Kein Happy End im Orient: Batman und die Kurdenfrage

Artikel veröffentlicht am 23. März 2012
Artikel veröffentlicht am 23. März 2012
In der türkischen Stadt Batman wurden 148 Menschen verhaftet, darunter 42 Kinder. Der Fledermausmann wird ihnen nicht zu Hilfe kommen. Gibt es im Kurdenkonflikt noch Hoffnung auf ein Happy End?

Ihr kennt sicherlich das Märchen von der Prinzessin und dem Froschkönig. Aber an dieser Stelle sollte direkt klargestellt werden, dass die kleine Geschichte in Wirklichkeit gar nicht so harmlos ist, wie sie scheint: Den Kindern verschweigt man nämlich gemeinhin die Tatsache, dass die Prinzessin sehr hungrig war und das Tier nur an die Lippen führte, um ihren Appetit ein wenig zu stillen. Nun wusste sie jedoch nicht, dass sie es mit einem Mitglied der Familie bufo alvarius zu tun hatte. Diese Amphibienart mit schleimiger Haut scheidet bei Gefahr einen halluzinogenen Stoff aus, der selbst Bob Marley erblassen ließe… Obwohl das glibberige Tier wenig verlockend aussah, knurrte der Magen der Prinzessin so erbärmlich, dass sie nicht weiter zögerte und das abscheuliche Vieh mit einem einzigen Biss verschlang. Doch das feige Fröschlein hatte, sobald es die Beißer des edlen Fräuleins auf sich zukommen sah, mit der Absonderung seines halluzinogenen Schweißes begonnen. Als die Lippen der Prinzessin mit den narkotischen Warzen in Berührung kamen und das süße Gift aufsogen, fiel diese sofort in Trance, und ihr von der Droge verwirrter Geist ließ ihr augenblicklich einen bildschönen Prinzen auf einem stolzen Schlachtross erscheinen, der ihr mir nichts, dir nichts eine herrliche Zukunft, ein riesiges Königreich und viele süße Kinder versprach.

Ein türkisches Kolumbien

Diese verrückte Version des berühmten Kindermärchens erzählte mir eines Winterabends ein junger Englischlehrer, der in der Stadt Kızıltepe im türkischen Kurdistan unterrichtete. Meine Gastgeber hatten Freunde eingeladen – Kurden, Türken und Syrier, die sich bei Bier und Zigaretten in unterschiedlichen Sprachen über ihren Alltag und ihre Sorgen unterhielten. Dabei barg die Lage in der Region für jeden ein anderes Kümmernis: Die Kurden protestierten natürlich gegen die kemalistische Doktrin, die sie zu „Bergtürken“ herabwürdigt, gegen die ewigen Panzer in allen Gassen, gegen die regelmäßige Inhaftierung ihrer politischen Vertreter und gegen die Zensur ihrer Sprache und Bräuche.

Die anderen, meist türkische Grundschullehrer, waren von der nationalen Schulbehörde in die als schwierig geltende Gegend versetzt worden: Da sie den Unterricht in einer türkischen Provinz unmöglich kurdischen Lehrern überlassen kann, schickt die Regierung „echte“ Türken oder gar Syrier nach Kızıltepe, um dort eine türkische oder zumindest „entkurdisierte“ Schulbildung zu vermitteln. Für diese Lehrer wird dieser Aufenthalt oft zur Qual - und nicht selten zum tragischen Verhängnis.

Kurden werden oft auch "Türken der Berge" genannt

So träumen die einen von der Unabhängigkeit Kurdistans, die anderen von einer beruflichen Versetzung nach Istanbul oder Ankara. Niemandem gefällt das Leben in dem seit 1989 bestehenden Ausnahmeregime. Als das literweise fließende Efes [türkisches Bier; A.d.R.] nicht mehr reichte, um Ärger und Groll darin zu ertränken, hat sich die kleine Gemeinschaft stärkeren Mitteln zugewandt, wovon der dichte Rauch zeugt, der langsam den Raum erfüllt. Die Gruppe ist stolz auf ihre Ware aus Eigenanbau und rühmt die Region mit fast schon touristisch anmutenden Slogans als „türkisches Kolumbien“.

Batman und Zengin

Das Ende der Superhelden in der TürkeiEin anderes, bekannteres kurdisches Märchen handelt nicht von einer Heldin, sondern von einem männlichen Held namens Kaveh: Vor langer Zeit herrschte in der iranischen Wüste der mythische König Zohak, der auf jeder seiner Schultern eine Schlange trug. Er verlangte, dass man ihm jeden Morgen die Gehirne zweier junger Männer bringe, die seine Reptilien zum Frühstück verspeisten. Doch die mit dieser blutigen Aufgabe betrauten Ärzte schummelten, indem sie jeweils eines der menschlichen Gehirne durch ein Schafshirn ersetzten und dem verschonten Jüngling rieten, sich schnellstens aus dem Staub zu machen.

Im Laufe der Zeit begegneten sich die Flüchtlinge in den Bergen und bildeten eine Gemeinschaft, die später das kurdische Volk werden sollte. Als der Schmied Kaveh, dessen sechzehn erstgeborene Söhne von den Schlangen verschlungen worden waren, auch seinen letzten Sprössling hingeben sollte, setzte er sich zur Wehr, stieß König Zohak vom Thron und entzündete ein Freudenfeuer, um seinen Sieg zu feiern. Seither zelebriert man beim jährlichen Frühlingsfest Nouruz die Befreiung aus der Tyrannei und das Überleben des kurdischen Volkes, das nie aufhörte, sich aufzulehnen und für seine Unabhängigkeit zu kämpfen.

Auch dieses Jahr unterzogen die politischen Behörden das kurdische Neujahrsfest wieder einer strengen Zensur und verboten die Feierlichkeiten von Istanbul bis Diyarbakır [im Südosten der Türkei; A.d.R.]. Dass sich das Fest schnell in einen politischen Aufstand verwandeln würde, war vorhersehbar: In Istanbul wurde der BDP-Vertreter Haci Zengin [Barış ve Demokrasi Partisi, kurdische Partei in der Türkei; A.d.R.] von einer Tränengasbombe tödlich am Kopf getroffen. In Cizre verstarb ein Polizist an den Folgen eines Schusses aus dem Sturmgewehr eines Demonstranten.

Die kurdische Jugend ist hin- und hergerissen zwischen aufgeregtem Aktionismus und drogenberauschter Lethargie. Wird sie ihrer Geschichte ein neues Kapitel hinzuschreiben können? Werden sich innergemeinschaftliche Feindseligkeiten in Rauch auflösen, oder entscheidet sich die junge Generation für die heiklere, aber wirksamere Alternative – für das politische Engagement? In Batman wurden 148 Menschen verhaftet, darunter 42 Kinder. Der Fledermausmann kommt ihnen nicht zu Hilfe. Doch vielleicht gibt es eines Tages doch noch ein Happy End.

Illustrationen: Teaserbild (cc) andybrannan/flickr; Im Text: Prinzessin und Frosch (cc)totallysevere/flickr, Kurdistan (cc)kurdistan4all/flickr; (cc)nlewis039/flickr