Keine EOTG ohne Diskussion!

Artikel veröffentlicht am 19. Dezember 2007
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Artikel veröffentlicht am 19. Dezember 2007
Welche Städtepolitik für welche Gesellschaft? Es wurde zu einer Art Tradition. Wenn ein „Europe On The Ground“ stattfindet, endet es in einer Kaffeehausdebatte. Die Pariser Redaktion, trotz ihrer rebellischen Seiten, unterwirft sich den Sitten und Gebräuchen, die in den Sphären des Café Babel gelten.
Wie von Meisterhand geführt, kam es nun zu einer Diskussion mit dem Thema „Welche Stadtpolitik für welche Gesellschaft?“. Zwei Stunden intensiven Austausches, die ziemlich schnell vergingen.

Es drehte sich alles um das Thema des Wohnraums, der rote Faden dieses Treffens der EOTG, und für die Diskussionen wurden Redner schweren Kalibers versammelt: Pierre Mansat, dem Bürgermeister von Paris zugewiesen, ist verantwortlich für die Beziehungen mit den Körperschaften der Ile-de-France; Mourad Cheurf, Berater und Leiter der Städtepolitik Beratungsstelle MConseil sowie Spezialist für Städtepolitik; Fernando Navarro, spanischer Journalist, Redakteur bei Babel international. Von Seiten der Öffentlichkeit hatte es scheinbar einen gewissen Anreiz: zahlreiche Pariser hatten die Veranstaltung besucht und ebenso wurde sie beehrt durch das Erscheinen von Gästen aus dem europäischen Ausland.

Unter der Führung von Ruth Bender, Redakteurin bei Cafebabel.com und Organisatorin dieser EOTG und von Jean-Sébastien Lefebvre, Schriftführer der Pariser Redaktion und emeritierter Journalist, konzentrierten sich die Diskussionen auf Paris und dem Problem der Diskrepanz zwischen der Hauptstadt und den Vororten.

Eine Diskrepanz in sozialer, aber auch in ökonomischer und struktureller Hinsicht - mit einem schlecht organisierten Netz hinter dem ersten Ring vor der Peripherie und einer veralteten Infrastruktur. Gleich zu Anfang hat Pierre Mansat diese bedauerliche Dualität zwischen Paris und der Peripherie betont, wobei er nichtsdestoweniger daran erinnert hat, dass die Kluft genau in den Vororten anfängt, wo sich leider die Gettoisierung ausbreitet. Für ihn ist das Pariser Beispiel repräsentativ für eine Tendenz der Zersplitterung in den großen europäischen Städten. Paris sei nur ein Beispiel für fehlende soziale Integration in unseren modernen Gesellschaften. Andere große europäische Städte leiden ebenso unter dieser allgemeinen Not, die mit dem Mangel an Solidarität auftrete.

Für Mourad Cheurf hingegen ist das Dilemma zwischen Zentrum und Peripherie nicht die beste Beschreibung für die aktuelle Kluft. Ebenso dürfen die Abgrenzungen auf kommunaler Ebene nicht einfach als reaktionäre Attitüden im Gegensatz zur öffentlichen Ordnung stigmatisiert werden, sondern sind als Signale einer Städtepolitik zu interpretierten, die ungeeignet ist für die urbanen, kulturellen und sozialen Realitäten der letzten Jahre.

Seiner Meinung nach muss man „den Menschen ins Zentrum der stellen“ und sich auf Initiativen einigen, „die ein Zusammenleben erlauben“. Deshalb müssten die öffentlichen Kräfte, eben wie es in den USA abläuft, ihre Aktivitäten besser mit denen der privaten Beratungsstellen abstimmen, deren konkrete Erfahrungen einen großen zusätzlichen Wert bilden würden.

Als Unruhestifter in dieser Debatte machte Fernando Navarro darauf aufmerksam, dass Frankreich im Gegensatz zu Spanien damit fortfährt, sich am großen Diskurs über das soziale Elend und die Notwendigkeit der Annäherung zwischen den Bürgern zu berauschen, ohne konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Der Sport, ein exzellenter Faktor des Austauschs und Forum dafür, dass sich die Bewohner treffen, könnte umfangreicher von der Städtepolitik gefördert werden. Ja, es existieren Stadien in Paris und in den Vororten, aber eben Stadien fürs Training und für Wettkämpfe, dazu da, um Profession an sich aufzunehmen. Warum öffne man nicht die Stadien für Bürger, da doch der Sport Vermittler sei…? Eine Frage, die von den beiden anderen Teilnehmern aufgeschoben wurde.

Fernando hat ebenso das Problem der Konzentration von Wirtschafts- und Wohnzentren hervorgehoben, ein Problem, welches seinen Beitrag dazu leistet, Enklaven jener reichen Produktionszonen zu bilden, in denen man direkt davon profitiert.

Für Mourad Cheurf eine einzige Parole: „ den Negativismus zu stoppen“ und man muss anfangen, „sich einen Stoß zu geben“.

 Ein gefesseltes Publikum

Angesichts dieses scharfen Vorschlags möchte Katharina, deutsche Staatsangehörige (ehemalige DDR-Bürgerin) und Zuhörerin, zu Wort kommen. Eine gewöhnliche Initiative zur Krisenbekämpfung sei sicherlich wünschenswert, aber das reiche nicht. Indem sie das Beispiel von Berlin nennt, hebt sie die größere Vermischung in den deutschen Städten hervor, die im Gegensatz zur Situation in Frankreich nicht die benachteiligten sozialen Schichten in die Vororte verbannen, sondern sich bemühen, diese in den Rest der Gesellschaft einzufügen. Die Segregation erscheint ihr somit weniger strikt als in Paris. Lediglich die territorialen Determinismen wirken auf die Situation ein.

Katharina fügt hinzu, dass dieStädtepolitik das Problem vielleicht im Rücken angreifen sollte. Das heisse eine Wiedereinführung der Vermischung und kultureller Diversität im Innern der urbanen Zentren, um wenigstens etwas die Räume zu befrieden und eine territoriale Kontinuität wiederherzustellen.

Von Haus aus Italiener, holt Adriano die Gründe für das französische Elend aus einer entfernteren Ecke herbei. Für ihn sind die Gewaltmanifestationen überall in Europa und a fortiori in Italien zu finden – besonders bei Fußballspielen in den Stadien. Aber das, was die Besonderheit des französischen Falls ausmacht, ist die Tendenz der kulturellen Repression. Jedoch ohne in eine stalinistische Kritik zu kippen, scheint es so, dass der Mangel an Offenheit in Frankreich angesichts einer kulturellen Diversität die Protestbewegungen erklärt, die man in diesen extremsten Formen während der letzten drei Jahre beobachten konnte.

Über die Situation in ihren jeweiligen Ländern befragt, haben Kadri und Natalia eine europäische Nuance in eine Debatte gebracht, die recht … zentral-pariserisch war!

Zuallererst erscheint das Problem in Estland anders, da es eine klare und geforderte ethnische Trennung zwischen Russen und Esten gibt. Diese Situation wird nicht hinterfragt und – zugleich historisches Erbe als auch Fundament für diverse politische Tendenzen – verspricht zur Zeit keinerlei sichtbare Lösung.

In Polen stellt sich das Problem auf eine noch andere Weise. Kein einziges der Städtepolitik verantwortliches Abgeordnetenministerium existiert auf polnischem Gebiet, wo sich die fein säuberliche Trennung der Stadtteile in Zonen vollzieht. Der Anstieg an beobachteter Kriminalität nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat zur Wiedereinführung von Zonenunterteilungen als Reaktion auf identifizierte Risiken wie etwa durch die Bevölkerung geführt.

Dieses „Europe On The Ground“ hat uns also darüber belehrt, dass es nicht eine einzige Lösung für ein einziges Problem, sondern eine Vielfalt an historischen, geographischen, sozialen und politischen Faktoren gibt, denen gegenüber die Städtepolitik keine Patentlösung bieten kann.

Sophie Helbert & Jean-Sébastien Lefebvre

Übersetzung : Waleria Schüle & Matthias Jakob Becker