“Kataryna” - geoutete Kaiserin der polnischen Blogosphäre

Artikel veröffentlicht am 14. September 2010
Artikel veröffentlicht am 14. September 2010
Letztes Jahr enthüllten „traditionelle“ Journalisten die Identität von Polens bekanntester Politik-Bloggerin, die in Warschau lebt und seit 2004 anonym politische Ereignisse kommentiert. Einige beschuldigten sie, eine „männliche“ Sichtweise zu haben und sich in politische Skandale einzumischen.
Ein Exklusiv-Interview mit der geheimnisvollen Kataryna, die altersmäßig irgendwo in ihren 30ern und Chefin einer Nichtregierungs-Organisation ist.

2004 begann eine unter dem Namen Kataryna bekannte Frau, zu bloggen - und zwar während des größten politischen Skandals in Polen, der Rywin Affäre. Im Mai 2009 wurde die Plattform Salon24, auf der sich Katarynas Blog befindet, Opfer einer Klage von Andrzej Czuma, Sohn des Justizministers Krzysztof Czuma. Und der konnte die Bloggerin nur unter ihrem richtigen Namen für die Defamierung seines Vaters anklagen. Letzteren hatte Kataryna für eine Schmiergeldaffäre kritisiert, in der er, so heißt es, in den USA verwickelt war. In einem Radio-Interview nannte Czuma junior sie „böse Hexe“ (wrednymi babami), während sein Vater der Meinung war, dass „dieser Begriff noch nicht ausreicht, um sie zu beschreiben“. Einen Monat später war die Anonymität englischer Blogger auch ein Thema in den Gerichten Großbritanniens, wie The Times berichtete. Für Kataryna war die Sache allerdings nicht vorbei. Im Juli 2010löschte das soziale Netzwerk Facebook ihren Account, weil sie diesen unter ihrem Pseudonym betrieb. Heute bloggt Kataryna auf den zwei Plattformen Salon24 und blogs.pl (im Besitz von Gazeta.pl).

cafebabel.com: Dein Blog hat ein großes Publikum und deine Beiträge werden oft von den Medien und Politikern zitiert. Was macht den Unterschied zwischen einem politischen Blogger und einem politischen Journalisten aus?

Kataryna: Erst einmal ist es mir völlig egal, ob jemand mich für mein Schreiben bezahlen möchte. Auch dann, wenn das, was ich schreibe, meine Medienkarriere beeinflusst. Der größte Unterschied zwischen der Arbeit als politische Bloggerin und der als politische Journalistin besteht darin, dass ich eben nichts darüber weiß, was ich kommentiere. Meine Informationsbasis sind die Politiker und Medien selbst. Ich blogge darüber, was ich lese. Es ist offensichtlich, dass meine Kommentare auf einfachen Daten basieren.

cafebabel.com: Worin liegt in diesem Fall dann der Wert deines Blogs?

Kataryna: Auf der einen Seite bin ich frei von negativen und positiven sozialen Beziehungen mit den Menschen, über die ich schreibe (namentlich Politiker und Journalisten - Anm. d. Red.). Auf der anderen Seite kann ich mit meinen Urteilen über sie natürlich auch falsch liegen. Tja, ich überlasse es meinen Lesern zu entscheiden, was die Beiträge tatsächlich wert sind.

cafebabel.com: 2009 hast du einen Journalisten der Dziennik, eine von Polens größten politischen Tageszeitungen, kritisiert. Letztendlich hat man dann deine wahre Identität enthüllt. Damals hast du als Antwort darauf gebloggt: „War Miss Nobody tatsächlich eine Bedrohung für Mr. Großartiger Journalist“ …

Kataryna: Je mehr ich über den Dziennik-Konflikt lerne, desto mehr betrachte ich es als persönlichen und nicht beruflichen Konflikt. Viele Journalisten - sogar diejenigen, die ich kritisiert habe - waren auf meiner Seite. Das bedeutet nicht, dass es generell keinen Konflikt zwischen den Milieus der Journalisten und Blogger gibt. Es gibt einen und er verschlimmert sich. Blogger beschuldigen Journalisten, nicht vertrauenswürdig und voreingenommen zu sein. Journalisten betrachten Blogger als „Schlaumeier“. Es ist immer schwierig, zu verallgemeinern.

cafebabel.com: Die bekanntesten Blogger in Frankreich und Spanien sind Journalisten oder Politiker (Spaniens Top-Blogger Ignacio Escolar wurde 2009 Chefredakteur der landesweiten Tageszeitung Publico, weltweit bisher ein einzigartiges Ereignis). Jeder kennt ihre Identität. Warum ist dir deine Anonymität so wichtig?

Kataryna: Polen ist weder Frankreich noch Spanien. In zwei Jahrzehnten der Freiheit haben wir leider immer noch nicht gelernt, uns trotz unserer Meinungsunterschiede gegenseitig zu respektieren. Ich möchte in der Lage sein, auf meinem Blog das politische Geschehen zu kommentieren, während mein wirkliches Leben separat davon abläuft und normal funktioniert - ohne mich darüber zu sorgen, dass ich für meine Meinung in meinem beruflichen oder privaten Leben bezahlen muss. Abgesehen davon lege ich keinen Wert darauf, mir im Bereich des Journalismus einen Namen zu machen.

Sollten Blogger sich unter ihrem richtigen Namen auf Blog-Plattformen anmelden?

cafebabel.com: Aber Bloggen nähert sich dem Journalismus an. In Italien hat das ehemalige Showgirl Gabriella Carlucci, die heute Parlamentsabgeordnete ist, die Idee eines Gesetzes in Umlauf gebracht, mit welchem man die Identität von Bloggern enthüllen kann. Eine ähnliche Diskussion hat in Frankreich stattgefunden.

Kataryna: Die Idee, dass politische Blogger nicht mehr anonym sein dürfen, ist krank. Aber die Idee, dass Blogger dieselben Rechte und Pflichten haben sollten wie Journalisten, ist nicht schlecht.

cafebabel.com: Und warum brauchen wir journalistische Blogger, die dieselben Rechte und Pflichten haben?

Welche Rechte, welche Pflichten?Kataryna: Selbst wenn das eintreffen sollte: Blogger können Journalisten nicht ersetzen. Das Wesentliche dieses Berufs ist es doch, Informationen zu suchen und diese zur Verfügung zu stellen. Du kannst politisches Geschehen nach Feierabend kommentieren, aber du kannst kein Nachrichten-Journalist sein, wenn dir danach ist.

cafebabel.com: Während der Debatte über deine Identität sagte ein Journalist von der Gazeta Wyborcza, Pawel Wronski, dass du „entweder ein Typ“ wärst oder „zumindest eine sehr männliche Sicht der Welt“ hättest. Denkst du, dass es einen männlichen und einen weiblichen Blick auf politische Ereignisse gibt - und dementsprechend eine unterschiedliche Art zu bloggen?

Kataryna: Ich finde es wirklich schade, dass Pawel Wronski seine Aussage nicht weiter ausgeführt und erklärt hat, was genau an meiner Art zu schreiben oder meiner Meinung über Politik so männlich ist. Das ist echt faszinierend. Es kommt nahe an Aussagen der Art heran, dass ein Geschlecht besser für die Politik geeignet ist als das andere. Andererseits würde ich, müsste ich wählen, schon sagen, dass mein Stil eher weiblich ist, da ich mich auf Gefühle konzentriere - meine eigenen und die der Menschen, über die ich schreibe.

cafebabel.com: Deutschen Rankings zufolge sind politische Blogger hauptsächlich Männer - zumindest die erfolgreichsten Blogs werden von Männern geschrieben …

Kataryna: Das Geschlecht hat keinerlei Bedeutung für den Leser. Vielleicht vereinfacht es nur die Art der Beleidigungen … Es ist durchaus möglich, dass ein politischer Blog, der auf geheimnisvolle Weise von einer Frau veröffentlicht wird, einfacher zu verkaufen ist als ein Blog, der von einem berühmten Mann stammt. Ich muss zugeben, dass ich einen Teil meiner Beliebtheit dieser Tatsache zu verdanken habe. Leider.

cafebabel.com: Worin besteht die Rolle eines politischen Blogs? Und erfüllt deiner sie?

Kataryna: Ich wundere mich oft darüber. Eine Antwort habe ich nie gefunden. Ich würde mir wünschen, dass politische Blogs Diskussions-Plattformen sind, die nicht von „political correctness“ eingeschränkt werden, die man im allgemeinen Mainstream findet. Das ist der Fall. Die einzige Frage ist, ob diese Diskussion nicht längst mit begeisterten Menschen stattfindet, die keine Blogs brauchen, um mehr über Politik zu erfahren. Vielleicht ist ein politischer Blog für Blogger der einzige Platz, an dem sie merken: Ich bin mit meiner Besessenheit nicht allein.

Fotos: Artikellogo (cc) Mike Licht, NotionsCapital.com/flickr