Katalonien: Unglücklich in acht Sekunden

Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2017
Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2017

Seit zehn Tagen bietet sich mir ein unwürdiges Schauspiel, eine Art absurdes Theaterstück, bei dem bereits die Drehbuchautoren die Kontrolle verloren haben. Auch jemandem, der von der aktuellen politischen Lage nicht die geringste Ahnung hat, wäre aufgefallen, dass da etwas in der Luft liegt.

Auch wenn jemand nicht gelesen, gehört oder gesehen hätte, worum es beim Referendum am 1. Oktober ging, auch wenn jemand von der aktuellen politischen Lage nicht die geringste Ahnung gehabt hätte, wäre ihm aufgefallen, dass da etwas in der Luft liegt.

Ich bin am 30. September am Bahnhof Barcelona-Sants angekommen und hatte gleich den Eindruck, dass etwas nicht stimmte: zu viele Fahnen auf den Straßen und es mag an der Geschichte meines Landes liegen, aber wenn abseits von Sportereignissen Fahnen wehen, werde ich misstrauisch.

Vielleicht bin ich zu paranoid - aber als ich um 22 Uhr merkwürdige Geräusche von draußen höre, schaue ich aus dem Fenster und sehe Menschen, die mit Löffeln gegen Töpfe und Pfannen schlagen. Das ist doch merkwürdig. Die Menschen scheinen zu warten: Voller Unruhe sehen sie dem nächsten Tag entgegen, Sonntag dem 1. Oktober.

Als ich an diesem Tag durch das Viertel lief, hatte ich das Glück, in keines der Massaker zu geraten, wie sie sich in anderen Schulen abgespielt haben; ich habe nur gesehen, wie viele Menschen vor den Schulen Schlange standen. Jedoch hat auch hier etwas Merkwürdiges meine Aufmerksamkeit erregt: An den beiden Schulen, die ich gesehen habe, waren die Tore geschlossen und die Menschen gingen zu zweit oder sogar allein hinein. Als ich einen der Mossos fragte: "Ist die Schule geschlossen?", stellte er mir eine prüfende Gegenfrage, auf die eine wenig überzeugte Bestätigung folgte. "Ist sie geschlossen? (Pause und forschender Blick) Ja gut, sie ist geschlossen."

Mir ist nicht klar, was dann passiert ist, denn wie wir alle gesehen haben, ist die Situation schnell eskaliert. Die Menschen, die abgestimmt haben, waren glücklich darüber, obwohl sie wussten, dass ihre Stimme nichts galt, und hier wird die Frage heikel. Die Aufgabe der Polizei war schändlich, absurd und tragisch. Menschen klagten den Staat an, er unterdrücke sie und lasse sie nicht - ich zitiere - "frei ihre Stimme abgeben", eine Stimme, die jedoch keinen Schutz genießt, nicht kontrolliert wird und gegen die Vorstellung eines demokratischen Staats verstößt, der sich auf bestimmte Gesetze stützt oder stützen müsste.

Auf der anderen Seite steht ein Staat, der zeigen möchte, dass er im Recht ist, und zu diesem Zweck Polizisten befielt, um jeden Preis eine Abstimmung zu verhindern, deren Ergebnis er ohnehin nicht anerkennen wird.

Das ist absurd. Und tragisch. Denn während sich die Zahl der Unterstützer des Strebens nach Unabhängigkeit nach dem 1. Oktober verdoppelt, wenn nicht verdreifacht hat, fühlten sich die anderen, bis zu jenem Sonntag "schweigende Mehrheit" genannt, verloren und an den Rand gedrängt.

Viele und schwierige Fragen stehen im Raum, die nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern auch die persönliche Gefühlswelt betreffen. Man stellt sich Fragen wie: Bin ich ein Verräter Kataloniens und meiner Wurzeln, wenn ich der Meinung bin, dass dem Referendum die demokratische Grundlage fehlt? Bin ich Faschist, wenn ich keine Teilung Spaniens wünsche? Bin ich ein radikaler Separatist, wenn ich finde, dass die Regierung mit der Situation falsch umgegangen ist? Nicht nur in Katalonien, in ganz Spanien wissen die Menschen nicht, was sie denken sollen, und zu Spanien gehört Katalonien wohl oder übel noch.

Ungläubig blicke ich auf Herrn Puigdemont und seine Freunde, die es geschafft haben, einen Bruch herbeizuführen, der zumindest in sozialer Hinsicht so schnell nicht heilen wird. Sicher, der Riss war schon da und recht tief, aber statt sich um Abhilfe zu bemühen, hat Herr Puigdemont einen Hammer genommen und ihn mit voller Kraft gegen die bereits brüchige Wand geschmettert. Diesen Hammer hat ihm wahrscheinlich auch die Zentralregierung gereicht, auch wenn ich mich langsam frage, was gewesen wäre, wenn Madrid sich vor Monaten um eine Annäherung bemüht hätte, denn mir scheint, dass Herr Puigdemont gar keine Annäherung gewünscht hat.

Und damit wären wir beim letzten Akt unseres Theaterstücks: der Erklärung der Unabhängigkeit mit sofortiger Verschiebung. In der Politik applaudiert man dem klugen Regierungschef, der sich um einen Dialog bemüht. Aber hier sind sich Befürworter und Gegner der Unabhängigkeit nach Monaten, vielleicht Jahren endlich einig: ein Dialog worüber, Herr Puigdemont? In acht Sekunden haben Sie es geschafft, nicht einen Teil, sondern ganz Katalonien unglücklich zu machen. Dazu ist nicht jeder fähig. Sie haben in den vergangenen Jahren einen großen Teils des Volks mobilisiert, lassen ihn in der Schwebe hängen wie eine launenhafte Geliebte, zögern aber vor der wirtschaftlichen und politischen Katastrophe, die eine einseitige Unabhängigkeitserklärung bedeuten würde, wodurch sich die einen wie nach dem Gebrauch entsorgte Werkzeuge und die anderen wie Kegel fühlen, die jederzeit fallen können, Opfer eines Zustands der Ungewissheit und Gefahr, wie man ihn seit mindestens vierzig Jahren nicht mehr erlebt hat. Herzliche Gratulation.