Journalist Irakli Berulava: „Georgien hat die Chance der Rosenrevolution verspielt“

Artikel veröffentlicht am 10. November 2011
Artikel veröffentlicht am 10. November 2011
„Finster” – so beschreibt der Korrespondent von Reporter ohne Grenzen die Situation der Medien in den Ländern des Südkaukasus. Selbstzensur, Druck durch die Regierung und Rückschritte in der demokratischen Entwicklung nach der Rosenrevolution im Jahr 2003 machen aus journalistischer Tätigkeit ein wahres Minenfeld, so Irakli, der auch als Blogger, Filmregisseur und Produzent arbeitet.

cafebabel.com: Herr Irakli, mit welchen Problemen haben die Medien in der Post-Sowjetära zu kämpfen?

Irakli Berulava: Zuerst einmal erfolgt in den Redaktionen eine Selbstzensur. Denn die meisten Redakteure wollen sich mit der Regierung gutstellen. Sie lassen Journalisten gar nicht erst Artikel schreiben, die als „interessant“ gelten könnten. Aufgrund hoher Arbeitslosenzahlen müssen Journalisten sich diesen Bedingungen fügen. Auch die schlechte Bezahlung ist ein Problem für lokale Medien, weil sie die Qualität der Beiträge mindert.

„Selbst wenn Kollegen angegriffen werden, schweigen die meisten Journalisten lieber.”

Zweitens hat man mit der engstirnigen und konservativen Mentalität in vielen kaukasischen Ländern zu kämpfen. Journalisten schreiben lieber über Religion, als über aufmüpfige Bürger, deren Stimmen daher nicht gehört werden. Die wichtigsten Nachrichtenkanäle ignorierten kürzlich z.B. den Fall eines Fotografen, der verhaftet wurde. Niemand zeigt sich solidarisch. Selbst wenn Kollegen angegriffen werden, schweigen die meisten Journalisten lieber. Schließlich gibt es auch noch Lobbyismus und einen Mangel an Transparenz in den Medien. Die Medien haben sich in große Unternehmen verwandelt, in denen man seit Jahrzehnten die gleichen Gesichter sieht. Neuzugänge kommen meist aus dem Freundes- oder Familienkreis des Chefredakteurs einer Zeitung oder eines Fernsehsenders. Deshalb können sich die am stärksten gefährdeten Gruppen der Gesellschaft, wie kulturelle Minderheiten, kein Gehör verschaffen.

cafebabel.com: Hat die Rosenrevolution im Jahr 2003 zu mehr Redefreiheit in Georgien geführt?

Irakli Berulava:Georgien hat die Chance, die die Rosenrevolution bot, verspielt. Jetzt sehe ich nur noch Rückschritte, was die Redefreiheit betrifft. So stellten sich die oppositionellen Fernsehsender nach 2003 auf die Seite der Regierung und viele andere Medienanstalten haben einfach dichtgemacht. Die Situation wird sich nur ändern, wenn neue Leute an die Macht kommen. Wäre die Regierung offener, könnten junge und talentierte Journalisten endlich wieder arbeiten.

cafebabel.com: Ihre Zukunftsprognose für den Journalismus im Südkaukasus?

Irakli Berulava: Es hat immer eine kleine Gruppe weltoffener, gut ausgebildeter und kreativer Studenten, auch „Liberale“ genannt, gegeben— sei es in Georgien, Armenien oder Aserbaidschan. Einige von ihnen studieren sogar an Universitäten im westlichen Ausland. Eine neue Generation von 20-30-Jährigen hat es in der Hand, das System zu verändern. Es kommt ganz darauf an, wer das Ruder übernehmen wird, wenn die alte Generation des Journalismus abtritt. Das aktuelle System sollte sich auf keinen Fall fortsetzen.

Von Hrant Mikaelian. Dies ist der dritte Teil einer Artikelserie in Ko-Produktion mit unserem Partner EuroCaucasusNews. Das Projekt rund um Journalismus, Multimedia und Europa für Studenten aus Armenien, Aserbaidschan und Georgien wird von Canal France International (CFI) getragen.

Foto: Homepage ©Nicolas Froehner