Junges Europa oder Chaos

Artikel veröffentlicht am 6. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 6. Februar 2013
Der Vorhang hebt sich und sechs Intellektuelle betreten die Bühne. Sie wenden sich einem Pariser Amphitheater zu, in dem bereits weitere Kahlköpfige sitzen. Nein, das ist kein Witz, das ist die Präsentation des Manifests 'Europa oder Chaos'. Eine Gedankensammlung der Menschen von gestern über die Dunkelheit von morgen.

Es ist 20 Uhr. An den Kameras des deutsch-französischen Fernsehsenders ARTE gehen die roten Lämpchen an. Der französische Publizist und Fernsehphilosoph Bernard-Henri Lévy (für Kenner auch BHL) macht es sich in seinem Podiumsessel bequem. Auf der Bühne sticht insbesondere Umberto Eco mit seiner Zigarre hervor. Hinter ihren Köpfen wird eine Europakarte an die Wand projiziert, auf der Europe ou chaos? [Europa oder Chaos?] zu lesen ist. Der Schatten, den diese Buchstaben werfen, ist so düster wie das Manifest Europa oder Chaos, das diese Intellektuellen – unter denen sich nur eine Frau befindet – präsentieren wollen. Es handelt sich um einen Text, den Gelehrte von der Größe eines Fernando Savater, Salman Rushdie oder Antonio Lobo Antunes unterschrieben haben. Zwischen all der Rhetorik scheint es eine zentrale Aussage zu geben: stärkere politische Integration oder der Europäischen Union droht der Tod.

Trotzdem sorgt der Text an diesem Nachmittag kaum für Gesprächsstoff in Paris. Jeder der Eingeladenen nutzt die Redezeit dazu, seine Meinung zu Allem und Nichts, sich selbst und dem Frieden kundzutun. Der spanische Schriftsteller und Journalist Juan Luis Cebrián zum Beispiel kritisiert die Untätigkeit der europäischen Institutionen angesichts der Arbeitslosigkeit – die Opfer der Massenentlassungen bei der spanischen Tageszeitung El País zählen da nicht? Der deutsche Schriftsteller Peter Schneider wirbt für die Schaffung eines Europas der Bürger und Umberto Eco kramt die „undenkbare Vorstellung“ eines Krieges in heutiger Zeit hervor.

Von der Zukunft war allerdings kaum die Rede. Zwei Studenten des College of Europe, Kaderschmiede der zukünftigen Europaelite, versuchten gesunden Menschenverstand und etwas Pepp in eine heuchlerische und in der Vergangenheit stehengebliebene Debatte voller abgedroschener und utopischer Phrasen zu bringen. Ihre Fragen, die sich darauf bezogen, dass die Jugend in der Debatte über das Europa unserer Eltern völlig vergessen wurde, blieben nicht nur unbeantwortet, sondern führten auch noch dazu, dass einige der Vortragenden in eine Verteidigungshaltung verfielen.

Der Deutsche Hans Christoph Buch schlug die Gründung der Vereinigten Staaten von Europa als Lösung aller Probleme vor. Löst das auch die Jugendarbeitslosigkeit?

Um 22.30 Uhr hatte das Gespräch sein Ende erreicht. Die Europaliebhaber im Publikum dankten den Intellektuellen für ihr Engagement. Diese wiederum verließen die Bühne mit vor Stolz geschwellter Brust darüber, zur Erweckung eines Bewusstseins beigetragen zu haben. Vom Verlust der sozialen Rechte, der zunehmenden Verarmung der Mittelschicht oder der Frustration der jungen und gut ausgebildeten Generation schienen die Eingeladenen wenig bis gar nichts zu wissen.

Sie tragen nicht die Schuld daran, dass sie ergraute Gelehrte aus einem längst vergangenen Europa sind. Aber es ist und bleibt ein Anachronismus einigen – mit Verlaub – Altherren-Größen zuzuhören, wie sie über die Zukunft einer Europäischen Union debattieren, deren aktuelle Wirklichkeit sie offensichtlich nicht zu kennen scheinen. Vielleicht brauchen wir weniger Poesie und dafür mehr Taten. Aber klar, warum sollte man über die derzeit anstehenden Herausforderungen sprechen, wenn man sich an das Europa von Kohl, Mitterrand und De Gaulle klammern kann?

Illustrationen: Teaser (cc)Scott Beale/flickr/laughingsquid.com; Im Text ©Arte; Video (cc)seb cbien/YouTube