Keep Calm and Carry On, Großbritannien?

Artikel veröffentlicht am 8. Juni 2017
Artikel veröffentlicht am 8. Juni 2017

Das Keep Calm and Carry On-Poster trieft nur so vor 'Britishness'. Aber spiegeln diese fünf Worte nach den Attentaten von Manchester und London und zu den Wahlen am 8. Juni wirklich den Geisteszustand der Briten wider? Geschichte einer Botschaft.

Stellt euch vor: Es ist später Nachmittag in Alnwick, einem kleinen Dorf in Nordengland. Ein älteres Paar rümpelt gerade eine alte Bücherkiste aus, die es auf einer Auktion erstanden hat. „Nabokow? Okay”, seufzt Stuart. „Aber es geht echt nicht in meinen Kopf, warum die Leute noch Bücher namens An Offer From a Gentleman [Das Angebot eines Gentleman] kaufen. In Barter Books geht es eigentlich immer friedlich zu. Mit seiner Kaminecke, gemütlichen Ohrensesseln und klapprigen Regalen ist der Buchladen ein Anziehungspunkt für alle möglichen Buchwürmer.

An diesem Tag aber entdeckt Stuart ein großes zusammengeknülltes Stück Papier in der Kiste, das sein Leben verändern wird. „Keep Calm and Carry On” steht darauf geschrieben, in großen fetten Lettern und mit passender Tudor-Krone. Zunächst verwirrt vom Design, entscheidet seine Frau Mary aber dann trotzdem, es über der Kasse aufzuhängen. Warum auch nicht? Es war sowieso an der Zeit, den Shop ein bisschen aufzupeppen. Einige Wochen später beginnt das Paar damit, Originalkopien für Locals zu verkaufen. Damit legen sie den Grundstein für einen regionalen Hype, der sich später zu einem nationalen Markenzeichen entwickeln sollte. True story.

Geschichte wiederholt sich 

'Keep Calm and Carry On'. Diese fünf Worte sind zum Inbegriff der britischen Kultur geworden. Sie repräsentieren das Durchhaltvermögen einer ganzen Nation, das kühle Kalkül, das Zähnezusammenbeißen der Briten. Es ist auch das Klischee der britischen Höflichkeit, auch in Zeiten des Angriffs, die Annahme, das jeder einen kühlen Kopf bewahren kann. Aber es ist in Vergessenheit geraten, was es mit diesen fünf Worten tatsächlich auf sich hatte, bevor sie in die Hände von Stuart und Mary Manley bei Barter Books gerieten.

Zusammen mit zwei weiteren Postern wurde 'Keep Calm and Carry On' in Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg gedruckt. In einer Zeit, in der jeden Moment ein Blitzkrieg drohen konnte, musste die Regierung Wege finden, die Öffentlichkeit zu besänftigen. Es sollte gezeigt werden, dass das Land für einen Kriegsausbruch gewappnet war und siegessicher gen Zukunft blickte. Im Frühherbst 1939 waren bereits 2,45 Millionen Kopien an lokale Verteilungszentren ausgehändigt worden. Aber als es hart auf hart kam, entschieden die Begutachter der Posterkampagne, sie sei dann doch zu gewöhnlich und irgendwie auch bevormundend. Man wollte ja nicht, dass die eigene Regierung die legitimierte Angst in der Bevölkerung nicht ernst nehme. Vier Wochen später entschied man beim Ministry of Information, die ganze Kampagne schlussendlich fallen zu lassen. Die Vorräte wurden noch bis 1940 archiviert, bevor Großbritannien zu einer großen Sammelmaßnahme aufrief, um Papier für den laufenden Krieg zu recyceln.

Abwarten und wieder ausgraben

Aber wie kam ein Poster mit solch einer subversiven Botschaft schlussendlich wieder ans Licht? Der Schmetterlingseffekt! Ein kleiner Buzz in Alnwick schlug riesige Wellen im ganzen Land. Nachdem die Reliquie im Jahr 2000 bei Barter Books wieder aufgetaucht war, fingen Leute an, das Poster zu vervielfältigen. 2007 „war das Kopieren in vollem Gange“, sagt Stuart. „Mit oder ohne Erlaubnis wurde das Poster zum ersten weltweiten Kultbild des 21. Jahrhunderts – und zwar in unzähligen Varianten.” Manche sagen, der Erfolg von 'Keep Calm and Carry On' sei auch der Wirtschaftskrise zu verdanken. Als überall Proteste losbrachen, wollte Großbritannien so seine Haltung bewahren.

Der endgültige Durchbruch des Posters ging mit einer unzähligen Anzahl an Parodien einher. 'Keep Calm and Carry On' wurde im Handumdrehen zu ‘Now Panic and Freak Out’. Auf der Höhe der Popularität des Posters setzten die Briten in puncto Britishness sogar noch einen drauf und machten 'Keep Calm and God Save the Queen' daraus. Aber nicht alle Parodien waren witzig. Zu einem gewissen Zeitpunkt hat sogar der NHS (das staatliche Gesundheitssystem) das Design übernommen, um von seiner Popularität zu profitieren. Eine pinke Version des Posters lautete dann 'Keep Calm and Carry on Breastfeeding' (Ruhig bleiben und weiter stillen). Auch Kopien von ‚Keep Calm and Call 111‘ - Ruhig bleiben und weiter 111 anrufen - wurden in der Stadt aufgehängt.

Neue Generationen

Ironisch, oder? Ein Poster, das eigentlich für den Fall der Fälle eines Krieges geschaffen wurde und später aufgrund fehlender Affinität mit den Briten doch nicht verteilt wurde, ist in Zeiten des Internet eine Bastion der britischen Kultur geworden.

Warum die Botschaft sich so in den Köpfen festsetzte? Stuart und Mary Manley zufolge gibt es dafür hauptsächlich drei Gründe: die Botschaft sei universell, die Worte umfassten eine gewisse Britishness und dann sei da noch der Fakt, dass das Design so simpel ist. Stuart gibt zu, dass er nach 17 Jahren Postergeschichte ausgehend von seinem Buchladen nicht ganz objektiv auf die Sache blicken kann und oftmals „ein Auge zudrückt. Das Poster hatte zwischen 2007 und 2012 seine Hochzeit. Seitdem ist seine Popularität etwas gesunken. Ich denke aber trotzdem, dass es alle Altersgruppen anspricht, auch wenn die älteren sich damit eher identifizieren als junge Leute.“

Aber wo und wann ist das Poster heute zu sehen und spricht es wirklich alle Altersklassen an?

Nach den Terrorattacken in Manchester und London der letzten Wochen riefen Premierministerin Theresa May, der Labour-Kandidat Jeremy Corbyn und der Bürgermeister von Manchester Andy Burnham dazu auf, die allgemeine Ruhe zu bewahren. Viele User des Kurznachrichtendienstes Twitter verwendeten den Hashtag #KeepCalmAndCarryOn, manche darunter verwiesen auf den Zweiten Weltkrieg:

Aber nicht alle Briten können sich mit dem Slogan identifizieren. manche von ihnen finden ihn einfach altmodisch und teilweise auch gefährlich: „Ich kann mich mit diesen Worten nicht wirklich identifizieren, auch wenn es sich um ein typisch britisches Gefühl handelt: immer diese Kriegsmetaphern, dieser Halt-die-Ohren-steif-Stoizismus, bei dem man keinerlei Schwäche zeigen darf. Das kann auch ziemlich destruktiv sein und bringt Leute nicht wirklich dazu, sich mit den Wurzeln der Probleme auseinanderzusetzen“, sagt George Haddon, ein 24-jähriger Brite, der in Amsterdam lebt. „Die Leute schlucken einfach alles, aber beim Brexit bin ich mir nahezu sicher, dass er entweder komplett aussterben oder in Form eines verstärkten Nationalismus durch die Decke gehen wird - kommt ganz auf den Ausgang der Wahlen an.“

Für viele junge Briten steckt in den fünf Worten eine gewisse Kultur der Selbstgefälligkeit. 'Keep Calm and Carry On' steht für eine Altersgruppe oder Generation, die es ablehnt, die Dinge direkt in die Hand zu nehmen und stattdessen lieber komfortabel beim Alten bleibt. Für Elliott Sadgrove (25) handelt es sich um einen „altbackenen Satz für diejenigen, die die Welt an sich vorbeiziehen sehen, ohne sich jemals wirklich mit ihr zu connecten.“

Die Geschichte um das 'Keep Calm and Carry On'-Poster ist komplex. Auch wenn der Slogan den Mainstream schnell für sich gewinnen konnte, ist seine Zukunft ungewiss. Auf der einen Seite könnte das Poster von einer neuen Generation 'übernommen' werden oder die Halt-die-Ohren-steif-Philosophie neigt langsam dem Ende zu. Eine Sache ist aber sicher: über eine Million Menschen zwischen 18 und 35 Jahren haben sich offiziell für die Wahlen in Großbritannien registriert. Werden sie weiterhin abwarten und Tee trinken?