Julien Frisch: Bloggen gegen Brüsseler Phrasendrescher

Artikel veröffentlicht am 29. März 2010
Artikel veröffentlicht am 29. März 2010

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Wenn man an die europäische Idee glaubt und die Brüsseler Phrasendrescherei offen legen möchte, dann wird man Blogger. Julien Frisch ist Editor auf bloggingportal.eu und erläutert im Gespräch mit cafebabel.com, was die Berichterstattung zu Europa im Internet in den kommenden Jahren bieten kann.

cafebabel.com: 73% weniger akkreditierte Journalisten bei der Europäischen Kommission in den vergangenen 5 Jahren - können die Euroblogger angesichts dieser rückläufigen Zahlen eine Alternative sein?

Julien Frisch: Bürgerblogs können keine professionellen Journalisten ersetzen. Denn Recherchen erfordern Zeit und Geld. Dennoch ist das Bloggen weitgefächerter als manche vermuten! Da Blogs von Leuten geschrieben werden, die mit oder in den europäischen Institutionen arbeiten, können sie zu einem besseren Verständnis der offiziellen Organe, wie zum Beispiel der Europäischen Kommission oder dem Europarat, beitragen. Oft bleiben diese der Öffentlichkeit verschlossen. Im Grunde haben Blogger und Journalisten aber das gleiche Ziel: Alles das verständlicher und zugänglicher zu machen, was es heute noch nicht ist. Wieso sollte man etwa ein Dokument des Europarates suchen, wenn man es auch auf einem Blog finden kann?

cafebabel.com: Auf bloggingportal.eu sind die Blogger schon Europabegeisterte, oft ist das sogar ihre Arbeit. Wie aber kann man das Interesse derjenigen wecken, die außerhalb dieser europäischen Wirklichkeit leben?

Julien Frisch: Es stimmt, dass man den Eurobloggern vorwerfen könnte, dass sie in ihrer ganz eigenen Welt leben. Und genau dagegen kämpfen wir an, indem wir außerhalb der Brüsseler Blase für das Euroblogging werben, zum Beispiel auf dem Personal Democracy Forum Europe in Barcelona oder der Social-Media-Konferenz re:publica 10, welche im April in Berlin stattfindet. Weiterhin versucht bloggingportal.eu, neben dem Englischen und Französischen, auch anderen Sprachen auf dem Portal Platz einzuräumen. Schließlich denken wir ständig darüber dach, wie man paneuropäische Debatten außerhalb der selbstbezogenen Eurosphäre von Brüssel anstoßen kann.

cafebabel.com: Ist die Tatsache, dass die europäischen Institutionen ihren eigenen Internet- Fernsehsender einrichten, ein Beweis dafür, dass Europa Informationen zugänglich machen will?

Julien Frisch: Der positive Aspekt von EuroparlTV sind die in mehreren Sprachen ausgestrahlten Nachrichten. Bilder sind in Zeiten des Internets sehr wichtig, insbesondere dann, wenn die nationalen Fernsehsender europäischen Themen kaum Platz einräumen. Ich nicht aber nicht davon überzeugt, dass die Nachrichten direkt von den Institutionen produziert werden sollten. Vielmehr sollten sie sich darauf beschränken, das rohe Bildmaterial der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sodass anschließend Journalisten, Blogger, Bürger und andere dieses in ihre eigene Arbeit integrieren können.

Hierbei handelt es sich meiner Meinung nach um eine Übergangsstufe, bis die Abgeordneten in der Lage sein werden, diese Dinge selbst zu produzieren. Bis dahin sollte es den Journalisten möglich sein, rasche Einsicht in die Abschriften von Versammlungen der einzelnen Komitees als Streaming zu erhalten, um sie dann zuschneiden zu können. Wir, die wir außerhalb der europäischen Institutionen arbeiten, sollten zeigen, dass wir in der Lage sind, eigene multimediale Inhalte zu produzieren und europarelevante Informationen professionell abzudecken, sodass die Institutionen selbst hier weniger eingreifen müssen. Wahrscheinlich wird das jedoch noch eine Weile dauern.

Fotos: ©Leonrw/flickr; ©Mike Licht, NotionsCapital.com