Junge Südeuropäer in Berlin: Hippie-Illusionen ohne Hartz IV

Artikel veröffentlicht am 20. Juni 2012
Artikel veröffentlicht am 20. Juni 2012
Deutschland braucht sicherlich mehr Migranten, aber in Berlin steigen die Mieten und viele Neuankömmlinge - besonders aus dem Süden Europas - müssen sich mit kleinen Jobs über Wasser halten. Trotzdem fühlen sich immer mehr junge Europäer von der Energie der Stadt angezogen. Berlin – eine Fata Morgana?

Ein kleiner Hof im Stadtteil Kreuzberg. Junge Leute diskutieren und rauchen unter freiem Himmel, an die Wand gelehnt oder entlang großer Tische aus hellem Holz. Ich höre Deutsch, Englisch, Italienisch und Spanisch. Kay, ein Deutschlehrer bei Babylonia e.V., hatte mich vorab informiert: „Ich kann keine genauen Zahlen nennen, aber es nehmen immer mehr Personen an unseren Deutschkursen teil. Vor allem Italiener, Spanier und Griechen.“ Es fällt schwer, nicht in Klischees zu denken, wenn diese der Realität entsprechen. 

Ich überquere den Hof und erreiche den Eingang des Gebäudes, das in den 1980ern von Babylonia besetzt wurde, einem Verein, der Sprachkurse anbietet und Ausländern auch bei der Bewältigung des typisch deutschen Papierkrams hilft. In der ersten Etage finde ich mich am Empfang wieder, wo sich zwei Personen auf Spanisch unterhalten. Kay gibt auf der anderen Seite des großen Glasfensters seinen Deutschkurs. Um mich herum hängen lauter Protestplakate. Eines davon zeigt das Köpi, das berühmte, von Punks besetzte Haus in der Köpenicker Straße.

„Alle jungen Leute, die hier in Berlin ankommen, arbeiten in einem verdammten Restaurant!“

Babylonia ist anders als alle anderen Sprachschulen in Berlin. Sie wurde 1981 von Migranten gegründet und bietet ein alternatives Kursangebot zu attraktiven Preisen, das auf politische und aktuelle Themen ausgerichtet ist. Eines der im Unterricht am meisten diskutierten Themen ist die Streichung von Hartz IV für die neuen EU-Ausländer. Eine politische Entscheidung der deutschen Regierung vom März 2012, die in erster Linie die Hauptleidtragenden der europäischen Finanzkrise trifft, d.h. Italiener, Spanier und Griechen, die in Deutschland nach einem neuen Leben suchen.

Viele EU-Ausländer zieht es nach Berlin - eine coole Stadt - leider ohne Jobs

„Im Dilemma“

„Zwei meiner Freunde, der eine Spanier, bekommen kein Hartz IV mehr“, erzählt mir Elisa. Die dreißigjährige Italienerin ist Malerin und lebt seit fast drei Jahren in Berlin. „Ich bekomme noch Hartz IV, weil ich in einem Restaurant gearbeitet habe. Alle jungen Migranten müssen hier in Berlin in einem verdammten Restaurant arbeiten! Aber selbst mit Hartz IV ist es schwierig – das Geld kommt in unregelmäßigen Abständen und manchmal muss ich sogar zwei Monate darauf warten.“ Elisa nimmt Kursen bei Babylonia und träumt davon, eine Galerie in Berlin zu eröffnen. „Weil man hier mehr Freiheiten hat als anderswo und die Menschen sehr offen sind“.

Das ist bei Paco*, der die Stadt verlassen will, nicht der Fall: „Ich mag nicht viel an dieser Stadt. Ich persönlich habe nur wenig Erfreuliches erlebt. Dass Berlin arm ist, wusste ich schon, bevor ich herkam. Du kannst hier leicht Spaß haben, aber es dauert wirklich seine Zeit, bis du dich integriert fühlst.“ Der 31-Jährige aus Barcelona lebt seit einem Jahr in der Hauptstadt. „Wenn ich bleiben will, muss ich viele Praktika machen, denn meine Berufserfahrung in Spanien zählt hier nicht. Ich kann aber auch nicht in meine Heimat zurückkehren, dort gibt es für mich nichts mehr zu tun.“

„Wie zwischen den Stühlen“ – so fühlt sich die 29-jährige Designerin Dafni aus Athen: „Nach Griechenland kann ich wegen der Krise nicht zurückkehren. Ich muss mich entscheiden, ob ich hierbleiben oder weggehen will, aber ich weiß noch nicht, was ich tun soll. Manchmal mag ich diese Stadt, weil ich hier eine Art Gleichgewicht zwischen großer Metropole und eher ruhigerer Stadt finden kann. Manchmal wiederum mag ich sie nicht, denn wenn du kein Deutsch sprichst, dauert es seine Zeit, bis du in der Stadt zuhause bist, vor allem wenn du zu keiner bestimmten Gruppe gehörst.“

Preise steigen, nicht jedoch die Löhne

Heute ist es in vielen Berliner Vierteln schwierig geworden, ein WG-Zimmer unter 400 Euro zu findenAngezogen von der guten wirtschaftlichen Lage Deutschlands, strömen immer mehr Europäer in die Hauptstadt, was in einigen Stadtteilen zu steigenden Mietpreisen führt. „Es ist ein sehr bequemes Leben, weil man für wenig Geld viel machen kann“, sagt mir Alina, eine 25-jährige Griechin und Design-Studentin, die ich in einem Café in Kreuzberg treffe. „Aber das wird sich ändern, die Preise steigen schnell. Sogar in Bars reinzukommen, ist schwieriger geworden. Es wird auch immer problematischer eine Wohnung zu finden, vor allem in Kreuzberg. Es gibt keine WGs mehr unter 400 Euro. Noch vor zwei Jahren war das unvorstellbar.“

Seit ungefähr zwei Jahren kommt es in Berlin durch die berühmte „Gentrifizierung“ und durch steigende Nachfrage zu einem beachtlichen Preisanstieg. Es kann Monate dauern, bis man etwas Günstiges findet. Marcel Krueger, ein Deutscher, der in Irland gelebt hat, erzählt, dass die Wohnungssuche in Berlin gar nicht so einfach ist und die Wohnungen nicht so günstig sind: „Der durchschnittliche Mietpreis ist innerhalb von zwei Jahren um 7,9% gestiegen; in den „angesagten“ Stadtteilen wie Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Neukölln vielleicht sogar noch mehr.“

Auch der Arbeitsmarkt ist für die Neuankömmlinge nicht besonders günstig. Manon, eine junge französische Künstlerin und Bloggerin, war 2011 gezwungen Berlin zu verlassen, wo man sich, wie sie in ihrem Blog schreibt, „von einem Gelegenheitsjob zum nächsten hangelt. In Deutschland gibt es keinen Mindestlohn, was die ohnehin schwierige wirtschaftliche Lage in Berlin verschärft. Als Kellnerin bekommt man manchmal nur vier Euro und wird trotzdem oft gezwungen, das Trinkgeld dem Arbeitgeber zu geben, der darauf hinweist, dass wenn man damit nicht einverstanden ist, es 15 andere gibt, die sich um diesen Job reißen würden.“ Für Künstler oder Freiberufler, die sich hilflos fühlen, knapp bei Kasse sind und denen es nichts ausmachen würde, bis 30 in einer Wohngemeinschaft zu leben, könnte Berlin der richtige Ort sein.

In Kreuzberg

„Viele Menschen kommen planlos nach Berlin“, behauptet Amelia, eine 28-jährige Doktorandin aus Italien. „Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich nicht mehr weiß, was ich tun soll. Die Menschen genießen wirklich ihr Leben. Aber ich weiß nicht, ob ich das wirklich will. Ich will etwas Konkretes machen. Hier kann man nichts erreichen.“

Eine Stadt auf der Suche nach sich selbst?

Es ist gemeinhin bekannt, dass Berlin eine Stadt der nach Inspiration suchenden Künstler ist, die weniger in die deutsche Hauptstadt kommen, um etwas Handfestes zu schaffen, sondern eher, um Berlins Energie in sich aufzunehmen. Es wird dunkel nach dem Karneval der Kulturen und ich finde mich neben einem Hippiebus wieder, wo zwei Personen über Berlin diskutieren. Einer davon ist hier geboren. Der andere, Axel, ist ein 29-jähriger Franzose, der seit fast 7 Jahren in der Hauptstadt lebt.

Für ersteren sei Berlin keine Traumstadt. Denn die Leute, die herkommen „folgen nur einer oberflächlichen Welle“, die nicht der Realität entspricht. Für den anderen ist diese Stadt ein Orientierungspunkt für junge Menschen, die auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind. Axel hingegen hat die deutsche Sprache vor Ort gelernt, ist Lehrer geworden und hat es geschafft, sich darin zu verwirklichen. Denn jenseits der Realität, zeichnet sich Berlin durch das aus, worüber es in Hülle und Fülle verfügt – Energie, Raum, Zeit.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Multikulti on the Ground 2011-2012. Vielen Dank an das cafebabel.com Team in Berlin.

(*Name wurde von der Redaktion geändert)

Illustrationen: Teaserbild (cc)johncarleton/flickr (bei Getty Image); Im Text ©Marine Leduc