Journalismus der Zukunft

Artikel veröffentlicht am 4. April 2005
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Artikel veröffentlicht am 4. April 2005

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Neue Medienformen ändern die Art, Öffentlichkeit zu konstruktieren. Pressefreiheit ist nicht mehr auf die beschränkt, denen die Medien gehören. Doch bleibt die Qualität auf der Strecke?

„Wir leben in einer Zeit, in der Politik eine wichtige Rolle spielt, in der die Möglichkeiten zur freien Meinungsäußerung abnehmen und organisierte Lügen in einem nicht gekannten Ausmaß verbreitet sind“, schrieb George Orwell 1943. Viele würden wohl dieser Aussage zustimmen, doch im 21. Jahrhundert können die Menschen eine Vielzahl neuer Medienkanäle nutzen, um sich auszudrücken. Ganz gleich, welche Fähigkeiten Sie besitzen: Wenn Sie eine Meinung haben, haben Sie heute die Möglichkeit diese auch auszudrücken.

Jeder kann mitmachen

Der traditionelle Journalismus hat eine geringe Anzahl von Kanälen, die für qualifizierte Journalisten reserviert sind und von einem stark kontrollierten redaktionellen Programm bestimmt werden. Während der letzten zehn Jahre hat sich dieses Bild gewandelt und wir sind in der Zeit des partizipativen Journalismus angekommen. Hauptursache ist das Internet, das sich zu einer Plattform entwickelt hat, auf der jeder Journalist sein kann.

Die Mehrheit der Nutzer in der EU (215 Millionen) verfolgt passive Aktivitäten im Netz: E-Mails checken, lesen, Fotos ansehen. Dennoch steigt Zahl derjenigen, die sich zum „Quasi-Journalisten“ entwickeln. Um dieses Phänomen beobachten zu können, muss man nicht weit blicken: café babel verzeichnet jeden Monat 30,000 Besucher, die ausgiebig über Politik und Kultur diskutieren. Die Artikel selbst sind geschrieben von Freiwilligen aus ganz Europa. Die Leser haben die Möglichkeit, sich im Forum zu treffen, um zu diskutieren.

Es ist jedoch das Phänomen des „blogging“ (kurz für „web logging“), das von den Journalisten der Mainstream-Medien als Hauptbedrohung für ihre Zunft identifiziert wurde. Weblogs stellen für den „Bürger-Journalisten“ ein preiswertes und zugängliches Medium dar. Sie sind unzensierte Online-Tagebücher: Ausdrucksstark, fantasievoll, aufschlussreich, respektlos – oftmals unwahr – sind Blogs ein freier Raum für jedermann.

Die große Mehrheit der circa 10 Millionen Blogs sind anekdotenhafte Foren für Klatsch und Small Talk. Aber selbst wenn der Inhalt einiger Online-Tagebücher als Schmutzfleck unserer freiheitlichen Demokratie empfunden wird - in vielen Teilen der Erde, in denen die Grundrechte verwehrt bleiben, sind Webtagebücher ein einflussreiches Mittel des Widerstands. In China wurde eine junge Frau namens Mu Zimei berühmt, nachdem sie auf ihrer Webseite Details zu einem romanischen Date mit einem Popstar publizierte. Obwohl das Propagandaministerium ihre Veröffentlichung verbot und die staatliche gelenkte Presse sie als „höchst unmoralisch“ bezeichnete, avancierte sie zur Untergrundheldin und zum Symbol für persönliche Freiheit. Ziemis Blog erhielt 20 Millionen Klicks und stieß Online-Debatten über vormals tabuisierte Themen an.

Das Internet hat einen Journalismus von unten provoziert, der den Regierungen ein Dorn im Auge ist. Darüber hinaus bietet das transnationale Netz bei den Bürgern einen Blick über den eigenen Tellerrand. Kürzlich erst bot das Internet seinen Nutzern eine Graswurzelperspektive auf die dramatischen Entwicklungen in der Ukraine an. Anstatt auf die von westlichen Journalisten gefilterten Berichte zu vertrauen, agierten Augenzeugen als Journalisten und gaben einen faszinierenden Einblick in die Gefühle des Landes. Gleichzeitig gaben sie somit Ausländern die Gelegenheit, die Empfindungen der Aktivisten der „orangefarbenen Revolution“ zu teilen.

Diversifizierung

Blogging erfährt die stärkste Aufmerksamkeit, aber in Wirklichkeit ist es nur eine Dimension der Revolution des partizipativen Journalismus. Interaktives Fernsehen und Radiosendungen waren in den frühen 90igern eine Sensation, heute sind sie Normalität. Die Bevölkerung wird eingeladen, ihre persönlichen Empfindungen mit dem Publikum zu teilen. „Nachrichten“ zu produzieren und „Nachrichtenexperte“ zu sein, war zuvor für die Großen und Mächtigen reserviert. Die traditionellen Medien (Print, Radio, TV), die politische Führung und die Wirtschaft haben die neuen medialen Formen angenommen, um ihr Publikum zu umgarnen. Die Mehrheit der großen Zeitungen und Rundfunkstationen verfügen über Webseiten mit Chat-Räumen oder Forem, die den Nutzern die Möglichkeit bieten, ihren Gefühlen Luft zu machen.

Ein weiteres Beispiel ist das Videotagebuch. Neuerungen in der Technologie machen digitale Kameras derart preiswert, so dass es für Otto Normalverbraucher möglich wird, eine Geschichte zu verfilmen. Ist der Film erst einmal komplett aufgenommen, kann er am Heimcomputer bearbeitet werden. Das Endprodukt kann ein Film von professioneller Qualität sein, der - ins Netz gestellt - das Potential besitzet, ein Millionenpublikum anzuziehen.

Fraglich bleibt, ob der partizipative Journalismus dem traditionellen gleich gestellt werden kann. Doch diejenigen, die ihn lediglich als Ersatz für klassischen Journalismus sehen, haben sein Wesen verkannt. Im Gegensatz zu den etablierten Medien sehen sich partizipative Journalisten nicht als Bollwerke von Objektivität und alleiniger Wahrheit. Wenn Neuerungen wie das Internet die öffentliche Diskussionen über wichtige Themen angestoßen haben, ist es sicherlich eine positive Entwicklung. Seltsamerweise blüht die freie Meinungsäußerung an allen Ecken und Enden, obwohl gleichzeitig die Nichtwählerschaft und die Politikverdrossenheit immer bedeutender werden. Im Kern geht es darum, so viele Menschen wie möglich für die Sache zu begeistern. Partizipation ist mit der Idee des zeitnahen Journalismus eng verknüpft, mag es den orthodoxen Verfechtern des „klassischen“ Journalismus gefallen oder nicht. Seine Faszination liegt darin, dass es den Bürgern einen direkten Weg zum Rezipienten eröffnet. Die öffentliche Meinung, zunächst vom Staat gelenkt, dann durch die freie Presse kontrolliert, muss heute als wesentlich vielfältiger definiert werden. Orwell würde sich freuen.