"Junge Menschen wissen nichts über den Krieg"

Artikel veröffentlicht am 10. Mai 2005
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Artikel veröffentlicht am 10. Mai 2005

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Laurence Rees, preisgekrönter Programmdirektor Geschichte bei der BBC, spricht mit café babel über die Gleichsetzung von Naziverbrechen mit den Bombenangriffen der Alliierten und die Tatsache, dass junge Menschen nur wenig über den Krieg wissen.

Mr. Rees, der von der „British Times“ als „Großbritanniens bester Regisseur von historischen Dokumentarfilmen“ beschrieben wurde, hat mehrere Serien über den Zweiten Weltkrieg gedreht. Die letzte Reihe behandelt Auschwitz und heißt: „The Nazis and the Final Solution.“

Zeigt das Aufsehen um den Film „Der Untergang“, dass Europa Schwierigkeiten mit seiner Vergangenheitsbewältigung hat?

Nein, ich denke nicht. Ich kann verstehen, dass dieses Thema besonders in Deutschland sehr sensibel ist. Jedes Portrait von Hitler ist strittig. Im Hinblick auf Bücher weiß ich, dass Verlage nur in wenigen Fällen ein Foto von Adolf Hitler auf dem Cover akzeptieren. Das zeigt, dass natürlich jedes Portrait von Hitler problematisch ist. Aber die Berichterstattung über den Film weist meiner Meinung nach nicht auf Europas Problem mit seiner Vergangenheitsbewältigung hin. Sie verdeutlicht lediglich die enorme Sensibilität dieses Themas.

Ist die aktuelle Debatte über die Schuld der Alliierten bezüglich ihrer Kriegsverbrechen eine moralische Diskussion oder ein Symptom für wiederkehrenden Nationalismus?

Ich denke, es ist von beidem etwas. Churchill beispielsweise war zum Ende des Krieges mit den Angriffen des „Bomber Command“ [das die Luftangriffe der britischen Royal Airforce kontrollierte] nicht einverstanden. Der Film „Bombing Germany“ von Detlef Siebert, der in der Geschichtsreihe „timewatch“ ausgestrahlt wurde, zeigt, dass ein Kriterium bei der Auswahl der Angriffsziele 1945 ihre Entflammbarkeit war, was wir heute moralisch in Frage stellen müssen. Aber es besteht die Gefahr, dass die Debatte darin endet, die Bombenangriffe der Alliierten mit den Naziverbrechen gleichzusetzen. Diesen Aspekt beleuchte ich im Detail in meinem Buch über Auschwitz. Nazis wie Rudolf Höss, der in Auschwitz Kommandant war, rechtfertigen ihre Taten damit, dass es zwischen ihnen und den Bomberpiloten, die Deutschlands Städte bombardierten, keinen Unterschied gibt. Das ist meiner Meinung nach obszön, denn der Unterschied zwischen den Bombenfeldzügen und den Gräueltaten der Nazis ist riesig – nicht zuletzt, da die Bombardierung nicht darauf abzielte, eine bestimmte Personengruppe zu vernichten. Die Angriffsziele waren Häuser, Fabriken, Schienennetze und die Angriffe hätten aufgehört, sobald die Deutschen sich ergeben hätten, wohingegen es schwer vorstellar ist, dass die Judenverfolgung hätte gestoppt werden können, wenn die Nazis nicht vollständig besiegt worden wären. Schlicht und einfach ist zwischen diesen zwei Ereignissen kein Vergleich möglich.

Die Feierlichkeiten in Moskau zum Jubiläum des Kriegsendes haben in den ehemaligen Satellitenstaaten zu Diskussionen geführt. Ist es legitim, wenn Russland für sich in Anspruch nimmt, Europa befreit zu haben?

Nun, in einem gewissen Sinn befreite die Sowjetunion damals die Länder Osteuropas, denn sie befreiten diese Länder von der Naziherrschaft. Aber in einer anderen Interpretation der Ereignisse wurde in diesen Ländern das Regime eines grausamen Diktators durch das Regime eines anderen – Stalin – ersetzt. Ich habe viele Menschen getroffen, die durch die Rote Armee gelitten haben, was mich glauben macht, dass gegenüber der Roten Armee eine starke Abneigung herrscht, besonders in Ländern wie Polen. Doch auf der anderen Seite hat die Armee die Nazis besiegt.

Wie erfolgreich ist die Europäische Union (die damals geschaffen wurde, um den Frieden zu bewahren) damit, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg wach zu halten?

Unsere letztjährige Umfrage über Auschwitz ergab, dass fast 60% der Frauen und Männer unter 35 Jahren noch niemals das Wort „Auschwitz“ gehört haben. Daher bin ich der Auffassung, dass es problematisch ist, von einer EU zu sprechen, die ein gemeinsames Gedächtnis über den Zweiten Weltkrieg aufrechterhält. Zudem wette ich, dass das Wissen junger Leute über den Zweiten Weltkrieg lediglich sporadisch ist. Doch auf der anderen Seite ist es sicherlich richtig, dass die Politiker der EU sich ihrer Geschichte bewusst sind und dass die engen Verbindungen zwischen Frankreich und Deutschland einen erneuten Konflikt zwischen den beiden großen Nationen verhindern sollen. Demnach ist Geschichte in einem gewissen Sinn wichtig. Andererseits glaube ich, dass junge Menschen heute nicht einmal ein allgemeines Wissen über die Kriegsgeschehnisse haben.