Juden und Muslime in Zagreb: Kroatien punktet bei Integration

Artikel veröffentlicht am 9. August 2013
Artikel veröffentlicht am 9. August 2013

Kroatien weihte im Mai die dritte Moschee in der Küstenstadt Rijeka ein. Es gibt ungefähr vierzig Mal mehr Muslime als Juden im Land und beide Minderheiten fühlen sich erfolgreich integriert. Ein Blick auf zwei religiöse Minderheiten in einem mehrheitlich katholischen Land.

Es ist Ramadan – oder Ramazan, wie der islamische Fastenmonat in Kroatien heißt. Ich stehe an der Ecke der größten Moschee Kroatiens, die 1987 fertiggestellt wurde, und beobachte die Gläubigen, die zum Freitagsgebet gekommen sind. Die Jungen neben mir haben hellere Haut und Haare als ich. Die Atmosphäre erinnert an den Orient, aber die Umgebung sieht eindeutig mitteleuropäisch aus.

Kroatien wurde am 1. Juli 2013 der 28. Mitgliedsstaat der Europäischen Union und ist überwiegend christlich, genauer gesagt katholisch geprägt. Rund 88% der 4,5 Millionen Kroaten sind römisch-katholisch, weitere 4,4% christlich-orthodox. Die religiösen Minderheiten machen das Land homogener und bunter. Juden leben seit dem 14. Jahrhundert in Zagreb; die offizielle jüdische Gemeinde wurde 1806 gegründet. Durch die Shoah wurde sie beinahe ganz zerstört und verfügt heute nur knapp über eine Mitgliederzahl im vierstelligen Bereich.

Das muslimische Kroatien 

Die Muslime kamen im 18. Jahrhundert als Kaufleute, später als Staatsbeamte und Soldaten aus Bosnien Herzegowina nach Kroatien, als dieses Teil des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs geworden war. 1916 verlieh das kroatische Parlament dem Islam dieselbe rechtliche Anerkennung wie anderen religiösen Gruppen. Heute leben ca. 40 000 Muslime in Zagreb. Die meisten haben ihre Wurzeln in Bosnien Herzegowina, Mazedonien oder dem Kosovo. Fast ein Jahrhundert später sagen Vertreter der muslimischen Gemeinde in Kroatien, dass das Land hinsichtlich der Beziehung zwischen christlicher und muslimischer Bevölkerung ein Vorbild für andere europäische Staaten sein kann. Genauso kann das Land Vorbild für muslimische Staaten mit christlichen Minderheiten sein.

Nermin Botonjić, Geschäftsführer des mešihat (ausführendes Organ) der muslimischen Gemeinde in Kroatien glaubt, dass dies eine einzigartige Situation in Europa ist. „Die meisten Kroaten zeigen Verständnis für Minderheitengruppen“, sagt er in der Bibliothek des Islamzentrums. „Wir dürfen Islamschulen eröffnen; religiöse Ehen werden von der (sozial-liberalen – A.d.R.) Regierung anerkannt. Das macht unser Leben sehr angenehm. Die Muslime fühlen sich von der christlichen Gesellschaft akzeptiert.“

Trotzdem sieht der Alltag nicht immer so rosig aus. In der Nähe des Denkmals für die mehr als 1 000, in den Jugoslawienkriegen zwischen 1991 und 1995 gefallenen muslimischen Soldaten, das vor der Moschee und dem Islamzentrum steht, erinnert sich die Jurastudentin Azra Dedić daran, wie sie als Kind gehänselt wurde. „Wenn ich nicht gesagt hätte, dass ich Muslima bin, wäre es vielleicht besser gewesen“, sagt sie heute. „Aber ich bin stolz auf meinen Glauben und die Tradition - das ist das Problem.“ Dennoch gibt sie zu, dass sich die Situation in den letzten Jahren verbessert habe. Für Azra ist Zagreb ihre Heimat und Kroatien ihr Vaterland. Sie lobt die kroatischen Medien dafür, dass sie den Menschen die Traditionen der Minderheiten näher bringen. Trotz alledem blickt sie nicht zuversichtlich in die Zukunft. „Die jüngeren Generationen werden nicht richtig erzogen. Sie akzeptieren einander nicht und das ist die Schuld ihrer Eltern. Leider schleppen ihre Eltern immer noch die Folgen des Krieges mit sich herum.“

Nermin Botonjić sagt, dass dies ein Problem auf individueller Ebene sei. „Es ist überall. Der Schlüssel zu einem guten Verhältnis ist, dass die Mehrheit Unterschieden gegenüber offen ist und die muslimische Gemeinde bereit ist, sich zu integrieren.“

Salih Hadžismajlović, der an der weiterführenden islamischen Schule in Zagreb unterrichtet, stimmt dem zu. „Wir müssen miteinander in Kontakt kommen, um uns kennen zu lernen“, sagt er. Wenn er mit Freunden unterwegs sei und anhält, um am Straßenrand zu beten, erzählt er weiter, fühle sich keiner angegriffen oder so provoziert, dass er Streit anfangen würde. „Ich fühle mich in meinem Leben nicht eingeschränkt. Meine Freunde arbeiten in verschiedenen Bereichen und ihre Arbeitgeber erlauben ihnen zum Freitagsgebet zu gehen und danach die Arbeit wieder aufzunehmen. Damit haben sie keinerlei Probleme.“

Einen Vorteil haben die kroatischen Muslime definitiv, denn sie unterscheiden sich kulturell nicht sehr von der Mehrheit. Sie sprechen die gleiche Sprache und haben über Jahrhunderte in der Balkanregion gelebt. Im Gegensatz zu vielen muslimischen Gemeinden in Westeuropa, die viele verschiedene Einrichtungen je nach Herkunftsland haben, bildet die muslimische Gemeinde in Kroatien eine Gemeinschaft, die auf ihrer Religion und nicht auf ihrer Herkunft basiert.

Religiöse Unstimmigkeiten

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die erfolgreiche Kommunikation zwischen Regierung und Minderheiten. 2010 weigerten sich einige Polizeireviere Führerscheine mit den Fotos kopftuchtragender Frauen auszustellen, weil die kroatischen Gesetze diesbezüglich keine eindeutige Position bezogen. „Der Innenminister schlug eine Gesetzesänderung vor“, erklärt Botonjić. „Das Parlament stimmte zu und jetzt dürfen alle Frauen, die aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen, solche Fotos auf ihren Führerscheinen verwenden.“

Saša Cvetković von der jüdischen Gemeinde ist nicht so überzeugt von den Taten der Regierung. „Das Problem mit Religionserziehung in der Grundschule ist, dass die Regierung mit dem Vatikan ein Konkordat unterschrieben hat“, sagt er. „Da die meisten Kinder katholisch sind, bleibt mein Kind beim Religionsunterricht zusammen mit ein oder zwei anderen vor der Türe. Religiöse Erziehung sollte Aufgabe der jeweiligen Gemeinden sein.“ Einige Mitglieder der jüdischen Gemeinde haben auch Schwierigkeiten Eigentum zurückzubekommen, das ihnen während des Zeiten Weltkriegs genommen wurde. „Das geht nun schon zwei Jahrzehnte lang, aber die Situation ist nur einen winzigen Schritt weitergekommen“, sagt Saša Cvetković.

2006 verursachten kroatische Fußballfans einen Eklat, als sie währen eines Spiels ein menschliches Hakenkreuz bildeten und den Hitlergruß mimten. Antisemitismus gibt es in Teilen der kroatischen Gesellschaft, doch Saša Cvetković glaubt nicht, dass die Situation so gravierend wie in Frankreich oder Belgien ist, wo man sich an manchen Orten lieber nicht mit Kippa blicken lässt. Saša sagt, die kroatische jüdische Gemeinde habe kein Problem mit anderen religiösen Gruppen. Seiner Ansicht nach habe die Situation in Israel und Palästina keinen großen Einfluss auf das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen in Kroatien, im Gegensatz zu Paris oder London, wo die Situation stark angespannt ist. „Bei uns ist das anders. Die Muslime, die hier leben, kommen aus Bosnien, die Juden in Bosnien sind meist Sepharden. Sie leben bereits sehr lange zusammen und haben einen großen Anteil an der Entwicklung der Städte, in denen sie wohnen.

Die Muslime und Juden von Zagreb laden sich gegenseitig zu ihren religiösen Festen oder anderen Veranstaltungen ein. Ein Beispiel war ein von Salih Hadžismajlović organisiertes Blutspende-Projekt, das in der Moschee stattfand. Er lud Angehörige der christlichen Gruppen und die jüdische Gemeinde ein. Die Botschaft war klar: „Wir wollten zeigen, dass wir eigentlich alle gleich sind“, sagt er, bevor er sich auf den Heimweg macht; die Freitagsgebete sind für diese Woche vorbei.

Danke an Alma Srebreniković, Emina Hodžić und Sanela Kurtek.

Dieser Artikel ist Teil der Reportagereihe EUtopia on the ground, die jeden Monat die Frage nach der Zukunft Europas aufwerfen soll. Dieses cafébabel-Projekt wird von der Europäischen Kommission im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem französischen Außenministerium, der Fondation Hippocrène sowie der Charles Léopold Mayer-Stiftung unterstützt.