Julien Bayou von Génération Précaire: Auf "den Elefanten im Raum" aufmerksam machen

Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2011
Der Franzose ist vor kurzem 30 geworden und vielleicht ein bisschen unfreiwillig das „offizielle Gesicht“ einer Generation, die ordentlich im Schlamassel steckt: die génération précaire, die Probleme hat, am Monatsende ihre Miete zu zahlen und sich mit Praktika oder Verträgen, die nur selten diesen Namen verdienen, zu begnügen.
Nebenbei ist der Aktivist und Mitbegründer der Kollektive Génération Précaire und Jeudi Noir seit 2010 auch Politiker bei Europe Ecologie. Im kürzlich von Jeudi Noir besetzten Haus in der Avenue Matignon, das unter ständiger Polizeiüberwachung steht, kommt er für cafebabel.com auf den Kampf im Namen der Jugend in Frankreich und Europa zurück.

cafebabel.com: Julien, ist unsere Generation, das heißt junge Menschen zwischen 20 und 35 Jahren, politikverdrossen?

"Das ist zwar nett aber auch ziemlich lächerlich", sagt Bayou. Er möchte nicht das offizielle Gesicht einer Bewegung sein, die regelmäßig neue Köpfe hervorbringen sollte. Julien Bayou: Es wird immer gesagt, dass die Jugend der 1970er politischer war als wir heute. Aber auch damals gab es nur eine super-politische Fraktion, zu der insbesondere diejenigen gehörten, die das Recht hatten zu studieren und sich im Namen von Vietnam, Mao oder der feministischen Bewegung engagierten. Heute haben wir es mit den gleichen Proportionen zu tun. Aber es gibt wesentlich mehr Leute, die gleichgültig sind. Das sind die, die sich - sicherlich zu Recht - sagen, dass es eine Fatalität gibt, dass unsere politischen Vertreter da sind, um sich die Taschen vollzustopfen und sich nicht um die Sorgen der Menschen scheren. Zwangsläufig, dass es Politiker gibt, die gerichtlich verurteilt werden und trotzdem noch ihr Amt ausüben [der französische Innenminister Brice Hortefeux wurde während seines aktuellen Mandats bereits zweimal verurteilt; A.d.R.] dürfen, ist ernüchternd. 

Zudem haben die alteingesessenen Institutionen eine Sache nicht gepeilt: Die Jugend hat ihre eigene Art sich auszudrücken und nachzudenken. Wenn mir jemand sagt, in den Gewerkschaften gäbe es keine jungen Leute, dann ist das zunächst einmal so, da die Denkstrukturen dort veraltet sind. Das gleiche gilt für die Parteien. Unsere Generation verbringt viel mehr Zeit auf Facebook, schreibt 3000 Sms anstatt Trakte zu schreiben und verbringt auch virtuell Zeit mit Freunden, ohne dass dabei unbedingt die Sozialkompetenz flöten geht. Meetings um 22 Uhr, zu denen man auch noch mit einer überfüllten Metro fahren muss, ist einfach nicht deren Ding. Die Gewerkschaften müssen sich rundum erneuern, um junge Leute zu erreichen bzw. zu mobilisieren, Themen ansprechen, die auch die Generationen darunter interessieren, sie anderswo abholen: im Internet, auf Partys, in Cafés - an geselligeren Orten, aber nicht im Unternehmen selbst. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass das möglich ist. Wenn man sagt, dass 'ein Problem besteht, für das es keine Lösung gibt', dann ist man höchstwahrscheinlich selbst Teil des Problems.

cafebabel.com: Du bist Mitbegründer von Génération Précaire. Wir sind Teil einer ziemlich vorbelasteten Generation: Krise auf dem Jobmarkt, im Wohnwesen, der Umwelt… Wie kommen wir da wieder raus?

Julien Bayou: Es stimmt, dass wir ein ganz schönes Päckchen mit uns herrumtragen. Aber der Anfang der Dinge besteht immer darin zu beweisen, dass etwas möglich ist. Die Politiker allerdings verleiten uns zu dieser Fatalität, indem sie Maßnahmen beschließen, die nicht funktionieren oder das Defizit noch größer machen. Am Ende kommen sie zum Schluss, dass es nicht möglich ist, das hat man auch kürzlich mit der Rentenreform in Frankreich gesehen. Am Ende hieß es, wir müssen länger arbeiten. Doch länger arbeiten ist nicht die Lösung des Problems. Alles, was sie machen, ist uns das demokratische Gift der Fatalität zu verabreichen.

cafebabel.com: Warum ist unsere Generation in Anbetracht des aufgezwungenen Praktikumsmarathons, ungerechten Gehaltszetteln und prekären Arbeitsverträgen nicht ein bisschen rebellischer?

Julien Bayou: Die Rebellion existiert. Man muss nur nach Griechenland schauen, wo es vor zwei Jahren mächtig gebrodelt hat. Hier in Frankreich haben wir das Echo ganz deutlich gespürt. Vorher kümmerte sich das Sportministerium um die Interessen der Jugend: das heißt in etwa, dass sie sich nicht die Bohne darum scherten! Und von heute auf morgen wurde ein Hoher Kommissar für die Jugend - Martin Hirsch - eingesetzt, da Nicolas Sarkozy und seine Entourage die Lage analysiert haben und zu dem Schluss gekommen sind, dass die Aufstände in Griechenland ihre Knospen auch in Frankreich trugen. Zu studieren und sich zu behaupten ohne anschließende Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt, die Probleme bei der Wohnungssuche, Diskriminierungen aller Art und Schwierigkeiten besonders für junge Frauen… all das ist präsent in Frankreich. Es gibt einen europäischen Nährboden dafür, eine Prekarität, die uns gemein ist und die besonders die Jugend betrifft. Und wenn sich die Prekären, die Jobsuchenden und Menschen in Wohnungsnot zusammen mobilisieren, ist das schon eine soziale Errungenschaft an sich.

cafebabel.com: Das Prekariat der Jugend ist nicht nur ein französisches Problem. In Spanien und Italien beispielsweise spricht man von so genannten 'mileuristas' (Menschen, die 1000 Euro oder weniger verdienen). Habt ihr versucht Eure Kampfzone auf Europa auszuweiten?

Julien Bayou: Ein europäisches Netzwerk zu erreichen ist noch komplizierter. Da gibt es terminliche Differenzen und auch die Frage der jeweiligen Mittel… Die Europäischen Sozialforen ermöglichen den Austausch, aber leider kann man nicht wirklich von einer europäischen Koordinierung sprechen. Auch dass wir nicht ausreichend im Parlament vertreten sind, macht die Sache nicht leichter. Trotzdem haben wir ein europäisches Netzwerk mit dem Namen Generation P ins Leben gerufen, P für 'Praktikum', 'precario' (in Italien und Spanien) und 'précaire' in Frankreich. Aber auf europäischem Niveau kommt alles, was über Brüssel läuft, nur recht schleppend in die Gänge. Außerdem liegen die Prioritäten nicht unbedingt auf sozialen Fragen.

cafebabel.com: Du bist kürzlich 30 geworden. Was waren Deine größten Errungenschaften bisher?

Julien Bayou: Unsere größte Errungenschaft ist, dass wir auf diese Probleme aufmerksam machen konnten, das heißt auf die Wohnungsnot und den prekären Arbeitsmarkt für junge Menschen. In England würde man sagen, wir haben es geschafft „auf den Elefanten im Raum aufmerksam zu machen“ [show the elephant in the room; A.d.R.]. Das mag für manchen banal klingen, aber das ist ungefähr so wie mit den Gehaltsunterschieden bei Männern und Frauen. Der liegt das ganze Jahr über bei 23% in Frankreich und kein Mensch spricht darüber. Das besetzte Haus in der Avenue Matignon ist auch ein toller Erfolg, es ist wirklich erstaunlich, dass wir es geschafft haben solch ein Gebäude in Beschlag zu nehmen. Außerdem haben wir hier eine wunderbare Aussicht auf den Elysée-Palast [Wohnsitz des französischen Staatspräsidenten; A.d.R.]! Zu Fragen bezüglich Praktika und Arbeitsmarkt gelten wir als Experten, unsere Ideen werden von allen Parteien übernommen, um nach neuen Lösungen zu suchen. Ein Erfolg war auch, gewählt worden zu sein und meine Versprechen zu halten.

Das besetzte Haus befindet sich nur wenige Schritte vom Elysée-Palast und der israelischen Botschaft entfernt und wird 24 Stunden täglich polizeilich überwacht.

Fotos: ©Sladjana Perkovic; Montag, 24. Januar 2010