Juliette Dragon und die hohe Schule der Burlesque

Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2013
Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2013

Das Cabaret des Filles de Joie ist seit zehn Jahren der Hauptschauplatz der Burlesque in Paris. Eine Begegnung mit Juliette Dragon, Schauspielerin, Sängerin, explosive Performerin und unangefochtene Queen des Revuetheaters sowie Gründerin der einzigen Burlesque-Schule der französischen Hauptstadt.

„Die Königin der Burlesque hat ein Büro?“ fragen mich meine Redaktionskollegen ungläubig, als sie vom Interviewtermin mit Juliette Dragon erfahren, der unumstrittenen Herrscherin der Pariser Burlesque-Szene, die ich in ebendiesem Büro in der Nähe von Montreuil treffe. In der beschaulichen Rue des Vincennes empfängt mich Juliette im ersten Stock eines ruhigen Gebäudes hinter ihrem Computer, umgeben von ihrem Team im Hauptquartier des Collectif Surprise Party. Sehr groß und ohne einen Hauch von Schminke, eine schwarze Kappe ins leuchtende Gesicht gezogen, trägt sie weder Strass noch Pailletten, sondern lediglich eine einfache Jeans und ein Sweatshirt.

Die hohe Schule der Burlesque

"Es ist mir nicht selten passiert, dass ich für einen Mann gehalten wurde", erzählt sie, "und Männer wollen sicher sein, eine Frau vor sich zu haben, bevor sie dir ein Kompliment machen."

„Ich habe angefangen, mich auszuziehen, um mit dem Feuer zu spielen“, erklärt sie lächelnd. Eine schöne Metapher, denn genauso war es. Juliette zeigte sich in den schönsten Kleidern, prächtigen Roben aus Federn und Spitze und „die konnte ich natürlich nicht verbrennen!“ Für ihre Pyrotechniknummer musste sie daher mit einem präventiven Striptease anfangen, um das kostbare Bühnenkostüm zu schützen. Es war das Jahr 1993 und sie absolvierte ihre ersten Auftritte mit der Kompanie Glück Family in der alternativen Szene von Montpellier. „Ich habe in meiner Heimatstadt bei Raves mit Burlesque angefangen und habe dabei Verwandlungskünstler, Künstlerinnen und Tänzer kennengelernt.“ Dann, 1996, die Ankunft in der Hauptstadt. Nostalgisch erinnert sie sich an die Feiern im Le Palace, dem legendären Pariser Nachtclub. „Dort habe ich zehn Tage lang gearbeitet, bevor es zugemacht hat“, erinnert sich Juliette. „Lange bin ich allein aufgetreten“, erzählt sie, “aber nach einigen Jahren hatte ich das Bedürfnis, mich mit anderen Menschen, anderen Körpern zu konfrontieren, die sich von meinem eigenen unterschieden.“

Die Idee, mit anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammenzuarbeiten, entwickelt sich, und bald entsteht der Plan, eine Schule zu gründen, die vor allem ein Ort der Begegnung, Solidarität und Freundschaft sein soll. So entsteht 2003 das Collectif Surprise Party, eine Gruppe mit Sitz in Paris, die sich für den Erhalt und die Pflege der Kunst der Burlesque und der New Burlesque einsetzt und vor kurzem ihr 10-jähriges Jubiläum mit einer großen Party im La Bellevilloise gefeiert hat. Im gleichen Jahr eröffnet auch die Schule „École des Filles de Joie“, die es sich zum Ziel gemacht hat, das „burleske Wesen“ jeder Frau zum Vorschein zu bringen. „Wir vermischen die Archetypen und erwecken das Begehren wieder zum Leben“, erläutert Juliette, die die Effizienz ihrer mäeutischen Methode garantiert, mit einem Augenzwinkern. „In meiner Arbeit geht es um den schönen Schein“, erklärt sie. „Es ist mir nicht selten passiert, dass ich auf der Bühne für einen Mann gehalten wurde“, berichtet sie, „versteckt unter den Kleidern und mit meiner männlichen Erscheinung war es nicht allzu schwierig, für einen anderen gehalten zu werden“, lächelt sie. „Diese Verwirrung hat die Männer, die sicher sein wollen, dass sie wirklich eine Frau vor sich haben, bevor sie ihr ein Kompliment machen, nicht wenig erschreckt.“

„Es ist wichtig, sich schön zu fühlen“, führt sie aus, „ und in meiner Schule lernt man, durch das Spiel und den Tanz, Vertrauen in den eigenen Körper mit all seinen Besonderheiten zu entwickeln.“ Und vor allem sei es notwendig, dass die Frauen, die die Schule besuchen, lernen, sich selbst kennenzulernen, ihr eigenes Äußeres zu betrachten. „Meine Kurse sind offen für Frauen aller Altersstufen“, sagt sie, „der schwierigste Schritt ist es, herzukommen und anzufangen, nach der ersten Stunde geht es dann von alleine.“ Und so vergnügen sich die Frauen hier damit, sich elegant zu kleiden, mit Fünfziger-Jahre-Frisuren herumzulaufen, die Hüften kreisen zu lassen und sich um eine Stange zu winden. Die Kunst der Verführung im Dienst der persönlichen Selbstbestätigung.

Engagierte Burlesque

"Wir sind ein laizistischer Staat, es hat keinen Sinn, vor Notre-Dame zu demonstrieren, wir kämpfen einen anderen Kampf als Femen."

„Der Feminismus der 70er Jahre hat die Frauen gelehrt, die Männer zu hassen, aber ich bin für die Versöhnung“, fährt Juliette fort. „Meistens hasst man das, was man nicht hat“, erklärt sie. Und das Gespräch wandert unausweichlich zu den Femen, die sich kürzlich in der französischen Hauptstadt niedergelassen haben. „Sicherlich haben sie eine neue Seite in der Geschichte des zeitgenössischen Feminismus aufgeschlagen“, meint sie, „aber sie sind weit entfernt von dem Esprit, der hier in Frankreich geatmet wird. Wir sind ein laizistischer Staat und es hat keinen Sinn, vor Notre-Dame zu demonstrieren; wir kämpfen einen anderen Kampf.“ Juliette selbst hat sich an zahlreichen sozialen Kämpfen beteiligt. „Die Tradition der französischen Burlesque ist nicht gut aufgestellt“, präzisiert sie, „aber meine ist es.“ So hat sich die École des Filles de Joie für die Homo-Ehe und für Schwulenrechte ausgesprochen und kürzlich auch gegen die Instrumentalisierung des weiblichen Körpers durch die Politik. „Der Bauch der Frauen darf nicht zu einem Versuchslabor für Ideologien gemacht werden.“

„Derzeit suchen wir einen Mäzen“, sagt sie lächelnd, „ein Theater nur für uns, wo wir jeden Abend auftreten können, eine Art Moulin Rouge für alle“, für jeden Geldbeutel. „Ich möchte nicht gezwungen sein, Frankreich zu verlassen“, fährt sie fort, „sondern ich kämpfe darum, in meinem Land bleiben zu können.“ Juliette, die gerade von einer zweimonatigen Tournee in Kalifornien zurückgekehrt ist, hat nicht die Absicht, aus Paris wegzugehen. „Natürlich ist es nicht einfach“, meint sie und schildert, wie die staatlichen Subventionen wieder einmal an die bekannten Namen und die üblichen Verdächtigen gegangen sind, „wir haben zehn Jahre gebraucht, um zu dem zu werden, was wir heute sind, aber das ist kein Grund, sich entmutigen zu lassen.“ Ein Plan, der im Gegensatz zur allgemeinen Jammerstimmung der Bevölkerung steht, aber „wer sich beklagt, wird gefeuert“, schließt Juliette.

Das Erbe Colettes

„Wir lassen uns von den frühen Figuren der Pariser Burlesque inspirieren“, präzisiert sie und erzählt mir von Blanche Cavalli und ihrem Coucher d'Yvette, einer der ersten französischen Revues, bei dem am Ende des 19. Jahrhunderts ein aufgeregtes Publikum einem Mädchen dabei zusah, wie sie sich auszog, ihr Korsett aufknöpfte, die Haare öffnete und sich für die Nacht zurechtmachte.

Sich provokant und subversiv, aber zugleich sanft und anmutig zu geben, scheint für Juliette und ihre Mädchen die Regel zu sein. „Wir haben ein berühmtes Vorbild“, schließt sie und zitiert die kesse Colette, die stets vom süßen Geruch des Skandals und der Unberechenbarkeit umwittert war, oder, wie Jean Anouilh über sie sagte, „die stolzeste Schamlosigkeit, das klügste Vergnügen, die frechste Freiheit.“

Foto: © carré. Video: © DimitriLepretre/YouTube