Junge Europäer erinnern sich an die 9/11 Terroranschläge

Artikel veröffentlicht am 9. September 2010
Artikel veröffentlicht am 9. September 2010

Am 11. September 2015 sind die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon, die 2.752 Opfer zählten, bereits 14 Jahre her. Die cafebabel-Redaktion erinnert sich.

Ich hatte meine kleine Schwester gerade in der Kindergrippe abgeliefert und schaltete daraufhin den Fernseher ein, um das erste Flugzeug zu sehen, das mit voller Geschwindigkeit die Twin Towers rammte. Die Bilder machten nicht den Eindruck eines TV-Katastrophenfilms am frühen Nachmittag. Darüber hinaus zeigte jeder Sender die gleichen Bilder als meine Mutter in den Raum stürmte, um völlig erstarrt den Geschehnissen zu folgen. 9/11 bleibt ein ergreifendes Datum für uns. Als britisch-muslimische Familie werden wir den Horror dieses extremistischen Attentats immer auch ein bisschen stärker verspüren. Die Anschläge des 11. September waren Vorbote der vier Bomben des 7/7 2005 in London, die 52 Menschen töteten und London in einen Schockzustand versetzten. Seitdem wurden unsere Anti-Terror-Gesetze verschärft und sind Menschen generell misstrauischer.Nabeelah Shabbir, 26 Jahre, Großbritannien

Ich war mit Freunden am Strand. Wir genossen die letzten Ferientage, bevor ich in mein erstes Unijahr antreten würde. Dann rief meine Mutter an - ein Flugzeug habe das World Trade Center in New York gerammt. ‚Nur ein weiterer Flugzeugabsturz‘, dachte ich, ‚keine wirklich weltbewegenden News‘. Doch dann rief meine Mutter erneut an. Bis zum Abend hatte ich noch kein einziges Bild gesehen, doch die Bilder, die ich an diesem Abend sah, waren fast so schockierend, als sei man live dabei gewesen. War an diesem Tag der Dritte Weltkrieg ausgebrochen? In Gesprächen übertrieben wir, doch die Tragweite der Terrorattacken kündigte Veränderungen an. Monate später schien sich alles wieder ein wenig beruhigt zu haben - zurück zur Normalität. Doch 3 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 weckte mich meine Mutter erneut - Bomben waren in Zügen in Madrid explodiert. Leider sollten dies nicht die letzten Anschläge in Europa gewesen sein.

Pedro Picón, 24 Jahre, Spanien

©lukatoyboy/flickr

Ich war geschockt. Als Austauschstudentin gerade frisch in Dijon gelandet, hatten wir in unserer WG weder Radio, noch Fernsehen oder Telefon. Noch nie habe ich meinen Vater so viel in einem Schwall reden hören, als ich in der Telefonzelle der turbulenten Rue Berbisey stand, um von meinen ersten Erfahrungen in einem fremden Land zu berichten. Die 5 Minuten entfernte Fnac, in der das Undenkbare wieder und wieder über einen Großbildschirm flimmerte, war überfüllt - wir blieben 2 Stunden. Zurück in Deutschland hielt sich die Angst vor Terror nach den Anschlägen auf die Twin Towers eher in Grenzen. Der damalige Kanzler, Gerhard Schröder, hatte sich aus dem Irak-Krieg herausgehalten und konnte damit in Deutschland punkten. Allerdings hat man 2006 in Koblenz und Dortmund Kofferbomben gefunden. Mittlerweile wurde das komplette Sicherheitssystem der Bundesrepublik infolge des 11. September generalüberholt. Die Anti-Terror-Gesetze sehen Vorratsdatenspeicherung, biometrische Pässe und ständige Überwachung vor. Da fällt mir ein, ich muss dieses Jahr meinen Pass erneuern und werde zum ersten Mal auch zwei Fingerabdrücke dafür abgeben müssen…

Katharina Kloss, 28 Jahre, Deutschland

Ich war völlig unwissend. Mein Tanzkurs war gerade zu Ende, es war bereits 19 Uhr als ich nach Hause kam. Ich schaltete den Fernseher ein: Den Bildern war nicht zu entkommen. Jeder italienische Sender wiederholte die gleichen Schreckensbilder der in sich zusammensackenden Twin Towers im Minutentakt. Da wir an Gewaltbilder in den Medien mittlerweile gewöhnt sind, war mir die politische Schlagkraft dieses Ereignisses nicht direkt bewusst. Ich war 2001 erst 17 Jahre alt, Geschichte und Politik waren nicht meine größten Sorgen. Doch die mediale Lawine, die der Tragödie folgte und die der Beweis dafür ist, dass die Medien heutzutage zum festen Bestandteil des Entstehens eines kollektiven Gedächtnis geworden sind, öffnete mir die Augen. Doch in Italien fühlte ich mich nicht bedroht. Einige Fanatiker einer Komplott-Theorie meinten, „die Mafia würde uns schon beschützen“. Bis heute kann ich nicht genau sagen, ob der 11. September etwas in meinem täglichen Leben in Italien verändert hat. In den bleiernen Jahren (1970er, Anfang 1980er Jahre in Italien; A.d.R.) waren Attentate an der Tagesordnung und die Italiener haben nicht auf 9/11 gewartet, um Muslimen gegenüber ein gewisses Misstrauen zu entwickeln. Um einen Bombenalarm schert sich der gleichgültige Italiener schon längst nicht mehr. Lieber abwarten und sehen, was passiert. So läuft das immer bei uns.

Lidia Falcucci, 24 Jahre, Italien

©cafenut/flickr

An besagtem Dienstagnachmittag war mein Lehrer nicht da - wir bekamen frei und ich konnte mich in Ruhe dem Fernsehprogramm widmen. Schnell einen Snack vorbereiten und an die Flimmerkiste. Anstelle von Dawson’s Creek und Heartbreak High war da aber eine Journalistin. Ich stelle mir keine Fragen und zappte einfach zum nächsten Programm. Doch überall das gleiche: Bilder ohne Kommentar laufen über den Äther. Was war da los? Meine Mutter kommt nach Hause und ich kündige ihr den Weltuntergang an. Sie sagte, ich solle sofort den Fernseher abschalten. Von diesem Tag bleibt mir bis heute eine Schreckensvision, ein Zoom auf Menschen, die aus Fenstern springen. Am nächsten Morgen war mein Lehrer völlig aus der Fassung: „Ich muss meinen kompletten Unterricht über die Unantastbarkeit der amerikanischen Macht abändern…“. Mit den Zwillingstürmen bricht auch ein nordamerikanisches Imperium zusammen. Und es sollte die geopolitische Ordnung sein, die darunter zu leiden haben würde. Emotionen können manchmal konfuse Ideen ans Licht bringen.

Caroline Venaille, 21 Jahre, Frankreich

Ich saß zu Hause mit einem Buch als das Telefon klingelte: Es war meine Tante - einer Panikattacke nahe - die mir von dem Terroranschlag in den USA berichtete. Ich schaltete den Fernseher an und sah einen der Türme in Slowmotion einstürzen. Gemeinsam mit meiner Familie verbrachten wir den kompletten Nachmittag vor dem Fernseher und schalteten nervös von einem Sender zum anderen, um herauszufinden, was dort eigentlich passiert war und warum. Es waren die Bilder aus einem Science-Fiction Film. Die polnische Presse bewies das traurige Gegenteil: ich war Zeugin eines politischen Meilensteins und des wahrhaftigen Ende des 20. Jahrhunderts geworden.

Marysia Amribd, 26 Jahre, Polen

Sportunterricht: Mein Lehrer murmelte etwas von Flugzeugen und dem World Trade Center. Ich hatte noch nie vorher etwas vom World Trade Centre gehört. In den Gedanken einer 14-Jährigen waren die USA eine riesige und böse Supermacht. Es war wahrscheinlich eine kindische Reaktion, aber ich war weder schockiert noch traurig, sondern aufgeregt und beeindruckt. Es war verblüffend wie emotional Menschen sein konnten. Ich nehme mal an, dass, wenn man mit Independent Day und Godzilla groß geworden ist, Flugzeuge, die einen Turm rammen, nicht außerordentlich schockierend wirken - das Ganze wirkt einfach nicht real!

Naomi O'Leary, 22 Jahre, Irland

(Dieser Artikel wurde ursprünglich am 09.11.2009 veröffentlicht)