Julian Baggini: “Die Engländer glauben, sie seien privilegiert”

Artikel veröffentlicht am 5. Mai 2007
Artikel veröffentlicht am 5. Mai 2007

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Nach sechs Monaten in einer typisch nordenglischen Stadt kommt der 38jährige englische Philosoph zu der Ansicht, dass Großbritannien und die EU niemals Weggefährten sein werden.

Julian Paggini beschreibt seine ersten vorsichtigen Schritte, die er aus dem Reisebus nach Yorkshire heraus macht, als ein zwiespältiges Erlebnis. Der in London lebende freiberuflich arbeitende Journalist wohnte in geordneten Verhältnissen nördlich der M25, der Autobahn, die London einkreist. Der Philosoph und Vielreiser erinnert sich daran, dass er sich "sofort vertraut" fühlte, “und gleichzeitig vollkommen fremd. Keine meiner Ankünfte in fremden Ländern hat mich jemals so verwirrt.”

Baggini ist Gründer und Herausgeber des Philosopher’s Magazine, auch bekannt als TPM, das seit zehn Jahren besteht und vier Mal jährlich erscheint. Er schreibt aber auch Beiträge für verschiedene britische Tageszeitungen, wie das Mitte-Links-Blatt The Guardian - solange ihm das die Zeit lässt, sein geliebtes Magazin zu produzieren.

Nachdem er in der Vergangeheit über den tieferen Sinn von Big Brother und den Simpsons nachgedacht hat, widmet sich der Theoretiker nun wissbegierig der englischen Kultur. Er mietete eine Doppelhaus-Hälfte in einem Außenbezirk von Rotherham, South Yorkshire, als Teil seines sechsmonatigen “Experiments” für sein neuestes Buch Welcome to Everytown: A Journey into the English Mind (wörtlich: Willkommen in Jederstadt. Eine Reise in die englische Mentalität).

Willkommen am Stadtrand

Es ist leicht, Baggini inmitten einer Gruppe nordenglischer Kneipenbesucher abzulichten. Für einen Philosophen ist er erstaunlich aufgeschlossen. Mit dem angesagten Cockney-Akzent vertuscht er seine italienische Herkunft. Diese Fröhlichkeit verbindet ihn nicht immer mit dem harten Kern seiner Trinkkumpanen. “Der soziale Abstieg war ein immer wieder auftauchendes Gesprächsthema. Der schlimmste aller Pessimisten: ein um die 50 Jahre alter, bärtiger Typ namens Pete. Wenn ich sagte, dass vielleicht nicht alles schlecht ist, entgegenete er: ‘Du lebst hier noch nicht so lange wie ich, Justin’ – er konnte sich meinen Namen nie merken.”

Während er über den den ewigen Konflikt zwischen Stadt und Vorstadt räsonniert, sieht Baggini den schwarzen Taxis nach, die aus den Vororten herausbrausen. “Es ist nicht alles so klar getrennt”, behauptet er. Ein entscheidendes Gedankenspiel brachte Erleuchtung. “Immer, wenn ich mich dabei ertappte, schlecht von Rotherham zu denken, habe ich mich selbst überlistet, indem ich dann daran dachte, wie ich in der Stadt gelebt habe. Und oft stellt sich heraus, dass man selbst schuld ist. Zum Beispiel gehen die Leute in Rotherham selten aus. Sie machen am liebsten gewohnte Dinge. Allerdings macht die städtische Mittelschicht es die meiste Zeit über nicht anders, obwohl sie dem Ruf nach wesentlich abenteuerlustiger ist. Sie wählt Reiseziele, die man von ihnen erwartet.”

Baggini hat kaum Zeit, das von Schatzmeister Gordon Brown betonte Britisch-Sein auszuleben. "Wie es sich anfühlt, britisch zu sein, hängt sehr davon ab, ob man in den Außenbezirken, in der Stadt, in London oder auf dem Land lebt. Wir neigen dazu, die Dinge so zu sehen, wie wir es gewohnt sind. Die einzige Gemeinsamkeit der Briten ist, dass sie sich alle englisch fühlen. Was sie nicht teilen, ist eine bestimmte Vorstellung davon, was es bedeutet, sich ‘englisch’ zu fühlen. Die ganzen Bemühungen der Regierung, ein Gespür für das Britisch-Sein zu erstellen ist somit vollkommen fehlgeleitet."

Die englische Fußballbegeisterung findet beispielsweise bei den Intellektuellen keinen Anklang. Es irritierte Baggini, mit Fans von Rotherham ein Fußballspiel anzuschauen. Sie waren unverhüllt parteiisch. Fouls der gegnerischen Spieler wurden als besonders schlimm betrachtet. Wenn der Schiedsrichter diese Fouls nicht weiter beachtete, wurde er mit “Du weißt nicht, was du tust” beschimpft. Teilweise kam es noch schlimmer: “Du fetter Bastard”.

Die persönliche Zielsetzung des Forschers war deshalb sehr gering. Er begann einfach spekulativ eine Reihe “implizierter philosophischer Meinungen” genau zu bestimmen, an denen die Mehrheit des Volkes festhält. Die auftauchenden Werte – familienfreundlich, puritanisch, anti-intellektuell, unfrei, konservativ – passen ebensogut zu vielen anderen westlichen Nationen, beispielsweise zu den Niederlanden.

Einstellungen auf der Insel

Dennoch bestreiten sie eine konventionelle Denkweise. Während England häufig als die Wiege der liberalen Demokratie angesehen wird, ist das Land in Wahrheit eine Brutstätte für “konservativen Kommunitarismus”, wie Baggini es nennt. “Briten sind beständige Kommunitarier. Das bedeutet im Wesentlichen, dass sie denken, man erhalte Rechte und Privilegien nicht nur aufgrund der Tatsache, dass man ein Mensch ist. Sie sind nicht allgemeingültig. Man erhält sie als aktives Mitglied einer bestimmten Gesellschaft.”

Diese politische Einstellung wird durch Großbritanniens Geographie unterstützt: Das Leben auf einer Insel hat viele Briten zu Außenseitern gemacht, wovor Baggini warnt. “Gehört England zu Europa? In vielerlei Hinsicht sieht sich England als davon getrennt an. Die meisten Flecken dieser Welt sind provinzlerisch. Doch da wir auf einer Insel leben und eine imperiale Vergangenheit haben, denke ich, dass sich viele Briten als privilegiert ansehen. Und das in einer Weise, die anderen Nationen fremd ist. Sogar Frankreich, obwohl es dort einen stärkeren Nationalstolz gibt.”

Der Philosoph stellt fest, dass die große europäische Kluft zwischen dem Norden und Süden liegt. “Der große Unterschied bezüglich der Meinungen in Westeuropa ist der zwischen Nord- und Süderopäern”, sagt Baggini. “Der kühle protestantische Norden hat im Gegensatz zum warmen Süden eher puritanische Ansichten. Eher verwunderlich ist, dass der Süden in vielen Bereichen sozial fortschrittlicher ist. Die Deutschen können somit zum Beispiel die Einstellung der Briten bezüglich Alkohol nachvollziehen, da sie selbst auch reichlich Bier trinken, während die Italiener das eher merkwürdig finden.”

Abgesehen davon, dass er seinen kulturellen Horizont erweitert, war Bagginis Umzug in den Norden Englands eine Bereicherung in sozialer Hinsicht. “Merkwürdigerweise fühlte ich mich von allen Orten, an denen ich je gelebt habe, mit diesem am meisten verbunden. Ich habe dort Freunde gefunden, die ich auch besucht habe, nachdem ich weggezogen bin.” Er schließt nicht prinzipiell aus, eine Frau aus Rotherham zu heiraten. “Möglich, wenn auch eher unwahrscheinlich.” Auch philosophische Untersuchungen haben ihre Grenzen.