Kein Kommentar zur Politik!

Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2007
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Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2007
Eher schüchtern, als schwermütig erscheint Orhan Pamuk auf seiner Lesung am 7. Mai in Stuttgart. Der Nobelpreisträger spricht über die Melancholie, die in seiner Kindheit seine Heimatstadt erfüllte und liest aus seinem Erinnerungsbuch ‚Istanbul’ vor. Über Politik hingegen redet er nicht.

Er ist kein islamischer Schriftsteller, aufgewachsen in einem liberal, laizistischen Elternhaus, in dem der Islam nur als eine Form des Aberglaubens vorkam, der den Bediensteten vorbehalten war. Er ist auch kein europäischer Schriftsteller, geprägt von der Geschichte einer Stadt, die stets eng verbunden war mit Europa, doch ihm niemals ganz angehörte. Istanbul. Wie diese Stadt gehört auch Orhan Pamuk weder ganz zur europäischen noch ganz zur islamischen Kultur. Und ist doch geprägt von beiden.

Ein wenig schüchtern wirkt Pamuk, als er an diesem Abend in Stuttgart die Bühne betritt. Er winkt kurz in die Menge, die die weite Halle bis zum letzten Platz erfüllt, und setzt sich dann hinter den Tisch, der verloren auf dem Podium steht. Während Joachim Satorius, Publizist und Moderator für diesen Abend, den Gast einführt, stützt der Nobelpreisträger das Kinn in die Hand und starrt auf einen unbestimmten Punkt irgendwo über dem Publikum.

Istanbul’, sein neustes Buch, erzählt die Geschichte seiner Familie und seiner Stadt. Es ist keine Liebeserklärung an die Metropole am Goldenen Horn, stellt Pamuk gleich zu Anfang klar. Denn Istanbul ist keine Geliebte für ihn, sondern ein Teil seiner selbst. Seine Beziehung zu ihr ist eine Geschichte der Abhängigkeit. Es ist eine Beziehung wie zum eigenen Körper. Da stellt sich auch nicht die Frage, ob man ihn liebt. Man lebt mit ihm.

Conrad, Naipaul, Rushdie haben aus dem Exil, aus der Spannung zwischen zwei Kulturen Kraft gezogen, nicht jedoch Pamuk. Er ist sein Leben lang Istanbul treu geblieben. Sogar ins selbe Haus, das Pamuk-Appartment ist er zurückgekehrt. Die Stabilität stärkt seine Schöpfungskraft. Vielleicht auch, weil er in Istanbul, wo die verschiedenen Ebenen der Geschichte allgegenwärtig sind, ohnehin zwischen mehreren Kulturen lebt.

Doch er lehnt es ab, als Brückenbauer zwischen den Kulturen verstanden zu werden. Überhaupt verfolgt er keine politischen Ziele, will mit seinen Büchern keine Botschaften überbringen und nicht die Geschichte aufarbeiten. So hat er während seiner Lesereise durch Deutschland betont und so unterstreicht er auch an diesem Abend in Stuttgart. Kein Wort fällt zur Politik, obwohl durchaus einiges zu sagen wäre.

Seit Tagen demonstrieren Anhänger der Republik gegen die Wahl von Abdullah Gül, dem islamisch-konservativen Präsidentschaftskandidaten, da sie die Islamisierung der Republik befürchten. Unverhohlen drohen die Generäle mit Intervention. Die Türkei ist mitten in einer politischen Krise. Doch Pamuk schweigt. Er will nicht weiter in die politischen Auseinandersetzungen in der Türkei hineingezogen werden.

Denn er ist längst mittendrin. Ein Interview, in dem er die Aufarbeitung des Völkermords an den Armeniern anmahnte, hat ihm eine Anklage wegen ‚Beleidigung des Türkentums’ eingebracht und ihn vorsichtig werden lassen. Der Mord an dem armenischen Journalisten Hrant Dink, mit dem Pamuk eng befreundet war, war ein weiteres Warnsignal für ihn. Er lebt für die Kunst und will nicht für die Politik sein Leben lassen.

Allerdings sind auch seine Bücher immanent politisch. Nicht nur ‚Schnee’, in dem er den Theaterputsch einer Handvoll Nationalisten in ostanatolischen Kars schildert. Auch ‚Das Schwarze Buch’, sein erstes Istanbulepos, ist voll linker Idealisten, radikaler Nationalisten und rechter Spinner, die sich in verworrenen Verschwörungstheorien verlieren. Selbst in ‚Istanbul’, das doch eigentlich ein Erinnerungsband ist, bleibt die Politik gegenwärtig.

Doch lieber als von Politik redet Pamuk von ‚Hüzün’, jener typisch türkischen Form der Schwermut, die das Lebensgefühl am Bosporus bestimmt. Es ist geboren aus dem Gefühl der Vergeblichkeit, Vergänglichkeit und Verlorenheit einer Stadt, die ihren Höhepunkt längst überschritten hat und nun in den Ruinen der Vergangenheit fortlebt. Es ist ein Gefühl des ständigen Scheiterns, das zur Resignation in die unabänderliche Realität führt.

Allerdings, gibt Pamuk zu, können viele junge Leute sich in seinem Istanbul heute nicht mehr wiedererkennen. Ihr Istanbul ist eine Stadt in raschem Wandel, eine Stadt voller Leben und Bewegung. Nicht die graue Stadt verfallender Paläste, in der Pamuk in den Fünfziger Jahren groß geworden ist. Wirklich bedauern tut er das nicht, denn er hängt nicht an diesem Gefühl. Er ist kein melancholischer Mensch, bloß weil er versucht, ein Gefühl zu verstehen, das die Stadt und ihre Menschen geprägt hat, versichert er dem Moderator. Und lacht.