Junge Griechen in Paris: Heimkehr ausgeschlossen

Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2015
Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2015

Sie sind resigniert, skeptisch oder hoffnungsvoll. Die jungen griechischen Einwanderer in Paris sehen den entscheidenden Wahlen am 25. Januar aufmerksam und kritisch entgegen. Für sie rückt die Aussicht, in ihr Land zurückzukehren, immer mehr in die Ferne, wenngleich in Griechenland eine gewaltige politische Wende möglich wäre, sollte die linksradikale Partei Syriza an die Macht kommen.

Sie werden "Generation 700 Euro" genannt und sind im Rahmen der Wirtschaftskrise unter den beiden vorigen Regierungen Pasok (Mitte) und Neue Demokratie (konservativ) ins Ausland gegangen. Als 2010 die ersten Finanzspritzen kamen und die Politik gleichzeitig Sparmaßnahmen verordnete, haben sie sich entschieden, Griechenland zu verlassen und ihr Glück woanders zu suchen.

"Vielleicht stirbst du vorher"

Die Zahlen können einen in der Tat in die Flucht schlagen. Laut Eurostat ist der Anteil der 15- bis 29-Jährigen, die in Griechenland von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht sind, von 30,9% im Jahr 2008 auf 44,5% im Jahr 2012 gestiegen. Der Anteil an jungen Menschen, die unter starker materieller Entbehrung leiden, ist um 101,5% gestiegen, d.h. von 12,8% im Jahr 2008 auf 25,8% im Jahr 2012. 55% der unter 35-Jährigen sind von Arbeitslosigkeit betroffen. Seit Beginn der Finanzkrise haben über 200.000 junge Menschen das Land verlassen.

Violetta Foka, 28 Jahre alt, ist Chemieingenieurin und arbeitet in der Lebensmittelindustrie, bei Nestlé Europa. Nach ihrem Studienabschluss 2010 hat sie Griechenland verlassen, lebte zunächst in Amiens und nun in Paris. "Es war genau in dem Moment, als dieses Riesending passiert ist. Du weißt schon...", spielt sie ironisch auf das erste Rettungspaket an. "Von denjenigen, die mit mir den Master erworben haben, haben nur drei einen Job gefunden. Einen schlecht bezahlten Job. In Frankreich habe ich die Möglichkeit, in einem multinationalen Unternehmen zu arbeiten, während in Griechenland die Produktion im Bereich Lebensmittelindustrie praktisch stillsteht. Und das alles nur, weil es nicht genug europäische Programme gibt."

Auch Katerina Metitanidou, 28 Jahre alt, als Stewardess tätig und in ihrer Freizeit Mitglied der Lobby Democracy Reborn, hat sich in Paris niedergelassen. Nach ihrem Master in Europäischer Lobbyarbeit 2013 in Maastricht war sie kurz in Brüssel und ist dann nach Griechenland zurückgekehrt, um sich Arbeit zu suchen. Nach einem Jahr war sie mit ihrer Geduld am Ende. Auch wenn die französische Bürokratie sie manchmal an die griechische erinnert, ist ihre Stelle in Frankreich sicherer und der Verdienst um einiges höher. "Ich verdiene das Doppelte von dem, was ich in Griechenland hätte verdienen können", erklärt sie.

Abgesehen von Arbeitsfreud und -leid hat die Krise auch den Gesundheitssektor schwer getroffen. Die NGO Médecins du Monde kann erschreckende Zahlen präsentieren. 2014 hatten 3 Millionen Menschen keinen Zugang zum Gesundheitssystem. Panos Achouriotis, ein seit 2010 in Paris lebender 29-jähriger Musiker, kann das bestätigen: "In Griechenland musst du auf einen Arzttermin mindestens sechs Monate warten. Auch wenn du vielleicht bis dahin stirbst."

Die dünne Hoffnung Syriza

Die verschiedenen Berichte der jungen griechischen Auswanderer zeichnen ein vertrautes Bild von Griechenland. Von einem auf finanzielle Hilfe angewiesenen Land, der im öffentlichen Sektor herrschenden Nachlässigkeit ausgeliefert. Doch das Land könnte eine echte politische Revolution erleben und gleichzeitig die Sparpolitik der letzten vier Jahre hinter sich lassen. Hierfür steht der Name SYRIZA. Da das Parlament es im Dezember nicht geschafft hat, einen Staatspräsidenten zu wählen, müssen laut Verfassung am 25. Januar vorgezogene Parlamentswahlen stattfinden. In den aktuellen Umfragen liegt die linksradikale Partei Syriza vor der konservativen Neuen Demokratie, die seit 2012 an der Macht ist, an der Spitze. Für den Fall, dass sich die politische Lage entscheidend ändert: Haben die jungen griechischen Auswanderer Lust darauf, wieder in Griechenland zu leben?

Nicht wirklich. Katerina ist resigniert, sie ist sicher, dass sich im Falle eines Sieges von Syriza nichts ändern wird. Nach Griechenland will sie nicht so schnell zurück. "Griechenland hat den Vertrag mit der Troika und seinen Gläubigern (d.h. EU, EZB und IWF) bereits unterzeichnet. Syriza kann nicht sofort alles ändern, es wird Jahre dauern. Die Mentalität muss sich erst ändern", sagt sie. Sie fügt noch hinzu: "Die griechische Verfassung muss sich ändern, es gibt zu viele Schwachstellen." Katerina fühlt sich von keiner Partei repräsentiert. Noch schlimmer, sie findet sich in einem System, "in dem die Macht bei den Eliten liegt" nicht wieder.

"Dort wird mir niemand helfen können"

Die jungen Griechen von Paris sind bezüglich der Veränderung, die Syriza verkörpern möchte, sehr skeptisch. Die linke Partei möchte radikale Maßnahmen wie eine Neuverhandlung der Staatsschulden. Von jungen Menschen wird ihre Politik eher misstrauisch betrachtet, da sie das Programm des Kandidaten Alexis Tsipras für illusorisch halten. Violetta versucht, daran zu glauben. Die junge Frau ist sicher, dass Syriza die Wahl gewinnen kann und verspricht: "Dies wäre das Ende von Familienclans und Oligarchen, die Griechenland seit 40 Jahren regieren." Doch die junge Ingenieurin macht sich keine übermäßigen Sorgen um die Zukunft ihres Landes. Dafür müsste sie ja zurückwollen...

Auch Panos ist fest entschlossen, in Paris zu bleiben und sieht sich zukünftig in Frankreich. Trotzdem seien die Arbeitsbedingungen auch hier stark prekär. "Beschäftigungen auf Produktionsdauer bekommen in Griechenland kaum Aufmerksamkeit. Dort wird mir niemand helfen können", gesteht er. Was Syriza betrifft, befürchtet der junge Musiker eine "Deradikalisierung" der Partei. Was er damit meint? "Das Risiko besteht, dass die Partei wie Pasok wird, die sozialistische Bewegung, die 2012 bei der Wahl eine Katastrophe erlebte, weil sie immer mehr nach rechts rückte, auch wenn die Umstände nicht die gleichen sind. Und ich finde es schade, dass eine linke Partei sich z.B. nicht für die Homosexuellen einsetzt".

Seiner Meinung nach können die Menschen die Dinge nur ändern, indem sie weiterhin auf die Straße gehen und Druck ausüben, wenn Tsipras' Partei ihre Versprechen nicht hält. "Dass politische Formationen wie Podemos in Spanien neue Wege einschlagen, bedeutet eine Chance für die europäische Union. Alexis Tsipras verkörpert möglicherweise eine Alternative zur neoliberalen Politik. Wie auch immer: Sein möglicher Sieg bei den Wahlen am Sonntag kann nicht einfach nur auf eine 'linke Episode' hinauslaufen", schließt er ab.

Der 25. Januar könnte für die Geschichte der Demokratie des Landes der Anfang eines neuen Kapitels sein. Es wäre das erste Mal, dass ein junger, marxistisch veranlagter Premierminister Aussichten hat, an die Spitze einer europäischen Regierung zu gelangen. Aber es wird mehr als ein politisches Programm nötig sein, damit die griechische Jugend aus Paris heimkehrt.