Karima Delli: „Ich konnte mir Erasmus nicht leisten“

Artikel veröffentlicht am 7. November 2016
Artikel veröffentlicht am 7. November 2016

Karima Delli, die zu den französischen Vorwahlen der Grünen als Präsidentschaftskandidatin angetreten ist, hat sich schnell von der Niederlage der letzten Woche erholt. Die junge Europaabgeordnete (37) hält weiterhin an ihrem Plan fest: den alten Kontinenten zu retten. 

Cafébabel: Was ist Europas Problem? 

Karima Delli: Europa ist unbeliebt, weil wir im Hinblick auf die zahlreichen Herausforderungen Staatschefs haben, die den Anforderungen nicht entsprechen. Während der Flüchtlingskrise hat Europa einen detaillierten Plan zur Verteilung der Flüchtlinge vorgeschlagen und es waren Staatschefs wie Orban u.a., die den Plan zum Scheitern brachten. Europa geht nicht mehr mit gutem Beispiel voran. Barroso [ehemaliger Präsident der Europäischen Kommission; AdR] wechselte zu Goldman Sachs und eine andere Kommissarin [Neelie Kroes; AdR] leitete eine Offshore-Firma. Stop! Das reicht! Es darf nicht mehr gelogen werden. In meinem Programm möchte ich die zwiespältigen Botschaften zwischen Paris und Brüssel abschaffen. Zu viele Politiker geben Europa die Schuld an allem, obwohl sie sogar davon profitieren. Aber die europäischen Bürger sind da. Wenn man mit ihnen spricht, sind sie bereit.  

Cafébabel: Liegt das nicht auch an der negativen Berichterstattung über Europa? 

Karima Delli: Da muss man aufpassen. Wir sind die Generation, die den europäischen Traum wiederbeleben muss. Jeder sagt, dass es schwierig ist. Aber glauben Sie, dass es einfach war, in den 1930er Jahren den bezahlten Urlaub einzuführen? Diejenigen, die das Ende der Sklaverei herbeiführten, glauben Sie, dass sie nicht gelitten haben? Man muss kämpfen, um etwas zu erreichen.

Man muss insbesondere aus dem alten Modell der Parteien ausbrechen. Erstmal sollte man aufhören von neuen Verträgen zu sprechen und einen Verfassungsrat gründen. Anders gesagt, man muss mit den Menschen reden und sie fragen, welche Ideen sie in die Debatte einbringen möchten. Ein neuer Vertrag muss zusammen geschrieben werden. Aber wie? Wir haben dafür alles, was man braucht, insbesondere die sozialen Medien. Das geht sogar mit 28. Es gibt bereits Bürgerinitiativen durch Online-Petitionen, also warum fangen wir nicht an, neue Ideen unter die Leute zu bringen?

Cafébabel: Wo fangen wir da am besten an?

Karima Delli: Europa muss sich den echten Problemen stellen. Es ist nicht normal, dass wir immer noch keine Finanztransaktionssteuer eingeführt haben. In Wirklichkeit gibt es in Europa zwei Probleme: Erstens ist es zu technokratisch und zweitens benötigen wir eine Steuerharmonisierung. Ich arbeite an dem Thema Sozialdumping und setze mich für einen europäischen Mindestlohn ein. Aber es ist ein langer Kampf.

Cafébabel: Wie bringt man die Jugend dazu sich für Europa zu interessieren?

Karima Delli: Indem man ihnen hilft es zu entdecken. Aber das reicht natürlich nicht. Ich konnte zum Beispiel nicht Erasmus machen. Warum? Weil ich es mir nicht leisten konnte. Es sind immer dieselben, die Erasmus machen, nicht unbedingt diejenigen aus dem einfachen Volk. Was dagegen tun? Ich erfinde den europäischen Freiwilligendienst, und zwar sofort!

Cafébabel: Aber den Europäischen Freiwilligendienst gibt es doch schon...

Karima Delli: (Sie schlägt auf den Tisch) Das ist nicht das Gleiche und überhaupt, wer kennt den schon? Ich möchte ihn verpflichtend einführen. Während des Studium nimmt man sich 6 Monate Zeit,  um zu schauen, wie es anderswo ist. Und ich gebe Ihnen auch eine Zahl: jedes Jahr senden wir 1 Million Jugendliche nach Europa, damit sie miteinander reden, Zusammenhalt schaffen und die schlauen Köpfe von morgen werden, damit sich die Frage der Unterschiede nicht mehr stellt. Damit man den alten schrecklichen Diskussionen über die nationale Identität, Immigration etc. den Hahn abdreht, all diese Themen beseitigt und sich eine wichtige Frage stellt: Wie schaffen wir eine europäische Identität?

Im Europäischen Parlament haben wir uns wie noch nie für die Jugend eingesetzt. Wir haben die Jugendgarantie beschlossen, ein Konzept, das es jedem arbeitslosen Jugendlichen ermöglicht, ein Praktikum, eine Ausbildung oder eine qualifizierte Arbeitsstelle zu erhalten. Wir haben dafür 6 Milliarden Euro aufgebracht.

Cafébabel: Dann stelle ich Ihnen die gleich Frage: Wer kennt die denn?

Karima Delli: Ok, aber sie funktioniert! Wenn Sie sich die Länder angucken, die sie umgesetzt haben: Finnland, Dänemark, Deutschland, Italien... Das Problem in Frankreich ist, dass nicht kommuniziert wird. Kennen Sie etwa die Position Frankreichs zu Europa? Es gibt in Frankreich keine europäische Debatte. Wir haben keinen Minister, keine Berater. Wenn Sie in Frankreich jemanden anrufen möchten, der europäische Themen verhandeln soll, wen rufen Sie da an? Wir haben nur einen Staatssekretär, aber mal ehrlich, was macht der denn? Die europäische Debatte setzt er in Frankreich jedenfalls nicht durch. Was macht Merkel, bevor sie zum Europarat fährt? Sie geht zum Bundestag, um dort über Europa zu sprechen und alle Fernsehsender sind da. Sogar beim Stammtisch spricht man dann über Europa.

Cafébabel: Und wieso ist Frankreich da so hinterher? 

Karima Delli: In Frankreich sprechen die Medien nicht genug über Europa. Entschuldigung, aber es ärgert mich wenn man sagt, dass die Europaabgeordneten in Frankreich unbekannt sind. Bei politischen Debatten über Europa, wen lädt man da ein? Die nationalen Abgeordneten, die absolut keine Ahnung haben und die Parteivorsitzenden, die miserabel sind. Wo sind da die Europaabgeordneten? Unter den deutschen Diplomaten streitet man sich darum, wer nach Europa darf. Wir hingegen senden nur die zweite Wahl, diejenigen, die etwas zu verbergen haben. Europa ist viel zu wichtig, um als Altenheim verwendet zu werden. 

Diejenigen, die Erasmus gemacht haben, müssen Europas Botschafter werden, denn wir brauchen Vermittler. Ich verstehe nicht, warum wir nicht früher daran gedacht haben. Immer wenn ich ins Parlament gehe, sagt man mir, wie toll Frankreich sei, dass das, was wir mit den Sozialunterünften gemacht haben, super sei, dass unsere soziale Absicherung exemplarisch sei. Aber all das, was wir gut machen, wer gibt das weiter? Niemand.