Kartoffeln aus dem Internet

Artikel veröffentlicht am 3. Mai 2009
Artikel veröffentlicht am 3. Mai 2009
Die neue “liberale” Marschrichtung der europäischen Landwirtschaft repräsentiert die Rolle dieses Marktes in einer Zeit der Preisstabilisierung und der hohen Nachfrage für Agrarprodukte in Europa. Das Internet ersetzt Marx bei der Revolution der Landwirte.

In der Schlussbetrachtung des Gutachtens, das der europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss 2005 zum Großhandel herausgab, mahnte er die Notwendigkeit zu einer detaillierten Analyse der Preisspanne für Lebensmittel in der EU an. Spanien ist durch den Preisindex von Herkunft und Ziel (kurz IPOD), der jeden Monat von der Koordinationsorganisation für spanische Landwirte und Viehzüchter (COAG) erstellt wird und der die Spanne bei mehr als 400 Prozent des Originalpreises eines Produktes ansetzt, dieser Forderung nach einer gesonderten Untersuchung einen Schritt voraus.

“Durch die Vertriebskosten steigt der Originalpreis auf fast das Fünffache an”, sagt ein Sprecher des Koordinationskomitees. Der nationale Verband der großen Vertriebsfirmen (kurz ANGED) bestätigt, dass jedes Unternehmen seine eigene Geschäftspolitik festlegt. Und auch eine Studie der Beratungsgesellschaft Capgemini für das spanische Landwirtschaftsministerium zeigt, dass der Zwischenhandel absolut ineffizient ist und die Preise in die Höhe treibt. “Jeder muss verdienen. Und der Nettogewinn ist schon sehr gering, er liegt bei etwa drei Prozent des Endpreises”, bekräftigt ein Sprecher der ANGED.

Kehrtwende zu Preisgarantien

Laut des letzten Eurobarometers halten es 43 Prozent der europäischen Bürger - acht Prozent mehr als bei der letzten Befragung - für angemessen, Preisgarantien für Lebensmittel zu einem vorrangigen Politikziel zu machen. Petr Gandalovic, aktueller Präsident des Rates der EU-Landwirtschaftsminister, bestätigte im vergangenen Februar in Brüssel, dass es sich um ein europäisches Problem handele und dass er es für möglich halte, gewisse Handelspraktiken zu kontrollieren. Er erinnerte auch daran, dass das europäische Parlament bereits eine Studie durchführt, die fordert, dass der Kaufpreis der Erzeugnisse die Produktionskosten nicht untergraben darf, was zumindest das Einkommen der Landwirte sichern würde.

Die Revolution macht das Internet, nicht Marx

Um die Handelsspanne zu retten, haben viele europäische Landwirte bereits in eigener Intitiative ein direktesVerkaufssystem für ihre Produkte via Internet in Gang gesetzt, das den Zwischenhandel unterbindet und Qualität garantieren soll. Basierend auf der Idee einer Souveränität bei Nahrungsmitteln und Landwirtschaft sowie gemeinsamer Verantwortung, hat die COAG “Red Arco” in die Wege geleitet, ein Projekt, das die Philosophie dieser Bewegung zusammenfasst und eine sozial, umweltverträglich und wirtschaftlich nachhaltige Produktion und einen eben solchen Konsum fördert.

Die ersten Initiativen für den Direktverkauf entstanden in Deutschland und der Schweiz.

Produzenten und Konsumenten sollen sich näher kommen. Die ersten Initiativen für den Direktverkauf entstanden in Deutschland und der Schweiz in den 1960er Jahren. Heute hat Frankreich mit seinem Verein zur Erhaltung der Bauernlandwirtschaft (Association pour le Maintien de l’Agriculture Paysanné, kurz AMAP) in puncto Direkthandel die Führungsposition übernommen, auch wenn dieser nicht der einzige seiner Art ist. In der Schweiz nennt sich eine ähnliche Initiative “Les Jardins de cocagne” (“Gärten des Schlaraffenlands”), in Portugal macht “Reciproco” (“Gegenseitigkeit”) von sich reden. In Spanien entwickelt sich dieser Sektor dank Initiativen wie “Red Arco” oder “Proyecto Coccinella” (“Projekt Marienkäfer”), die 2004 vom Naturalismusverband des Südostens (kurz ANSE) gegründet wurde.

Kartoffeln über das Internet

Die Landwirtschaftskooperative “Virgen del Rocío” (“Jungfrau von Rocío”) zieht an demselben Strang wie diese Initiativen, die eine Revolution im Stillen vollziehen. “Virgen del Rocío” besteht seit 40 Jahren in Colonia Monte Algaida, einem Viertel von Cadiz, und beliefert das gesamte Gebiet, weitere Teile Spaniens und das Ausland. “Wir sind eigentlich 27 Mitarbieter, aber in der Hochsaison arbeiten hier fast 400 Menschen”, berichtet die Sekretärin stolz. Erst vor drei Jahren begannen sie mit dem Kartoffelverkauf übers Internet, der bisher fünf Prozent des gesamten Verkaufs ausmacht. “

Auch wenn die Kooperative bisher noch nicht allein von diesem Konzept leben kann, stellt es eine Absatzmöglichkeit dar, die zukunftsträchtig ist”, sagt Außendienstmitarbeiter Miguel Ángel. Kartoffeln verkaufen sie noch nicht außerhalb Spaniens über das Internet, weil es die Transportkosten erhöhen würde und Qualitätsverluste in Kauf genommen werden müssten. “Der Transport erhöht den Preis um acht Euro für je zehn Kilo beim Vertrieb über das Internet”, zählt Ángel nach. Außerdem hätten alle ihre Produkte eine Qualitätsgarantie, die von Globalgap zertifiziert wurde. Diese ist unentbehrlich für den internationalen Verkauf sowie den Internethandel, auch wenn durch sie Zusatzkosten in Höhe von 3.000 bis 4.000 Euro im Jahr anfallen, sagt Antonio, der Gutachter der Kooperative.

Der Direktverkauf ist eine Alternative, die noch in ihren Kinderschuhen steckt!

Der Gesamtaufwand für den Vertrieb erschreckt die Landwirte. Aber der Internethandel floriert trotzdem munter weiter. “Für sie [die Landwirte] ist es dasselbe, sie bekommen 10 Prozent Gewinn”, schließt Ángel. “Der Direktverkauf ist eine Alternative, die noch in ihren Kinderschuhen steckt, deshalb schließen sich die Landwirte in Kooperativen zusammen”, so der Sprecher von COAG.