Jugend und Brexit: Es ändert sich ja eh nix?

Artikel veröffentlicht am 12. Juli 2016
Artikel veröffentlicht am 12. Juli 2016

36 Prozent: So gering war die angebliche Wahlbeteiligung der britischen Jugend am EU-Referendum. Jetzt haben sich zwei LSE-Professoren die Zahlen noch einmal genauer angeschaut und entdeckt - es waren eigentlich doppelt so viele. Eine Bilanz.

„Das ist unser Europa“, „Ihr habt uns die Zukunft versaut“ - lauteten die plakativen Botschaften der Jugend an die ältere Generation des Vereinigten Königreichs nach dem Brexit-Referendum vom 23. Juni. Doch schnell wurde der Jugend dieser Zahn gezogen. Die Anschuldigungen seien völlig fehl am Platze, denn von den 18-24-Jährigen seien laut Sky-Data nur 36% an die Urnen gegangen und hätten somit auch ihren Teil zum Sieg des Brexit-Lagers beigetragen.

Wer sich über Wahlergebnisse beschweren will, muss seinen demokratischen Soll begleichen, so der Tonus. Doch nun, drei Wochen später, stellt eine neue Studie der London School of Economics klar, dass die britische Jugend sich fast doppelt so hoch am Referendum beteiligt habe als angenommen, und zwar mit 64%. Damit liegt sie immer noch deutlich unter den 90% der über 65-Jährigen, und auch knapp unter den 66% der 26 bis 39-Jährigen. Damit ist sie weit entfernt von einer politischen Gleichgültigkeit kurz vor der Zwei-Drittel Mehrheit.

Politische Gleichgültigkeit – das ist der Verwurf gegen die europäische Jugend, gefühlt seit dem Ende der 68er-Bewegung. Die 36% von Sky Data wurden letzten Endes wohl auch deshalb ohne nachzuhaken von allen internationalen Medien angenommen. Dabei stammten sie von den letzten Parlamentswahlen, und nicht vom aktuellen Referendum. Die neue, höhere Zahl entstand nach den Untersuchungen von Opinium, ein dass über 2000 junge Menschen vier Fragen über ihr Wahlverhalten stellte. Hier stellte sich heraus, mehr junge Menschen registriert waren und abgestimmt hatten.

Bringt eh nix?

Doch sind wir wirklich so unpolitisch wie behauptet wird? Es ist richtig, dass weniger als die Hälfte der 18 bis 25-jährigen Europäer den Weg zu den Urnen als effektives Mittel der Meinungsäußerung betrachten. Und junge Menschen mit Abitur engagieren sich immer noch weitaus mehr als Jugendliche mit einem niedrigeren Bildungsniveau.

Aber, es ist auch die gleiche Altersgruppe, die wie sonst keine andere ihre politischen Meinungen in Onlineforen und sozialen Netzwerken teilt. Und auch keine andere Generation älter als 34 Jahre unterschreibt mehr Petitionen als die jungen Leute. Es muss also deutlicher unterschieden werden, zwischen direkter und indirekter politischer Beteiligung.

In In der brandaktuellen „Black Lives Matter“-Bewegung in den USA sind es vor allem Studentenverbände und Jugendorganisationen, die, wie vor 50 Jahren, gegen Rassismus und Diskriminierung kämpfen. Und auch in Deutschland hat die Flüchtlingskrise die Jugend politisiert. In den letzten Jahren hat für 36% der 12 bis 25-Jährigen das Interesse an der Welt zugenommen.

Schottland zeigte in seinem Unabhängigkeitsreferendum 2014 außerdem, dass auch die direkte politische Beteiligung der Jugend steigen kann. Für den Volksentscheid über den Verbleib in Großbritannien wurde das Wahlrecht auf 16 Jahre verringert. Über 80% der Wahlberechtigten unter 18 Jahren gingen auch prompt an die Urnen. Wäre das gleiche Wahlrecht beim UK-Referendum angewendet worden, hätte das Ergebnis, laut Opinium, anders ausgehen können.