Junge Europäer, im Theater vereint

Artikel veröffentlicht am 3. Juli 2015
Artikel veröffentlicht am 3. Juli 2015

Was passiert, wenn 60 Jugendliche und 5 Sprachen auf einer Bühne zusammentreffen? Wir verraten euch das perfekte Rezept für ein spontanes und unmittelbares Europa: das mehrsprachige Theaterfestival in Turin.

In Turin liegt Europa in der Luft. Man muss nur durch die Straßen spazieren und einen Blick in die Veranstaltungsprogramme werfen um festzustellen, dass die Stadt der Savoyer den großen europäischen Metropolen in nichts nachsteht. In der  piemontesischen Hauptstadt wimmelt es nur so von Kunst- und Kulturevents, von denen viele eine europäische Note haben und von den örtlichen Institutionen und Einrichtungen organisiert oder unterstützt werden. Unter diesen Veranstaltungen ist eine der interessantesten mit Sicherheit „Sprachen in Szene!“. Es handelt sich dabei um ein mehrsprachiges Theaterfestival, das jedes Jahr Jugendliche im Alter von 15  bis 20 Jahren aus den verschiedensten europäischen Ländern zusammenbringt. Das Festival wird von der Stadt Turin und dem Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit dem Institut Français und der Alliance française organisiert und hat einen ganz besonderen Ablauf.

Ein Rezept mit dem Geschmack Europas

In der ersten Phase des Turiner Festivals sind die Theatergruppen dazu aufgerufen, das jeweils gleiche Stück in ihrer Muttersprache aufzuführen, das sie zuvor während des Schuljahres in ihren Herkunftsländern geprobt haben. Daraufhin werden länder- und sprachübergreifende Gruppen gebildet – Schauspieler, Musiker, Tänzer – die während der folgenden drei Tage in intensiven Workshops ein gemeinsames, mehrsprachiges Stück erarbeiten. Die Schüler werden dabei von professionellen Regisseuren und Choreographen angeleitet und von einer Gruppe junger Praktikanten der Universität Turin betreut. Was die Aufführung jedoch noch einzigartiger macht, ist die Tatsache, das jeder Schauspieler hauptsächlich in seiner Sprache spielt und somit die Mehrsprachigkeit das besondere Merkmal der gesamten Inszenierung wird. Und so sind die Förderung und der Respekt des erstaunlich großen Sprach- und Kulturreichtums jedes europäischen Landes auch unter den Hauptzielen des Festivals. Die Jugendlichen haben die Möglichkeit, direkte, persönliche Kontakte zu knüpfen, ihre Sprachkenntnisse anzuwenden und sich vor allem als ein wesentlicher Bestandteil des europäischen Projektes zu fühlen. Diese positiven Aspekte werden durch die aktive und gemeinsame Teilnahme der Schüler am kreativen Entstehungsprozess verstärkt, der ihnen die Möglichkeit gibt, sich dem Theater sowohl als Mitwirkende als auch als Zuschauer zu nähern. „Sprachen in Szene!“ ist daher eine Erfahrung, die den Jugendlichen ermutigen kann, wirklich die „Bürger von Morgen“ zu werden: mit Offenheit und Respekt für die eigene und andere Kulturen und in der Lage, freundschaftliche Kontakte mit ganz verschiedenen Menschen zu knüpfen. 

Europa auf der Bühne

Dies sind die Zutaten für ein besonderes Projekt, das beim Turiner Publikum und den verschiedenen Partnern dieser kulturellen Veranstaltung sehr gut ankommt. Das Festival hat mittlerweile die 15. Ausgabe erreicht, die dieses Jahr vom 26. bis 30. April mit Teilnehmern aus Italien, Deutschland, Frankreich, Russland und der Tschechischen Republik stattgefunden hat.

Am ersten Tag im Kulturzentrum Cecchi Point haben die Gruppen der fünf Gymnasien das für die diesjährige Ausgabe ausgewählte Stück aufgeführt. Es handelt sich dabei um ein Werk des deutschen Dramaturgen Peter Weiss mit dem sperrigen Titel Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade oder kurz Marat/Sade. Sicherlich kein leichter Text, der anlässlich der Initiative „Turin meets Berlin“ dieses Jahr von einem deutschen Autor stammt und in dem sich zwei Zeit- und Erzählungsebenen überlagern. Obwohl die Handlung während der Französischen Revolution spielt, ist das Stück alles andere als verstaubt und veraltet, da es Themen behandelt, wie sie aktueller nicht sein könnten: vom Sinn der Revolutionen bis zum Konflikt zwischen Individualismus und Ideologie.

Die fünf Gruppen wurden mit langem Applaus für die Inszenierungen in ihrer Muttersprache belohnt. Mit ihren leidenschaftlichen und lebhaften Interpretationen – davon einige qualitativ auf einem erstaunlich hohen Niveau – haben sie das Publikum vergessen lassen, dass es soeben einer Aufführung in einer ihnen unverständlichen Sprache beigewohnt hat.

Am Mittwoch, den 29. April, ihrem großen Tag, sind die Jugendlichen im Teatro Astra zuerst in einer öffentlichen Generalprobe und am Abend bei der offiziellen Aufführung aufgetreten. Die Zuschauer im vollbesetzten Theater waren begeistert und die jungen Schauspieler sichtbar glücklich und stolz auf ihre Arbeit. 

Eine derartige mehrsprachige Inszenierung auf professionellem Niveau in nur drei Tagen und mit so vielen jungen Menschen zu erarbeiten, ist zweifelsohne sehr beeindruckend, sowohl vom didaktischen als auch vom künstlerischen Gesichtspunkt. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt, der noch länger nachklingt und vielleicht eine noch größere Bedeutung hat. Während zu Beginn die Jugendlichen noch in ihren Gruppen blieben und nur Tschechisch, Italienisch, Russisch, Französisch oder Deutsch sprachen, so gab es nach ein paar Stunden gemeinsamer Arbeit keine sprachlichen oder anderen Grenzen mehr. Neben dem, sicher sehr wichtigen, künstlerischen Aspekt, hat das Festival sein Ziel erreicht, wenn die Jugendlichen in ihre jeweiligen Länder mit einer neuen Idee von Europa zurückgereist sind. Einem Europa, das einfacher, mitreißender ist und Spaß macht und das nicht nur aus endlosen Gipfeltreffen, bürokratischen Hindernissen und quälenden Verhandlungen besteht.