Junction 48: Erste palästinensische Hip-Hop Combo im Kino

Artikel veröffentlicht am 1. März 2016
Artikel veröffentlicht am 1. März 2016

Es gibt viele Arten, über den Nahost-Konflikt zu sprechen. Der Regisseur Udi Aloni und sein Cast erzählen in Junction 48 die Liebesgeschichte von zwei palästinensischen Hip-Hoppern in Lyd/Lod, einer Kleinstadt, in der Palästinenser und Israelis seit vielen Jahren zusammenleben. 

„Lyd, Lod, manchmal auch Lydda; sucht es auf Wikipedia”, rappt ein junger Palästinenser. Kareem ist begeisterter Hip-Hopper und wohnt in Lyd (auf Arabisch, Lod auf Hebräisch): eine kleine Stadt im heutigen Zentralbezirk Israels, nur wenige Kilometer östlich von Tel Aviv, die 1948 von der israelischen Armee besetzt und somit faktisch zu israelischem Territorium wurde. Die arabische Bevölkerung wurde damals zu großen Teilen vertrieben. Heute hat das Städtchen aber wieder eine gemischte Bevölkerung. Der Unterschied zwischen Palästinensern und Israelis spielt aber bei einer Sache keine Rolle: in Lyd/Lod wohnen die ärmeren Schichten beider Bevölkerungsgruppen.

Genau aus diesem Grund erzählt der Film Junction 48 einen Aspekt des Nahost-Konflikts, der in Europa wenig bekannt ist: einen Gegensatz, der sich nicht auf das übliche „Täter gegen Unschuldige“-Bild reduzieren lässt, sondern von Grauzonen durchzogen ist. Samar Qupty, die Darstellerin von Kareems Freundin Manara, meint, vor allem die jungen Leute „nehmen diese Schattierungen war“.

Palästinenser: vom “Gegenstand” zum Hauptdarsteller

Kareem (Tamer Nafar) hat einen schlechten Umgang, er treibt sich mit Drogendealern herum und schafft es nicht, einen Job zu halten. Als sein Vater bei einem Autounfall stirbt, findet er Zuflucht in der Welt des Hip-Hop. Zusammen mit Manara und durch die Musik verurteilt er die Übergriffe Israels auf die palästinensische Minderheit sowie die Unsicherheit und Kriminalität, in der seine Gemeinschaft lebt: eine konservative und zugleich radikale Gesellschaft. Die beiden Jugendlichen fühlen sich immer mehr zum Aktivismus hingezogen und kämpfen für die eigenen Bürgerrechte in einem Land, in dem niemand zuzuhören scheint.

„Seit 1948 laufen die Dinge schlecht”, sagt Tamer Nafar auf der Berlinale-Pressekonferenz, „die [israelische, A. d. R.] Regierung hat sich nie für ihre Taten verantwortlich gefühlt. Obwohl man uns glauben machen möchte, dass die israelische und die palästinensische Bevölkerung gut zusammenleben können, ist es nicht so. Ich bin sicher, dass es sich nicht um Naivität handelt. Sie sagen, dass sie Frieden wollen, aber sie wollen nur ihren Frieden.“ Ein Beispiel dieser Heuchelei wird in einer Filmszene aus Junction 48 deutlich, in der die israelischen Behörden anordnen, das Haus eines palästinensischen Freundes von Kareem abzureißen: an der gleichen Stelle soll ein „Museum der Koexistenz“ entstehen.

Der Regisseur Udi Aloni und seine Crew sind der lebendige Beweis für die Tatsache, dass der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern anders ist als wir denken: Aloni ist ein israelisch-amerikanischer Regisseur. Sein Film erzählt die Geschichte des palästinensischen Volkes mit den Gesichtern, Worten und der Musik seiner Menschen. „Die Juden sind nicht so wichtig in diesem Film. Man sieht sie eigentlich wenig.

Der Film zeigt die Geschichte der palästinensischen Gemeinschaft nach 1948: die Palästinenser sind die Protagonisten, haben eine aktive Rolle. Wenigstens einmal sind sie nicht nur der „Gegenstand der Diskussion“, erklärt Aloni weiter. Salwa Nakkara, im Film die Mutter von Kareem, stimmt ihm zu: „Unsere Geschichte wird nicht von Dritten erzählt. Wir selbst erzählen unsere Träume und Wünsche, ohne auf die Politik zurückzugreifen, sondern einfach, indem wir unseren Alltag zeigen“.

In Alonis Film wird Religion als Möglichkeit gezeigt. Kareems Mutter wendet sich nach dem Tod des Ehemanns wieder dem Glauben zu, ohne in Fanatismus zu verfallen: die Religion wird für sie „a new place to continue“, ein Ort, an dem sie das Leben neu entdecken kann. Die Religion wird im Film auch von den Jugendlichen respektiert, die dennoch mit der Zeit gehen. „Leider gibt es viel Fanatismus, aber in Lyd gilt die Religion noch als Rettung: deswegen heißt es Glauben“, urteilt der Regisseur.

Meister der Realität

Aloni spricht entschieden, schnell und mit lauter Stimme. Er wird rot vor Aufregung und wegen der Komplimente. Er gestikuliert viel und erzählt lustige Anekdoten über die Freundschaft, die zwischen ihm und Tamer Nafar entstanden ist - auch im wahren Leben Rapper und Frontmann der ersten palästinensischen Rap-Gruppe DAM. „Der Rap ist mein Leben, eine Art, mich auszudrücken, wahrscheinlich die Sache, die mir am besten gelingt. Am Anfang hat mir die Idee, Schauspieler zu sein, Angst gemacht: ich habe mich nie zuvor an etwas Ähnlichem versucht. Doch dann war alles ganz natürlich. Es war toll, Rap und Schauspielerei zusammenzubringen. Für mich bedeutet Hip-Hop Qualität, Ehrlichkeit und Poesie. Und das ist alles, was wir brauchen”.

Auch wenn in Junction 48 alles sehr natürlich und spontan wirkt, angefangen von der Darstellung der Schauspieler bis zu den schnellen, unregelmäßigen Einstellungen, betont der Regisseur, dass alles bis ins kleinste Detail ausgearbeitet wurde: „Tamer bestand darauf, dass die palästinensischen Akzente realistisch sein sollten. Auch die Schnitte zwischen Musik und Dialogen wurden bis ins Detail festgelegt. Wir wollten, dass alles perfekt ist. Ich spreche im Plural, denn das ist nicht allein mein Verdienst. Der ganze Cast hat zusammengearbeitet, um diesen Film zu machen und jeder hat Erfahrungen aus einem einzigartigen Blickwinkel eingebracht“.

Udi Aloni zitiert seinen Mentor, Juliano Mer-Khamis, ehemaliger Regisseur und politischer Aktivist, der auf mysteriöse Art und Weise von einem vermummten Attentäter umgebracht wurde. „Er war ein arabischer Israeli. Oder, wie er sagte: „Hundert Prozent Israeli und hundert Prozent Palästinenser“. Ich erinnere mich noch daran, als er mir sagte: „Der einzige Weg zu beweisen, dass ich ein Israeli bin, ist zu zeigen, dass ich für die Palästinenser bin. Das ist ein Satz, den ich nie vergessen habe“.

Junction 48 lässt den Zuschauer mit einem Gefühl von etwas Ungelöstem, Unbeantwortetem zurück. Das gleiche Gefühl, das man hat, wenn man versucht, die Geschichte der Palästinenser zu erzählen. „So ist das Leben“, sagt Samar Qupty, „man weiß nie, ob es ein gutes Ende nehmen wird, aber die Hoffnung stirbt zuletzt“.

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Dieser Artikel ist Teil des Projekts Mov(i)e to Berlin, eine Zusammenarbeit zwischen den Localteams Cafébabel Torino und Cafébabel Berlin. Im Rahmen eines Austauschs ihrer Journalisten berichten die Redaktionen zweisprachig vom TFF und von der Berlinale.