visitenkarte des Restaurants über den Tresen: „Hier steht meine Nummer drauf. Bei Problemen helfe ich.“

Im März 2013 gab die indische Industrie- und Handelskammer ASSOCHAM bekannt, dass 25% weniger ausländische Touristen das Land besuchten. Laut einer – nicht unumstrittenen – Kurzumfrage der ASSOCHAM Social Development Foundation verzeichneten Reiseagenturen und Tourismusbehörden sogar 35% weniger weibliche Besucher. Das gesteigerte Unsicherheitsgefühl, das viele Frauen beim Gedanken an Indien ergreift, scheint mehr zu sein als eine bloß latente Emotion. Trotzdem muss man sich in diesem Frühjahr im Nord-Osten Indiens nicht unsicherer fühlen als in den Jahren zuvor. Das mag daran liegen, dass hier modernere Umgangsformen herrschen. Aber auch in West Bengal und Assam, die beide stark hinduistisch geprägt und relativ konservativ sind, kann man sich so frei bewegen, wie das einer Ausländerin in Indien eben möglich ist. Stark patriarchalische Gesellschaftsstrukturen, auf männliche Priester und Götter fixierte Religionen, eine ungerechte Mitgifttradition, die Rolle der hinduistischen Ehefrau als Dienerin ihres Göttergatten, häusliche Gewalt und Abtreibungen weiblicher Föten: Dass in Indien einiges im Argen liegt, fällt auch der unbedarften Touristin schnell auf. Dementsprechend belegte das Land 2012 im UN Gender Inequality Index unter 186 Staaten den 136. Platz. Der Blick auf aktuelle Vergewaltigungsstatistiken ist ebenso alarmierend: Im letzten Bericht des indischen National Crime Records Bureau werden zwar 24.923 angezeigte Vergewaltigungen für das Jahr 2012 verzeichnet. Bedenkt man aber, dass Indien mehr als eine Milliarde Einwohner, davon knapp 600 Millionen Frauen, zählt, wird klar, dass der Blick auf Zahlen hier nicht weiterhilft. Vergewaltigung ist in Indien mit einem starken Tabu belegt, sodass viele Übergriffe erst gar nicht zur Anzeige gebracht werden. Zu groß ist die Angst vieler Frauen, abgewiesen, beschwichtigt, bloßgestellt oder – im schlimmsten Fall – erneut misshandelt zu werden.

Einer Ausländerin ergeht es jedoch meist anders. Da sie schon durch ihre Hautfarbe sofort auffällt und für nicht wenige Inder ein Sehnsuchtsobjekt darstellt, ist sie immer die Fremde, die Andere. Die Unantastbare. Der Gast, der beschützt wird. Denn die Regeln der Gastfreundlichkeit sind in Indien sehr streng und ihre Einhaltung äußerst wichtig. Der Schutz von weiblichen Besucherinnen gehört unbedingt dazu. Ob es nun ein ältlicher Regierungsbeamter in Guwahati, ein junger Musiker auf der Fähre nach Majuli oder ein Restaurantbesitzer in Shillong ist: Sie alle sind sich der besonderen Lage bewusst und tragen Fremden ihren Schutz an. Andererseits muss man als Ausländerin kulturelle Unterschiede zu erkennen wissen und sich an gewisse soziale Regeln halten. Großzügig verhüllende Kleidung und Zurückhaltung im Umgang mit Männern gehören zur eigenen Sicherheit ebenso wie die Einhaltung einfacher Grundregeln, die das Risiko, in unerfreuliche oder gefährliche Situationen zu geraten, erheblich verkleinern: So sollte man beispielsweise nach Einbruch der Dunkelheit nicht allein um die Häuser zu ziehen, lieber nicht mit lauten Männergruppen Alkohol trinken und nicht per Anhalter bei Fremden mitfahren. Diese Verhaltensweisen leuchten spätestens beim zweiten Nachdenken ein und sind in so gut wie allen Reiseführern nachzulesen.

Nur wenige ausländische Touristinnen in Indien, darunter aber einige der Vergewaltigungsopfer der letzten Monate, tragen durch ihr eigenes Verhalten zu einer signifikanten Erhöhung des Risikos bei. Aber auch wenn eine Frau sich der kulturellen Unterschiede nicht bewusst ist und sich unangemessen verhält, rechtfertigt das nie sexuelle Gewalt. Falls eine Touristin beschließt, kurze Hosen zu tragen oder per Anhalter zu fahren, bedeutet dies nicht, dass sie ohne ihre Einwilligung berührt werden kann oder dass sie „vergewaltigt werden wolle“ – eine schier unerträgliche Schuldzuweisung, die in den entsprechenden Debatten nicht selten vorgebracht wird. Wie auch immer eine Frau sich kleidet und verhält, sollte sie doch immer sicher sein. Leider ist aber nicht nur die indische Realität weit von diesem Ideal entfernt. Es wird noch viele Jahrzehnte der Aufklärungskampagnen von Seiten indischer Feministinnen und Gesellschaftsaktivisten brauchen, in Verbindung mit großangelegten sozialen und rechtlichen Reformen, bis Frauen in Indien gleichberechtigt und genauso sicher wie Männer sind.

Es nützt aber wenig, das Leid der Inderinnen zu beklagen oder über Witwenverbrennungen (seit 1829 gesetzlich verboten) und Abtreibungen zu spekulieren, um Indien dann ganz und gar zu meiden. Als Ausländerin ist man in Indien auch 2013 nicht unsicherer als zuvor. Hält man sich an die Grundregeln, kann das Risiko minimiert werden, ohne aber im goldenen Käfig zu sitzen. Indische Männer können letztendlich nur davon profitieren, sich an westliche Touristinnen zu gewöhnen und ihr häufig durch Legenden, das Internet und Pornografie verfälschtes Bild der „westlichen Frau“ zurecht zu rücken.

Das eigentliche Grundübel sind aber nicht soziale und religiöse Strukturen oder Mängel der Gesetzgebung: Hierbei handelt es sich eher um die Symptome einer zugrundeliegenden Ungleichheit von Mann und Frau. Wenn hier angesetzt werden soll und Inderinnen zu gleichwertigen Mitmenschen und Bürgerinnen gemacht werden sollen, müssen auch die Männer mitziehen. Genau darauf zielt die von Mallika Dutt initiierte Kampagne Bell Bajao! One million men. One million promises ab, die schon seit 2008 läuft. Dutt, die vor 13 Jahren die NGO Breakthrough gründete und mit Mitteln der globalen Popkultur für Menschenrechte wirbt, kämpft ebenso lange für die Rechte von Frauen in Indien und auf der ganzen Welt. In der Times of India plädierte sie unlängst für einen Kulturwandel, bei dem es nicht um rechtliche Krücken und soziale Pflästerchen, sondern um eine Gleichstellung von Mann und Frau geht. Dutt ist zuversichtlich: „In Indien und in der ganzen Welt haben sich zwei grundlegende Dinge geändert: Zum Einen verstehen mehr Menschen, dass Gewalt gegen Frauen ein dringliches globales Problem ist. Zum Anderen sind mehr und mehr dieser Menschen Männer.“ Natürlich brauche es neue Gesetze für mehr Frauenrechte und ein transparenteres System der Anzeige, Verfolgung und Verurteilung von Vergewaltigern. Aber all das helfe nichts, wenn ein Großteil der Männer Frauen im Alltagsleben nicht achteten.

Die Sensibilität hierfür scheint glücklicherweise zu wachsen. Wenn man von einer Familie im Zug unter ihre Fittiche genommen wird, ein junger Hotelangestellter chai und mithai (Süßigkeiten) serviert, um sich für ein schäbiges Zimmer und das rüpelhafte Verhalten seiner männlichen Gäste zu entschuldigen, oder ein Restaurantbesitzer Vatergefühle entwickelt, kann man sich sicher fühlen und sollte das schätzen. Denn oft sind es kleine Gesten, ein freundliches Lächeln oder eine Hilfeleistung, die über Sicherheitsgefühl oder Angst entscheiden. Indien zu meiden ist sicher nicht die richtige Entscheidung. Die indische Debatte über Frauenrechte sollte vielmehr eine Anleitung zum eigenen Nachdenken und Handeln sein. Denn für die Gleichstellung von Mann und Frau sollte man sich überall einsetzen – nicht nur in Indien.