Junge Populisten: Eine verlockene Alternative?

Artikel veröffentlicht am 22. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 22. Juli 2014

Nein zu Mer­kel, nein zum Euro, nein zum frei­en Markt: Darum geht es den jun­gen deut­schen Eu­ro­skep­ti­kern. Die kaum ein Jahr alte Par­tei Al­ter­na­tive für Deut­schland (AfD) hat bei den Eu­ro­pa­wah­len 7% der Stim­men eingefahren. Ihre Geg­ner wer­fen ihnen Po­pu­lis­mus und Verharmlosung na­tio­na­lis­ti­scher Strö­mun­gen vor. Wie sehen sie das selbst?  

Die AfD hat im März ihr ein­jäh­ri­ges Be­ste­hen ge­fei­ert. Die vom Volks­wirt und Eu­ro­skep­ti­ker Bernd Lucke ge­grün­de­te Par­tei ist außer­halb der Gren­zen Deutsch­lands je­doch noch wenig be­kannt. Die AfD zählt heute 19.000 Mit­glie­der, dar­un­ter auch eine Grup­pe von 400 jun­gen, ra­di­ka­len und po­le­mi­sie­ren­den Ak­ti­vis­ten, die  Junge Al­ter­na­tive (JA). 

Po­li­tisch lie­ber un­kor­rekt

Bevor ich nach Ber­lin auf­bre­che, kon­tak­tie­re ich via Skype Phi­lipp Ritz, 32 Jahre alt, Mit­glied der AfD und Pres­se­spre­cher der JA. Gleich zu Be­ginn un­se­rer Un­ter­hal­tung zieht der junge Ak­ti­vist po­pu­lis­ti­sche Pa­ro­len einer po­li­tisch kor­rek­ten Aus­sa­ge vor. „Ich hasse Po­li­ti­ker", meint er und schnei­det Gri­mas­sen, „sie ten­die­ren zu Kor­rup­ti­on und sagen dem Volk nie die Wahr­heit". Die eu­ro­päi­schen In­sti­tu­tio­nen fin­det er an­tide­mo­kra­tisch. Er wirkt sicht­lich ge­nervt, als er über „die for­cier­te Ver­ab­schie­dung des Ver­trags von Lis­sa­bon" spricht. Er will, dass die stark ver­schul­de­ten Län­der aus der Eu­ro­zo­ne flie­gen. Als ich ihn frage, ob seine Grup­pe po­pu­lis­tisch agie­re, meint er ent­ge­gen mei­nen Er­war­tun­gen, dass Po­pu­lis­mus eine gute Sache sei: „das heisst, dass wir volks­nah sind."

Der Dis­kurs des Pres­se­spre­chers der jun­gen Eu­ro­skep­ti­ker ist ra­di­ka­ler als jener der Kern­par­tei. Die Jun­gen Al­ter­na­ti­ven las­sen auch sonst kein brenz­li­ges Thema aus: von Li­ber­ta­ris­mus über Kri­mi­na­li­tät bis hin zu An­ti­fe­mi­nis­mus. Die AfD hin­ge­gen kon­zen­triert sich in ihrem Pro­gramm auf Wirt­schafts­po­li­tik und wehrt sich gegen jede Art von po­li­ti­scher Eti­ket­tie­rung. Ex­per­ten sie­deln die Par­tei trotz­dem eher im rech­ten Lager an, gleich neben der CDU von An­gela Mer­kel. Pro­fes­sor Nils Die­de­rich von der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin sagt, dass die Par­tei auf po­li­ti­scher Ebene nicht na­tio­na­lis­tisch sei, wie es bei an­de­ren eu­ropa­skep­ti­schen Par­tei­en der Fall sei. Er würde sie eher als na­tio­na­lis­tisch auf der wirt­schaft­li­chen Ebene einstufen.

Eine Star­ke Wirt­schaft

Ich tref­fe Nor­bert Klein­wäch­ter, AfD-Mit­glied und Ab­ge­ord­ne­ter im Kreis­tag Dahme-Spree­wald, in der Nähe des still­ge­leg­ten Flug­ha­fens Tem­pel­hof. Für unser Tref­fen hat er ein asia­ti­sches Lokal mit kit­schi­gem Dekor und Pop­mu­sik aus­ge­sucht. Wir be­stel­len zwei Colas. Der 28-jäh­ri­ge Gym­na­si­al­leh­rer drückt in lu­pen­rei­nem Fran­zö­sisch seine Sorge über einen mög­li­chen Sieg des Front Na­tio­nal bei den nächs­ten Prä­si­dent­schafts­wah­len in Frank­reich und einen Aus­tritt des Lan­des aus der EU aus. Er er­klärt auch, dass der Eu­ro­skep­ti­zis­mus der AfD sich we­sent­lich von jenem der Front Na­tio­nal oder von UKIP un­ter­schei­de. Die AfD sei gegen den Euro, nicht gegen die EU. Das wür­den aber nicht alle ver­ste­hen. „Eine mei­ner Be­kann­ten hat mich als Face­book-Freund ge­löscht, als sie er­fuhr, dass ich bei der AfD bin. Sie hat sich nicht ein­mal die Mühe ge­macht, mit mir dar­über zu reden", be­dau­ert Nor­bert.

Er will den Jun­gen Al­ter­na­ti­ven der­zeit nicht bei­tre­ten, der po­li­ti­sche Leit­fa­den der Grup­pe sei zu vage. Nor­bert habe sich in einer eu­ro­skep­ti­schen Par­tei en­ga­giert, „um den eu­ro­päi­schen Grund­ge­dan­ken zu ret­ten, der von der Krise be­droht wird". Dafür macht er den Euro ver­ant­wort­lich. „Wir wol­len den Mit­glieds­län­dern die Mög­lich­keit geben, aus dem Euro aus­zu­stei­gen", er­klärt Nor­bert. Dabei meint er aber nicht etwa die Rück­kehr zur deut­schen Mark. Die AfD wolle eine star­ke deut­sche Wirt­schaft ohne Wäh­rungs­ab­wer­tung, ver­schul­de­te Län­der sol­len fern­ge­hal­ten wer­den. Dabei zeigt die AfD vor allen Din­gen mit dem Fin­ger auf Grie­chen­land.

Es sei al­ler­dings nicht be­son­ders sexy, über Wirt­schaft zu spre­chen. Deshlab ver­ein­fache die AfD ihren Dis­kurs, um Wäh­ler an­zu­zie­hen, und ge­ra­te auch da­durch in po­pu­lis­ti­sches Fahr­was­ser. „Es stimmt, dass wir un­se­re Kon­zep­te für den Wahl­kampf in sehr ein­fa­che Aus­sa­gen ver­pa­cken muss­ten, al­lein schon damit sie auf einem Pla­kat Platz haben", gibt Nor­bert zu. Da hieß es etwa: „Die Grie­chen lei­den. Die Deut­schen zah­len. Die Ban­ken kas­sie­ren." Oder: „Mehr für Bür­ger. We­ni­ger Brüs­sel."

Dem Na­tio­na­lis­mus auf den Fer­sen

Die AfD als durch­aus de­mo­kra­ti­sche Par­tei hat mit die­sem al­ter­na­ti­ven Dis­kurs aber auch na­ti­on­lis­ti­sche Grüpp­chen an­ge­zo­gen. Nor­bert Klein­wäch­ter be­teu­ert, dass die Par­tei keine ra­di­ka­len Mit­glie­der ak­zep­tiere. „Wir fra­gen alle neuen Mit­glie­der nach ihren ver­gan­ge­nen Par­tei­mit­glied­schaf­ten. Wenn dabei die NPD auf­taucht, leh­nen wir ihren An­trag ab", er­klärt er. In sei­ner Re­gio­nal­grup­pe muss Nor­bert üb­ri­gens dem­nächst ge­mein­sam mit dem Exe­ku­tiv­aus­schuss über einen sol­chen Mit­glieds­an­trag ent­schei­den.

Ein paar Tage spä­ter tref­fe ich Se­bas­ti­an Ko­wal­ke. Er ist Mit­glied der AfD und der Jun­gen Al­ter­na­ti­ven in Char­lot­ten­burg. Wir schlän­geln un­se­ren Weg durch den vor­bei­zie­hen­den Gay-Pri­de und lan­den im Am­bro­si­us, einem Stamm­lo­kal der AfD. Der 21-jäh­ri­ge Stu­dent er­klärt uns, warum die Jun­gen Al­ter­na­ti­ven ra­di­ka­ler als die Kern­par­tei sind. „Sie haben we­ni­ger zu ver­lie­ren als die Äl­te­ren, die Fa­mi­lie und Job immer im Hin­ter­kopf haben. Wir füh­len uns frei­er und ver­tei­di­gen un­se­ren Stand­punkt." Was die na­tio­na­lis­ti­schen Mit­glie­der be­trifft, meint der Ak­ti­vist, dass er immer gerne mit ihnen dis­ku­tiert, um sie davon zu über­zeu­gen, dass Ex­tre­mis­mus keine Lö­sung ist.

Um wei­ter glaub­haft zu blei­ben, muss die AfD na­ti­on­lis­tisch ge­sinn­te Mit­glie­der fern­hal­ten. Die Par­tei soll­te daher auch auf das po­li­tisch kor­rek­te Ver­hal­ten sei­ner Jung­or­ga­ni­sa­ti­on ein Auge haben. Letz­te­re hat üb­ri­gens nicht ge­zö­gert, Nigel Fa­ra­ge, den bri­ti­schen UKIP-Vor­sit­zen­den, als Red­ner zu einer Kon­fe­renz in Köln ein­zu­la­den und sich da­durch den Zorn der AfD-Mi­glie­der zu­zu­zie­hen. Pro­fes­sor Die­de­rich warnt vor der Le­bens­dau­er die­ser neuen Par­tei, die nun 7 Sitze im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment hat. Das könn­te auch des­halb ris­kant wer­den, weil nur einer von zwei Deut­schen ge­wählt hat. Schließ­lich ge­win­nen al­ter­na­ti­ve Par­tei­en immer dann mehr Stim­men, wenn die Wahl­ent­hal­tung sehr hoch ist. 

Diese re­por­ta­ge wurde im Rah­men des Pro­jekts "EU­TO­PIA – TIME TO VOTE" in ber­lin ver­fasst. Das pro­jekt ist in zu­sam­men­ar­beit mit der Hip­po­crène-Stif­tung, der Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on dem Fran­zö­si­schen Aus­sen­mi­nis­te­ri­um und der Evens-Stif­tung durch­ge­führt wor­den. Finde bald alle Ar­ti­kel aus Ber­lin auf der start­sei­te von cafébabel.