Journalismus: Russische Medien-Enklave in Straßburg

Artikel veröffentlicht am 9. April 2012
Artikel veröffentlicht am 9. April 2012
Kurz vor der russischen Präsidentschaftswahl haben regierungstreue Journalisten Ende Februar ihren ersten Internationalen Kongress der russischen Medien in Straßburg (20. - 22. Februar) abgehalten. Eine sowohl teure als auch sinnlose Maskerade.

Der Vorplatz des "Palais de la musique et des congrès" (PMC) in Straßburg gibt an diesem Montag ein eher ruhiges Bild ab. Die Organisatoren hatten mit Scharen von Journalisten aller Nationalitäten gerechnet, die zum ersten Internationalen Kongress der russischen Medien drängen würden. Die bunt gemischte Menschenmenge im Eingangsbereich des Gebäudes ist deutlich gelassener als erwartet. Ihr Erscheinungsbild ist typisch: blonde Hostessen mit russischem Akzent, stämmige Muskelprotze und ein paar vereinzelte Vertreter der ehemaligen GUS-Staaten, ein orthodoxer Priester in seinem Gewand, ein Mufti mit auffälliger Kopfbedeckung: Nur etwa hundert Personen sind anwesend.

Dieser internationale Kongress war ein ehrgeiziges Projekt, eine dreitägige Konferenz mit dem Titel „Quatrième pouvoir“ („Vierte Macht“), in der verschiedene dringliche Themen angesprochen werden sollten zu einem Land, das in den Ranglisten zur Pressefreiheit der internationalen Organisation „Reporter ohne Grenzen“ stets einen der hinteren Plätze einnimmt. Der Themenkatalog klang vielversprechend: Korruption der Medien, Zensur, Umgang mit Minderheiten und Religionen und das internationale Image Russlands.

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„Die Teilnahme erscheint uns eine Pflicht.“ Die Kongressorganisation MIRJ, eine russische Informationsagentur, schmückte sich damit, nicht nur die staatliche russische Presse eingeladen zu haben, sondern auch die Europas und der russischen Opposition. Dennoch zeigte sie ihr wahres Gesicht. Von einer "Informationsagentur" kann bei dieser russischen Holding nicht wirklich die Rede sein. Nach Angaben der Chefin der MIRJ, Marina Mayakova, verbirgt sich hinter der Agentur eine „Mediengemeinschaft“ von 3500 Presseunternehmen. „Wir sind von Privatinitiativen abhängig. Aber wir gehören niemandem, weder dem Staat, noch irgendeinem Oligarchen.“ Dies ändert nichts an der Tatsache, dass die MIRJ offen ihre Unterstützung für die Regierung des Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten, Wladimir Putin, kundtat. „Wir werden es nicht ausschlagen, wenn die Regierung uns finanziell unterstützen möchte“, gab sie zu.

Groteske Erklärungen

Im offiziellen Programm der Veranstaltung, das im Voraus verschickt wurde, um Gäste anzulocken, wurden hochkarätige Teilnehmer angekündigt. So zum Beispiel der Chefredakteur der Novaya Gazeta, der Zeitung, für die die 2006 in Moskau ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja arbeitete. Bis zu Beginn des Kongresses bestätigten allerdings lediglich Vertreter der russischen „Massenmedien“, die in enger Verbindung zur Regierung stehen, ihre Teilnahme. Auch gab es einige überraschende Anmeldungen, wie die des russischen Nationalisten und offenkundigen Antisemiten Alexander Sewastjanow.

Kurze Croissant-PauseIn den circa zwanzig Konferenzen, die auf Russisch abgehalten wurden und die während der drei Tage quasi nahtlos ineinander übergingen, wurden die angekündigten großen Themen allerdings nur kurz angerissen. Das schwerwiegende Problem der staatlichen Zensur, unter dem regierungskritische Journalisten zu leiden haben, wurde totgeschwiegen. Als sich kurz am Thema Korruption aufgehalten wurde, erinnerte der Präsident der Sitzung Igor Panarine daran, dass dies nicht Thema des Kongresses sei. Diese Äußerung des Moskauer Journalisten, der zwei Tage später behauptete, es habe nie einen Flugzeugabsturz ins Pentagon gegeben, mutete etwas merkwürdig an...

Die grotesken Erklärungen, die während der drei Konferenztage abgegeben wurden, haben jedoch keinen einzigen Skandal hervorgerufen. Sie führten sogar zu einigen positiven Reaktionen. Gilles Arnaud und Guillaume Tastet, zwei französische Journalisten aus der Normandie, die den Weg nach Straßburg auf sich genommen haben, wissen dies zu schätzen. In Frankreich würden alle Thematiken sofort diskutiert, egal worum es gehe. Sie erklärten, dass französische Journalisten oft nur darauf aus seien, Lektionen zu erteilen. Auch sie selbst müssten noch lernen, dass es manchmal besser sei, sich zurückzuhalten.

Mini-Croissants und eine halbe Million Euro

Zu knappe Fristen, mangelnde Organisation, die unmittelbar bevorstehenden Präsidentschaftswahlen: Von verschiedenen Seiten strömten Erklärungen herbei, weshalb russische Teilnehmer nur so spärlich vertreten waren. Vor allem, da bekannt ist, dass die MIRJ einen immensen Betrag für die Organisation der dreitägigen Veranstaltung aufgewendet hat (500 000 Euro nach Angaben von Marina Mayakova). Wenn man die wenigen russischen Journalisten, die an der Konferenz teilnahmen, befragte, wurden die wahren Gründe hierfür schnell klar. „Regierungskritische Journalisten interessieren sich nicht für diese Veranstaltung, da sie sofort begriffen haben, worum es sich wirklich handelte“, erklärte Polina Myakinchenko, eine junge russische Journalistin, die zurzeit als Korrespondentin in Paris tätig ist. Für Nikita Aronov von der Wochenzeitung Mir Novostei „stehen diese Art von Veranstaltungen in Russland an der Tagesordnung. Es wundert mich nicht, dass die hier anwesenden Teilnehmer alle die gleichen Meinungen vertreten.“ Die beiden Journalisten sind sich einig: „Was bringt es auch, extra nach Straßburg zu fahren, um dort genau das zu tun, was wir ohnehin in Russland tun, wenn man nun nicht gerade in den Urlaub fahren oder Geldwäsche betreiben möchte?“

Die Tatsache, dass eine halbe Million Euro für die Veranstaltung aufgewendet wurde, um die Kongressteilnehmer mit Feingebäck, Orangensaft und Kaffee zu versorgen, dämpft Marina Mayakovas Elan keineswegs. Sie freue sich über die drei Tage „voller Diskussionen“ und beabsichtigt, schon bald die Organisation des nächsten Kongresses, der wieder in Straßburg stattfinden soll, in Angriff zu nehmen. Dafür wird sie allerdings noch etwas mehr Unterstützung benötigen, und jede Menge Croissants, um die echten Journalisten anzulocken.

Fotos: Teaserbild (cc)Guillermo Salinas/flickr; Kongress ©Jérémie Maire; Mikrofon (cc)ralphbijker/flickr