Jüdische Kultur in Polen: Hipster und Opfer

Artikel veröffentlicht am 18. Juli 2012
Artikel veröffentlicht am 18. Juli 2012
Während der Europameisterschaft 2012 haben sich die westeuropäischen Medien besonders über den antisemitischen Charakter im aktuellen Polen echauffiert. Zwischen Hooliganismus und historischen Stigmata scheinen die Polen immer noch ein komplexes Korsett in puncto jüdischer Kultur zu tragen. Doch in Warschau lassen junge Leute die jüdische Kultur zunehmend wieder aufleben.

Es ist ein Donnerstag im Juni, um 20.43 Uhr. Die Fußballer Gianluigi Buffon und Philipp Lahm haben gerade eine Rede gehalten, die mit dem Halbfinale der Europameisterschaft 2012 nicht wirklich viel zu tun hat. Vor einem riesigen Plakat, auf dem « Respect Diversity » geschrieben steht, versuchen die Mannschaftskapitäne der italienischen und deutschen Nationalelf 58 000 Zuschauer im Warschauer Nationalstadion für die Bedeutung des Kampfes gegen Rassismus zu sensibilisieren.

Juden und das runde Leder

Wollen wir mal nicht übertreiben. Die tausenden Zuschauer vor den Großleinwänden in der Fanzone, gleich vor dem Warschauer Kulturpalast, sind von der Toleranz-Botschaft der beiden Spieler nicht unbedingt völlig geplättet. Doch die Initiative selbst hat sich in Polen seit dem Beginn der diesjährigen Europameisterschaft einen Namen gemacht. Das Gesicht hinter dem Projekt ist Piara Powar, Exekutivdirektor von FARE (Football against Racism in Europe), der aus Großbritannien gekommen ist, um seine Zelte in polen aufzuschlagen.

Der unglaublich phlegmatische Londoner Mitte vierzig weiß genau, dass er ein Pulverfass anzündet, wenn er sich mit dem Antisemitismus in Polen beschäftigt: „Die Leute sind bis heute geschockt, wenn sie hören, dass die heute sehr wenig präsente jüdische Gemeinschaft früher überall war. Mir ist aufgefallen, dass immer wieder Platz für die Rechtsextreme und Neonazis gemacht wird.“

Einer dieser Plätze könnte unter anderem auch das polnische Fußballstadion sein, das in vielen westeuropäischen Medien immer wieder mit extremistischen Fresken untermalt wurde. An seinem Americano nippend, erzählt Piara weiter: „Hier werden Hooligans – und im gleichen Atemzug Fußballfans – schnell mal in einen Topf mit Antisemitismus geworfen. Unsere Arbeit beschäftigt sich mit einem echten Problem. Ich war von der kultivierten Mythologie schockiert, derzufolge zwischen 2000 und 3000 Juden das Land regieren würden. Das ist wirklich die schlimmste Art, die Dinge zu sehen.“

Von diesem Phänomen zeugt ebenfalls der BBC-Dokumentarfilm Die Stadien des Hasses [Stadiums of Hate, 2012]. Der oft befangene Schlagstockeinsatz der Medien zu einer alten Problematik hat so manches Mal einen immer noch lebendigen Komplex der Polen gegenüber der jüdischen Gemeinschaft aufgezeigt. Rafal Pankowski, Mitbegründer des Vereins Never Again und Autor mehrerer Bücher über Rechtsextremismus in Polen, empfängt in pompösem Stil – in einem schicken Restaurant im Warschauer Kulturpalast. Als Direktor der kurzlebigen Überwachungseinheit des East Europe Monitoring Centre, die hauptsächlicher Partner der UEFA in der Sensibilisierungskampagne gegen Rassismus war, ist der kleine Brillenträger sicher eine der aufgeklärtesten Personen zur diesjährigen Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Ihm zufolge sei der Komplex um die jüdische Frage „weiterhin ein Problem. In den Fußballspielen beschimpfen sich Fans untereinander als ‚Juden‘, die Inkarnation des Bösen.“

Doch für Rafal kommen diese Auswürfe einzig von Schwachköpfen, die dabei seien, den guten Einfluss der jüdischen Gemeinschaft auf das runde Leder in Vergessenheit geraten zu lassen. Die zwei wichtigsten polnischen Klubs in Lodz – der LKS Lodz und der Widzew Lodz – wurden in den 1930er Jahren von jüdischen Intellektuellengruppen gegründet und auf die Beine gestellt. Und wie sieht die heutige Lage aus? „Wir haben einen israelischen Spieler, der beim Wisla Krakau spielt: Maor Melikson. "Er wurde erst letztes Jahr unter Vertrag genommen und sein Coach hat ihn bereits gefragt, ob er für die polnische Nationalmannschaft spielen will. Melikson hat abgelehnt. Das ist äußerst schade, denn ich denke, das hätte uns sehr geholfen.“

Polen « zur Schuldigkeit verdammt »

Melikson… oder die Geschichte eines missglückten Symbols in einem Land, das seit dem Fall des Kommunismus versucht ein gewisses Relikt der jüdischen Kultur zu bewahren. In diesem Sinne soll 2013 auch das Museum der Geschichte polnischer Juden im Norden der Stadt eröffnet werden. Auf dem Boden des ehemaligen Warschauer Ghettos und 3 Hektar Bauland umgeben von Bauzaun, entsteht gemächlich, was irgendwann einmal das größte, jüdischer Kultur gewidmete Zentrum in Europa werden soll. Und das alles mit dem allgemeinen Ziel, die letzten Überbleibsel ebendieser Kultur in der polnischen Hauptstadt zu bewahren.

„Die jüdische Gemeinschaft in Polen war die größte in Europa und die zweitgrößte weltweit, gleich hinter New York“, erläutert der 23-jährige Nitzan Reisner, der sich um die Kommunikation des Museums kümmert. Nitzan ist in New York, in einer traditionell jüdischen Familie geboren, bevor er im Jahr 2000 nach Warschau auswanderte, wo seine Mutter die erste jüdische Schule gründete. „Mit diesem Museum werden wir dem Publikum erzählen, was geschehen ist. Denn ich denke, die Menschen sind immer noch davon überzeugt, dass Polen ein antisemitisches Land ist. Die Polen sind von der Erinnerung an den Holocaust noch verwirrt, in gewisser Art und Weise fühlen sie sich immer noch schuldig.“ Dieses Trauma erklärt sich auch in Zahlen: „Die jüdische Gemeinschaft ist von 359 827 Juden (ca. 40% der Warschauer Bevölkerung) am 28. Oktober 1939 auf 18 000 am 1. Januar 1946 geschrumpft."

Eine polnische Anthropologin hat dieses Phänomen in einer französischen Zeitschrift „Besessenheit von Unschuld“ genannt. Vielleicht hat es auch mit diesem Tabu der unaussprechbaren "Schande" zu tun, besonders greifbar seit der Veröffentlichung des Buches Nachbarn (2001) des polnisch-jüdischen Historikers Jan Gross, der beweisen konnte, dass die Juden-Pogrome auch nach der Nazibesetzung fortgesetzt wurden.

Nitzan aber blickt lieber gen Zukunft: „Ok, früher war das ein Tabu. Doch die jungen Polen sind heute ziemlich offen, interessiert und vor allem neugierig. Ich habe viele Freunde, die, wenn wir abends weggehen, völlig gestresst von der Frage sind, welchen Kuchen ich essen oder Alkohol ich trinken kann. Die neue Generation kümmert sich um die Juden, das merke ich deutlich.“

Juden heute: « Wie ein Hipster sein oder ein i-Phone besitzen »

In einem Café im Warschauer Stadtteil Praga

Kinga, die 2007 ihre Doktorarbeit zum Thema „Der Holocaust in der Popkultur“ verteidigt hat, zufolge habe sich der von so zahlreichen Historikern beschriebene Angstkomplex inzwischen in einen wahrhaftigen Trend umgewandelt. Zumindest für die Generation Y. Heute verwenden die jungen Warschauer das Wort „Jude“ tatsächlich als Argument. „Das ist etwas, was die Leute gern in die Konversation einfließen lassen. Die wichtigste Tageszeitung in Polen, die Gazeta Wyborcza, veröffentlicht oft Artikel, in denen man lesen kann, dass das Wort 'Jude' oder 'jüdisch' in Mode kommt. In Warschau ist es fast trendy Jude zu sein oder einen jüdischen Freund zu haben. Genau wie Hipster zu sein oder ein I-Phone zu besitzen.“ Könnte also jemand Buffon und Lahm erklären, dass sie vor Anpfiff des Spiels den absoluten Hype verkündet haben?

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe MULTIKULTI on the ground 2011/ 2012. Vielen Dank an das cafebabel.comLocalteam in Warschau.

Fotos: Teaserbild (cc)laprimadonna/flickr; Im Text: Piara Powar, Nitzan Reisner und Kinga ©Eric LLuent für  Multikulti on the Ground von cafebabel.com; Maor Melikson ©offizielle facebook-Seite des Spielers, Museum für Geschichte polnischer Juden ©Mit freundlicher Genehmigung der offiziellen Seite des Museums; Video UEFA (cc)zeppymetal/YouTube