Jung sein im Kosovo: „Should I stay or should I go?”

Artikel veröffentlicht am 24. März 2011
Artikel veröffentlicht am 24. März 2011
Drei Jahre nach seiner Unabhängigkeit steht der Kosovo vor unerfüllten Versprechen: „Zehn Jahre großzügiger humanitärer Hilfe konnten dem Land keinen wirtschaftlichen Aufschwung verschaffen“, sagen Beobachter. Stattdessen boomt die Korruption. Dennoch gibt es immer noch junge Kosovaren, die hoffnungsvoll in die Zukunft blicken und in ihr Land zurückkehren.

Eine neue Elite von jungen Rückkehrern etabliert sich im Kosovo. Doch die Perspektivlosigkeit und Korruption in einem Land, das bislang seine Versprechen gegenüber den Jugendlichen nicht erfüllt hat, drohen die junge Generation zu erdrücken. „Sie sind eine Elite, sie repräsentieren nicht das Land, sondern eher eine Gegenströmung und sie sind wiedergekommen, um hier etwas zu verändern“, erklärt Agron Bajrami, Chefredakteur von Koha Ditore, der wichtigsten Tageszeitung im Kosovo. Sind sie Aufklärer? Oder naiv? Sind sie mit den neuen Medien im Internet verknüpft wie damals die Mitglieder des italienischen Geheimbundes der Carbonari im 18. Jahrhundert mit ihren Pamphleten? Aber vielleicht sind sie auch die neue aufgeklärte Klasse, die das Land aus einem Zustand der korrupten Apathie hin zur europäischen Integration führen kann.

Sie identifizieren sich nicht mit Vetevendosje!, der früheren kritischen Bewegung der Linksextremen, die sich für die Selbstbestimmung des kosovarischen Volkes einsetzte und heute drittstärkste Partei des Kosovo ist und sich momentan in der Opposition befindet. Sie identifizieren sich nicht mit der alten Garde, die durch die Regierungsstrukturen rehabilitiert wurde. Die meisten von ihnen sind Kosovaren albanischer Herkunft, die versuchen mit dem serbischen Teil der Bevölkerung in Dialog zu treten. Sie sind gebildet, Europa zugewandt und bereit, ihre soziale und berufliche Stellung zu verändern. Sie haben meistens im Ausland studiert, Reisen unternommen und sehen die Ausgrenzung der Jugendlichen serbischer Herkunft als ein Hindernis, das so schnell wie möglich überwunden werden sollte, um einen gesunden Rechtsstaat und eine demokratische Entwicklung zu ermöglichen. Sie sind aus eigenem Willen zurückgekehrt - aus Deutschland, der Schweiz, England, den USA. Sie sind zurückgekehrt in ein Land, das bis zum Hals in der Krise steckt. Der Kosovo ist für sie zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten geworden.

Land der unbegrenzten Möglichkeiten?

Der Kosovo, ein gespaltenes Land

„Wir befinden uns in einer Situation, in der ein Großteil der Jugendlichen schon die Vorstellung des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten aufgegeben hat", erklärt der italienische Botschafter im Kosovo Michael Giffoni. Der Optimismus, die Triebfeder des Übergangs zur Unabhängigkeit, nimmt aufgrund der starken inneren Wirtschaftskrise immer mehr ab, so dass „die Krise sich in eine Zeitbombe verwandeln könnte“.

Diejenigen, die aus dem Ausland wiederkommen, sind generell enthusiastisch und voller Elan, bringen innovatives Know-how mit und wollen etwas bewegen, erklärt Arben Avdiu. Arben ist aus dem US-Bundesstaat Arizona zurückgekehrt, wo er Dozent für Finanzbuchhaltung war. „Ich bin vor zwei Jahren zurückgekommen, nach der Welle, die der Unabhängigkeit folgte. Und selbst wenn ich hier in meinem Fachgebiet kaum etwas machen kann, habe ich die Ärmel hochgekrempelt und zusammen mit drei Partnern einen Gutshof wieder in Betrieb genommen.“ Dahinter steckt eine einfache Idee: Sie wollten nicht mehr dem traditionellen Konzept der familiengeführten Landwirtschaft nachgehen, das bis jetzt die einzige Art war, im Kosovo Land zu bewirtschaften. „Es gibt gute Böden und ein günstiges Klima. Ich habe vor, hier meinen Betrieb aufzubauen und zu bleiben“, versichert Arben.

Und Korruption? Die gibt es weiterhin. Die jungen Kosovaren reden aber nur sehr ungern darüber. Für sie ist es eine Gegebenheit, die sie zunächst einmal akzeptieren müssen. Manchen missfällt es aber, Schmiergeld zu zahlen und so geben immer mehr junge Unternehmer ihre Selbstständigkeit auf.

Irgendjemand findet jedoch immer einen Ausweg und schafft es, sein Projekt umzusetzen. So zum Beispiel Bujar Nrecaj. Der junge Architekt hatte dem Kosovo Anfang der 1990er Jahre den Rücken gekehrt, um in die Schweiz auszuwandern und dort sein Studium abzuschließen. Er hat sich entschlossen zurückzukehren, um seine Idee zu verwirklichen: so genannte Bunateka-Boxen, quadratische Glas-Bibliotheken, die in ein Schulhofkonzept integriert werden, um der Generation der Zukunft leichter Zugang zu Informationen zu beschaffen. Viele ländliche Schulen besäßen nicht einmal eine eigene Bibliothek. Wie konnte das Problem der Korruption bei der Auftragsverteilung umgangen werden? „Zum Glück hat mir die norwegische Regierung ihr Vertrauen geschenkt und bis jetzt schon die Einrichtung von sieben Bunatekas finanziert”, so der Architekt.

Bujar ist nicht der einzige „Aufgeklärte“, der sich der Korruption widersetzt hat. Ein weiteres Beispiel ist das große Denkmal von Prekaz, das zum Gedenken an die 59 Opfer, die 1999 nach dreitägiger Gefangenschaft in einem serbischen Bombenanschlag ums Leben kamen, gebaut wurde. Die Errichtung des Denkmals wurde von der gesamten Stadtbevölkerung unterstützt und unter der Leitung des Überlebenden Murat Jashari umgesetzt, der heute eine charismatische Führungspersönlichkeit des Kosovos ist. Das Projekt wurde nur unter strenger Berücksichtigung transparenter Auftragsverteilung genehmigt. Die Ausgangsidee war, eine Stiftung zu gründen, die vor allem ausländische Mittel bezieht. Die Regierung wollte sich beteiligen, aber die Familie Jashari hat dies mit der Begründung, dass die klare Herkunft der Mittel nicht garantiert sei, entschieden abgelehnt. Heutzutage ist das Mausoleum von Prekaz eine der wichtigsten Pilgerstätten im Kosovo. 59 Särge sind in einer Reihe in einen Boden aus wertvollem Carrara-Marmor eingebettet.

Und dann sind da noch diejenigen, die sich sprichwörtlich in den Kosovo verliebt haben und ihren Partnern hierher gefolgt sind. Sarah Wischmann hat Deutschland verlassen, um in Priština zu leben. Verliebt in einen Kosovo-Albaner und in „die Güte der Bewohner des Balkans“, hat sie nicht mit der Wimper gezuckt, als sie sich vor zwei Jahren entschloss alles zurückzulassen und in das Herz Ex-Jugoslawiens zu ziehen. Dort arbeitet sie zusammen mit dem Jungunternehmer Ardit Bejko als Redakteurin der englischsprachigen Konzept-Webseite Kosovo 2.0.

Nur eine Frage der Visa?

"Das Visum wird nicht zu einer massenhaften Auswanderung wie unmittelbar vor dem Krieg führen"Die Situation schwelt unter dem Schein der Apathie. Ist es das Ticken der Zeitbombe, das man von weitem hört? Was würde passieren, wenn die Bürger des jüngsten Balkanstaats Reisevisa bekämen? Gäbe es eine neue Auswanderungswelle? Nein, es gäbe keinen Brain Drain und auch keine Abwanderung der Arbeitskräfte, behauptet Njomsa, 30 Jahre alt, der sein Leben im Ausland zwischen Albanien, Deutschland, Libyen und Russland verbracht hat. Der Psychologe ist in den Kosovo zurückgekehrt, um dort wieder seinem Beruf nachzugehen. „Dieses Land“, erklärt er, „ist wirklich ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten und deswegen wird das Visum lediglich eine psychologische Funktion haben. Eine Liberalisierung der Visa-Politik würde es einfacher machen zu reisen, sich weiterzubilden, andere Kulturen aus der Nähe kennenzulernen, sich in der internationalen Gemeinschaft emanzipierter zu fühlen und den Komplex des „ungewollten Kindes Europas“ zu überwinden. Das Visum wird nicht zu einer massenhaften Auswanderung wie unmittelbar vor dem Krieg führen".

Welche Lösung auf kurze Sicht?

Zuallererst sei es notwendig, der Regierung einen stärkeren Rückhalt zu verschaffen, erklärt Jashari, damit der Kosovo in den Augen der internationalen Gemeinschaft ein ernst zu nehmender Ansprechpartner wird. „Erst anschließend kann an interne Reformen gedacht werden.“ „Die einzige Möglichkeit“, meint auch der italienische Botschafter Giffoni, „ ist die europäische Perspektive, um die Stabilität der Region, Wohlstand und die Rechte der Bürger garantieren zu können. Und es ist darüber hinaus unvorstellbar, Serbien in die EU aufzunehmen, solange es den Kosovo nicht offiziell anerkennt.“

Dieser Artikel ist Teil unseres Balkan-Reportageprojekts 2010-2011 Orient Express Reporter!

Fotos: Homepage & Intext © Ezequiel Scagnetti/ www.ezequiel-scagnetti.com; Bunateka: Screenshot der offiziellen Projektwebseite bunateka.com