Kairo: Der Tahrir-Platz gehört der Jugend

Artikel veröffentlicht am 4. Juli 2013
Artikel veröffentlicht am 4. Juli 2013

Der 4. Juli 2013 war ein nervenaufreibender Tag: dröhnende Pistolenschüsse, panische Menschen auf den Straßen und dann ein ohrenbetäubendes Feuerwerk auf dem Tahrir Platz. Meine Ohren waren mehrere Stunden lang am Rande ihrer Belastbarkeit. Wir durchleben eine entscheidende Zeit, in der ein freudiges Feuerwerk und tödliche Pistolenschüsse innerhalb von zehn Minuten aufeinander folgen.

WARUM PROTESTIEREN DIE ÄGYPTER?

Im Januar 2011 starteten Aktivisten und Bürger die letztendlich 18 Tage andauernden Proteste und Sitzblockaden auf dem zentral gelegenen Tahrir-Platz in Kairo. Von dort aus verbreiteten sie sich bald über das ganze Land und zwangen schließlich den damaligen Präsidenten Hosni Mubarak kurz vor seinem dreißigsten Jahr als ägyptischer Präsident zum Rücktritt. Die Machtübergabe an den Nationalen Militärrat (SCAF) führte das Land in bewegte 16 Monate, geprägt durch Verstöße gegen die Menschenrechte. Es kam zum Beispiel zu Jungfräulichkeitstesten bei weiblichen Demonstrantinnen, Militärtribunalen für Bürger, sowie zu mehreren blutigen Zusammenstößen in Kairo und anderen großen Städten Ägyptens. Die Ägypter konnten daher einen schnellen Übergang zu demokratischen Verhältnissen kaum erwarten.

In den ersten Parlamentswahlen nach der Revolution, die dann im November und Dezember 2011 stattfanden, gewannen die islamistischen Parteien die Mehrheit im ägyptischen Parlament. Die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2012 brachten Mohamed Morsi, Mitglied der Muslimbruderschaft, an die Macht. Seit er im Juni 2012 sein Amt angetreten hat, häufte sich die Frustration angesichts seiner Arbeit. Von einer angeschlagenen Wirtschaft, der umstrittenen Verfassungsänderung durch einen islamistisch geprägten Verfassungskongress bis hin zu immer häufigeren Stromausfällen im Land: Morsis Präsidentschaft hat sich für alle, die gehofft hatten, die Revolution brächte reale Veränderungen und mehr Demokratie mit sich, als Enttäuschung entpuppt. Seit ein paar Monaten sammelte die Bürgerbewegung „Tamarod“ („Rebell“) Unterschriften und rief die Öffentlichkeit zu einer Massendemonstration am 30. Juni 2013 auf. Ziel der Demonstration war es, dem gewählten Präsidenten öffentlich das Vertrauen zu entziehen. Am 30. Juni versammelten sich Millionen von Demonstranten, zogen durch verschiedene Städte Ägyptens, und skandierten „Tritt zurück!“

Barbies Und Power Rangers

Was mich an diesem 2. Juli 2013 am meisten berührte, waren die Worte von zwei Mädchen. Die erste, 8 Jahre alt, wartete vor einem Frisör auf ihre Mutter. Von einer freundlichen Dame wurde die Kleine mit dem widerspenstigem Haar gefragt, ob sie dieses Wochenende an der Nordküste am Strand verbringe. Sie antwortete: „Nein, ich gehe zum Tahrir-Platz!“ Dem zweiten Mädchen, ungefähr im selben Alter, begegnete ich auf der Kasr El Nil-Brücke [die den Nil überquert; A.d.R.]. Die ägyptische Flagge in der Sommernacht schwenkend, kam sie gerade vom Tahrir-Platz zurück und sagte zu ihren Eltern: „Morgen gehen wir zurück zum Tahrir-Platz.“

 Weißt du noch, was du im Alter von 8 Jahren gemacht hast? Mit Barbie oder den Power Rangers Figuren gespielt? Weißt du noch, was du im Alter von 18 Jahren gemacht hast? Davon geträumt, wie Barbie zu sein, oder einer der Power Rangers? Sieh dir die Kinder von heute an. Schau auf das neue Wir. Keiner weiß, was morgen passieren wird. Aber wir wissen, was übermorgen geschehen wird - unsere Kinder werden dieses Land verändern. Halt deine Augen und Ohren offen: Veränderung steht vor der Tür! Junge Bürgerinnen und Bürger in der Türkei, Brasilien, Libyen, Syrien oder dem Libanon, um nur ein paar Beispiele zu nennen, fordern ihre jeweiligen Regierungen heraus. Alle Macht dem Volk! - auf der ganzen Welt.