Journalisten in Spanien: Das Schicksal selbst in die Hände nehmen

Artikel veröffentlicht am 2. April 2013
Artikel veröffentlicht am 2. April 2013
In Spanien sind derzeit etwa 9000 Journalisten arbeitslos. Eine erschreckend hohe Zahl, die nur die Spitze des Eisbergs zu sein scheint. Initiativen wie Se buscan periodistas vom Presseverband Sevillas kämpfen auf lokaler Ebene: gegen die Ungewissheit, welcher professionelle Journalisten gegenüberstehen, für innerbetriebliche Kooperation und eine Lösung gegen die enorme Trostlosigkeit.

Wenngleich die Zukunft - zumindest kurzfristig - nicht sehr rosig aussieht, entstehen in Spanien momentan wichtige Initiativen wie Se buscan periodistas (Journalisten gesucht) der Asociación de la Prensa de Sevilla (APS/Presseverband Sevillas). Es handelt sich dabei um eine Kooperative professioneller Journalisten, die darauf abzielt, eigene neue Medien in Gang zu bringen. Rafael Rodríguez, Vorsitzender der Organisation, meint dazu: „Es handelt sich um Journalismus in den Händen von Journalisten und nicht von Betrieben! Diese behandeln Informationen oft wie reine Massenware, ohne auf die Qualität zu achten oder die Richtigkeit und die Ehrlichkeit dessen, was publiziert wird, zu überprüfen – der einzige Zweck ist Profit.“

Von unbezahlter Arbeit und Erwerbslosigkeit einmal abgesehen, scheint das größte Problem zu sein, die Zeit des Wandels als Herausforderung anzuerkennen. Das sei in der Arbeitswelt unentbehrlich, meint Rodríguez: „Die Freelancer sollten die Sache selbst in die Hand nehmen, dem Berufszweig wieder Sinn geben und von diesem Standpunkt aus starten. Wir sind die Ersten, die unzufrieden sind mit dem, was wir machen. Das ist der Beweggrund unserer Initiative Se buscan peridodistas“, bekräftigt er. „In 4 oder 5 Monaten werden wir startbereit sein“, fügt ein Mitglied des Vorstands hinzu.

Journalismus steht für Ungewissheit

Die offiziellen Statistiken des 'Observatorio de la Crisis' spiegeln die Realität der FAPE (Verband spanischer Journalisten) nicht unbedingt wider. Normalerweise gehen die Entlassungen im Mediensektor in einem gewissen Umfang zurück. Hierbei werden jedoch weder die Entlassungen aus kleineren und mittleren Redaktionen berücksichtigt noch diejenigen aus Fachbereichen, die von den öffentlichen Verwaltungen abhängen. Dazu kommen noch jene jungen Journalistinnen und Journalisten, die derzeit die Fakultäten für Kommunikation und Medien frisch diplomiert verlassen. Allein in Andalusien gibt es mehr als 500 Journalisten, die Berufe in anderen - meist geringfügiger qualifizierten - Sparten ergriffen haben.

In Spanien ist auf Landesebene von 8.816 professionellen Journalisten ohne Arbeit die Rede, von denen wiederum 3.853 (insgesamt 44 %) ihre Anstellung im Laufe des Jahres 2012 verloren haben. Hier ist noch zu berücksichtigen, dass dies nicht einmal die laut ERE(Expediente de Regulación de empleo/Verfahren zur Regulierung von Arbeitsplätzen) bereits bestätigten Zahlen mit einbezieht. Außerdem wurden 70 Medienanstalten geschlossen.

Die APS hat auf die zunehmende Nachfrage nach Hilfe reagiert und im Hinblick auf die Situation im Jahr 2012 einen Notfallfonds eingerichtet. Für einen Großteil professioneller Journalisten ist die Situation momentan aussichtslos: „Unser Sektor ist derzeit wohl derjenige, der die meisten Arbeitslosenzahlen vorweist. Dazu kommen niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen - was zur Folge hat, dass mittlerweile hunderte von Kollegen in sehr schwierigen ökonomischen Bedingungen leben.“ Die Notfallkontaktstelle der APS verteilt ausschließlich Produkte des Grundbedarfs: Nahrungs- und Reinigungsmittel sowie Hygieneartikel. Statt Bargeld gibt es Einkaufsgutscheine, die in verschiedenen Supermarktketten genutzt werden können.

Und wie steht's um den Rest Europas?

10% weniger Zulassungen von Journalisten in Frankreich, Deutschland und Großbritannien - in  den letzten vier Jahren!

„Wie nennt sich ein arbeitsloser Journalist?“ - „Freelancer“

Scherz beiseite… dem internationalen Journalistenverband(International Federation of Journalists/IFJ) zufolge sind in Europa 50% der professionellen Journalisten freiberuflich tätig. Aufgrund der unterschiedlichen Rechtslage ist es allerdings schwierig, konkrete Zahlen für die verschiedenen Märkte Europas zu erhalten. Es wird geschätzt, dass in Frankreich, Deutschland und Großbritannien die Zahl der Zulassungen professioneller Journalisten in den letzten vier Jahren um 10% gesunken ist. Diese Tendenz, meldet der internationale Journalistenverband, verringert nicht nur die Qualität der Berichterstattung, sondern läuft auch dem Recht der Bevölkerung auf Information zuwider – dies gilt insbesondere für öffentliche Medienanstalten.

In Spanien setzt man bereits auf den Kampf um die Qualität. Bestes Beispiel hierfür könnte der Blog Obama World sein: das ist ein Medium, welches von seinen Lesern selbst finanziert wird.

Illustrationen: Teaser: (cc)Biodegradable/Flickr, Video: aprensasevilla/YouTube.