Junge Israelis glauben nicht an die Politik, sondern an den Frieden

Artikel veröffentlicht am 21. September 2010
Artikel veröffentlicht am 21. September 2010
Im Oktober 2010 wird er seinen 22. Geburtstag feiern. Genau dann, wenn auch sein 3-jähriger Wehrdienst ausläuft. Daniel ist Israeli und lebt in Tel Aviv.
Seine Ideen zu Obama als Held einer ganzen Generation, zu Frieden und Politik, zum Verhältnis zwischen Palästina und Israel, zwischen Europa und Türkei sind trotz seines jungen Alters glasklar: Eine unverblümte Vision zum Weltfriedenstag, weit entfernt von den Stereotypen, die uns die Medien jeden Tag wiederkäuen.

Cafebabel.com: Obama hat öffentlich erklärt, dass er den Krieg in Nahost binnen eines Jahres beenden will. Was hältst Du davon?

Daniel zufolge habe der amerikanische Präsident den Friedensprozess nicht unbedingt beschleunigt Daniel: Na dann mal los [lacht], ich habe einige Argumente gegen Obama in der Tasche. Eines ist sicher, Obama ist nicht mein Präsident und Frieden in unserer Region wird es auch nicht nur dank des amerikanischen Präsidenten geben. Ich denke auch, dass die Presse die Erklärung von Obama ganz schön aufgeblasen hat. Das ist lächerlich. Obama hat auch viele Fehler gemacht. Er hat den Friedensprozess im Nahen Osten teilweise auch erschwert. Obama hat das Problem der israelischen Siedlungen [im besetzten Westjordanland] ins Zentrum der Friedensgespräche gerückt. Doch die Palästinenser hätten den Siedlungsbau ursprünglich vielleicht gar nicht auf den Tisch gebracht [in den internationalen Medien hieß es, die Palästinenser hätten mit dem Abbruch der Verhandlungen gedroht, sollte der Siedlungsbau wieder aufgenommen werden; A.d.R.]. Obama gefällt sich nach zwei Jahren, in denen es quasi Funkstille gab, jetzt plötzlich wieder in seiner Position als Mediator. Das tatsächliche Problem heißt aber Iran. Und Obama will keinen Krieg gegen Iran führen. Wenn dieses Land tatsächlich in Besitz der Atombombe sein sollte, wird sich das Gefüge im kompletten Nahen Osten verändern. Viele Völker haben bereits verlauten lassen, dass sie dem Traum eines iranischen Großreichs folgen und Israel von der Karte löschen würden.

Cafebabel.com: Der israelische Schriftsteller Ron Leshem gibt in seinem Anti-Kriegsroman Wenn es ein Paradies gibt zu verstehen, dass ihr jungen Israelis Typen ohne Hoffnung auf die Zukunft seid. Er sagt, dass ihr weder an den Frieden noch an die Politik glaubt. Bist Du einverstanden?

Daniel: Seine Thesen sind vage. Ich kenne keinen Menschen, der keine Träume hätte. Aber vielleicht könnte man sagen, dass uns das Leben hier in Israel ein bisschen abgehärtet hat. Wir haben ein wenig unsere Leichtigkeit und Unschuld verloren. Und wir sind vielleicht zynischer. Trotzdem haben wir wie alle anderen jungen Menschen Träume. Es stimmt auch, dass wir nach den zahlreichen Niederlagen nicht mehr wirklich an den Frieden glauben können. Jetzt sind es die Politiker, die sich dieses Wort angeeignet und seines Sinns entleert haben. Der wahrhaftige Frieden kann nur noch zwischen uns geschlossen werden, wenn wir tatsächlich in Frieden leben wollen. Frieden muss von den Bürgern ausgehen. Die Politik ist nur dafür da, Konventionen zu unterzeichnen. Sie kann nichts Anderes leisten.

Cafebabel.com: Du glaubst also an einen möglichen Frieden. Und trotzdem bist Du Soldat. Wollte ein junger Israeli die Wehrpflicht verweigern, wie sähe die öffentliche Reaktion aus?

Daniel: Dazu möchte ich zunächst anmerken, dass an den Frieden zu glauben und Soldat zu sein nicht unbedingt inkompatibel sein müssen. Israelische Verweigerer könnte das allerdings teuer zu stehen kommen. Manche müssen sogar für einige Wochen ins Gefängnis. Als meine Eltern jung waren gab es quasi keine Verweigerung. Und bis heute noch gibt es Künstler, die die Verweigerung mit einer allgemeinen öffentlichen Ächtung bezahlen. Aber trotzdem wird die gewollte Ausmusterung in meiner Generation schon etwas lockerer gesehen. Wir sind heute auf jeden Fall kritischer in Bezug auf die Wehrpflicht in Israel. Aber nichtsdestotrotz, die Armee bleibt Teil unseres Lebens. Nach dem Abitur haben wir einige Wochen frei und danach werden wir Soldaten. Das ist normal und wir fragen uns nicht, ob das nun gut oder schlecht ist. Das ist genauso wie ein Studium zu beginnen - ganz normal also! Natürlich habe ich mich auch mehrere Male gefragt, ob ich den Wehrdienst antreten würde, wenn ich nicht verpflichtet wäre. Und die Antwort lautete immer: Nein!

Cafebabel.com: Das israelische Bildungsministerium hat kürzlich angekündigt, dass Arabisch an nordisraelischen Schulen bereits ab der fünften Klasse als Pflichtfach unterrichtet werden soll. Eine richtige Entscheidung?

Daniel: Ich spreche Arabisch, eine großartige Sprache. Ich habe mich auf dem Gymnasium sogar für Arabisch und gegen Französisch entschieden. Das Arabische nicht zu kennen wäre wirklich ein großer Verlust für uns Israelis. Viele Dinge wären vielleicht besser verlaufen, hätten wir Arabisch gesprochen. Arabisch ist die Sprache des Nahen Ostens. Unsere Großeltern kamen ursprünglich aus arabischsprachigen Ländern. Meiner Meinung nach sollte jeder in Israel die arabische Sprache beherrschen. Ich lese die arabische Presse, höre Radio und sehe fern. Und nur so konnte ich verstehen, dass es dort auf der anderen Seite nicht nur Terrorismus gibt, sondern dass reiche Traditionen existieren. Arabisch zu verstehen ist eine große Chance, es ermöglicht Dir in den Herzen ‚von drüben‘ zu lesen.

Cafebabel.com: Die linksliberale Tel Aviver Tageszeitung Haaretz hat eine Umfrage veröffentlicht, der zufolge 50 Prozent der Israelis zwischen 15-18 Jahren es ablehnen, mit Arabern in einer Klasse zu sitzen. Wusstest Du das?

Daniel: Ja, das ist bekannt und stimmt mich sehr traurig. Das Problem ist, dass wir Angst voreinander haben. Und dass diese Angst nicht immer begründet ist. Möchtest Du als Israeli die Tochter eines Arabers heiraten, würde dieser Antrag garantiert abgelehnt werden. Mit mehr Sprachkenntnissen könnten wir diese Ängste zerschlagen. Ich bedaure es sehr, dass diese Mauer existiert. Viele Menschen, wie ich, hoffen, dass sich die Dinge ändern können.

Cafebabel.com: In der Tageszeitung Yediot Ahronot (Tel Aviv) hat ein minderjähriger palästinensischer Häftling erklärt, er sei von einem Israeli vergewaltigt worden. Dabei hätten 10 weitere Soldaten zugesehen und nichts unternommen. Hast Du in Deinen 3 Jahren Wehrdienst von Geschichten dieser Art gehört?

Daniel: Ich hoffe, dass die Geschichte erfunden ist. Aber wenn sie wahr sein sollte, gehören diese Soldaten ins Gefängnis. Jedenfalls gehören sie nicht in die Welt, die ich kenne und in der ich lebe. Diese furchtbaren Dinge können leider überall auftreten. Das sind keine Menschen, sondern Tiere. Aber diesbezüglich kurz eine andere Geschichte. Die Familie eines palästinensischen Arabers, den ich kenne, wollte ihn, nachdem sie entdeckt hatten, dass er homosexuell ist, töten. Er bat überall um Unterstützung, doch schlussendlich musste er seine Heimat Palästina hinter sich lassen. Israelische Soldaten haben ihm geholfen, eine Unterkunft in Israel zu finden. Damit möchte ich nur sagen, dass in der Öffentlichkeit oftmals nur die furchtbarsten Dinge ankommen. So zum Beispiel die Geschichte der israelischen Soldatin, die sich lachend neben palästinensischen Gefangenen ablichten ließ und das Ganze dann auf ihrem Facebook-Profil postete. Diese Personen zerstören das, was wir versuchen aufzubauen. Sie vermitteln ein negatives Bild der Israelis und der Armee. Seit ich beim Militär bin, habe ich genau das Gegenteil gelernt.