Kampf gegen die Traditionen

Artikel veröffentlicht am 7. Februar 2005
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Artikel veröffentlicht am 7. Februar 2005

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In der Türkei haben die Frauen zahlreiche Rechte erlangt, die einzigartig sind in der islamischen Welt. Trotzdem sind die Traditionen häufig stärker als das Recht auf Respekt und ein selbst bestimmtes Leben.

Im Bereich der Frauenrechte hat die Türkei, selbst wenn sie in vielen Punkten anderen islamisch geprägten Ländern voraus ist, in der gesellschaftlichen Praxis immer noch sehr viel aufzuholen. Im rechtlichen Bereich liegt die Türkei jedoch um Weiten vorne: So erhielten die Frauen das aktive und passive Wahlrecht bereits früher als in einigen europäischen Ländern (1930 das aktive und 1934 auch das passive Wahlrecht). Die jüngsten Gesetzesänderungen erlauben den Frauen, einen Scheidungsprozess in die Wege zu leiten, und seit 2001 brauchen sie nicht mehr die Erlaubnis ihres Mannes, wenn sie arbeiten möchten. Im Januar 2002 wurden die türkischen Frauen den Männern rechtlich gleichgestellt.

Es deutet also alles darauf hin, dass die türkischen Frauen eine gewisse Freiheit genießen. Jedoch stellt sich die Frage, ob sie davon auch im Alltag profitieren. Verschiedene Studien, die sich mit der Lage der türkischen Frauen befassen, antworten unisono "nein". Nach Jahrzehnten der Reformen dominieren die traditionellen Bräuche und religiösen Praktiken immer noch das alltägliche Leben der meisten türkischen Frauen.

Töten für einen Ehebruch

Die Ergebnisse einer Studie der NRO Women for Women's Human Rights (WWHR) aus den Jahren 1996 und 1997 mit dem Fokus auf den Osten und Südosten des Landes und einer Untersuchungsgruppe von 1000 Frauen zeigt, dass die türkischen Frauen keine totale Freiheit genießen, wenn es um das Recht geht, einen Beruf auszuüben. Noch immer dominieren patriarchalische Strukturen. Die Hälfte der türkischen Bevölkerung lebt in ländlichen Gegenden und die Frauen, die in der Landwirtschaft tätig sind, werden häufig nicht bezahlt. Laut einer Statistik aus dem Jahre 1993 sind 32% der weiblichen Bevölkerung der Türkei Analphabetinnen.

Schließlich kommt noch hinzu, dass, obwohl die Frauen theoretisch das Recht auf Scheidung haben, nur wenige von diesem Gebrauch machen - selbst dann nicht, wenn sie Opfer von häuslicher Gewalt sind, sei sie nun verbaler (Beleidigungen und Demütigungen) oder physischer Natur (bis hin zur Vergewaltigung). Mehr als die Hälfte von ihnen meint, dass ihr Mann sie für einen Ehebruch töten würde. Was die häusliche Gewalt anbelangt, so wird sie von einem Drittel der türkischen Frauen als "verdient" angesehen (nach einer Studie der Universität Ankara).

Sicher, die Gesetze gibt es, aber die "Einstellungen ändern sich nicht über Nacht", meint Kirsty Hughes vom Europäischen Institut der London School of Economics. "Viele Gesetze, die durch den Druck verschiedener feministischer Gruppen geschaffen wurden, sind noch sehr neu und die Frauen sind einfach nicht genügend informiert", erklärt Sermin Utku Bilgen von der Organisation Mor Cati. "Die Gesetze müssen angewendet werden, und dabei sind Informationskampagnen essentiell. Zahlreiche feministische Gruppen versuchen die Frauen über ihre Rechte zu informieren. Sobald die Frauen informiert sind, können sie ihre Situation mit viel mehr Klarheit betrachten. Schließlich entscheidet jede Frau selbst über ihr Schicksal", erinnert die ehrenamtliche Helferin.

“Rettet auch die geschlagenen Männer!“

Sermin ist übrigens überzeugt, dass die Medien den Kampf der Frauen positiv beeinflusst haben. "Als sich die Frauenbewegung gegen Ende der 80er Jahre formierte, haben die Zeitungen viel darüber berichtet." De facto haben damals zahlreiche Frauen verstanden, was Gewalt bedeutet, nicht nur körperliche, sondern auch verbale, psychische und wirtschaftliche Gewalt. "Die Frauen haben sich bewusst gemacht, dass Vergewaltigungen auch in der Ehe auftreten können", erklärt Sermin. Vorher war dieses Thema tabu gewesen. Als die Frauenbewegung begann, Spenden zu sammeln, tönten jedoch von allen Seiten abschätzende Bemerkungen wie "Oh, ihr werdet also die misshandelten Frauen retten, warum aber dann nicht auch die Männer, die geschlagen werden?".

Man muss außerdem eingestehen, dass die Frauen nicht immer unterstützt werden. "Wenn eine Frau sich beispielsweise zu einer Polizeistation begibt, kommt es häufig vor, dass die Polizisten nicht wirklich versuchen ihr zu helfen. Während einige nicht über die Gesetzgebung informiert sind, haben andere keine Lust, mit den Frauen zu kollaborieren, einfach weil sie Männer sind."

Gegen das „Ehrgefühl“ der Männer

Glücklicherweise gibt es eine wachsende Zahl von Frauen in öffentlichen Ämtern, ob nun auf gewählter Basis oder als Beamtinnen. Die Frauenbewegungen sind sich einig darin, dass die Probleme sich nach und nach lösen werden. „Wir müssen weiterhin Informationsarbeit leisten und versuchen, kreative Lösungen zu finden", wird Sermin nicht müde zu wiederholen. „Aber diese Lösungen müssen vor allem auf das Publikum zugeschnitten werden, an das sie sich richten, denn die Probleme sind verschiedener Natur, und von Region zu Region unterschiedlich. Momentan wird in der Türkei gerade eine Kampagne durchgeführt, um kleine Mädchen dazu aufzurufen, in die Schule zu gehen (seit 1994 gibt es die Schulpflicht für Mädchen). Das Problem ist, dass in den ländlichen Gegenden, wo zahlreiche Frauen Analphabetinnen sind (62,2% der Frauen sind nie zur Schule gegangen oder haben sie sehr früh abgebrochen) oder die türkische Sprache nicht verstehen, der Aufruf nicht ankommt. Manche Familien sehen überdies kein Interesse darin, die Tochter in die Schule zu schicken, da dies in Anbetracht des langen Schulwegs eine große Organisation voraussetzen würde“, erklärt die Frauenrechtlerin. „In anderen Familien ist es der Vater, der dagegen ist. Es ist häufig sehr schwierig, gegen die Ignoranz und das 'Ehrgefühl' der Männer anzugehen".