Joseph Ratzinger, ein Papst für die Globalisierungsgegner?

Artikel veröffentlicht am 20. April 2005
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Artikel veröffentlicht am 20. April 2005

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Ein Dogmatiker, konservativ, unbeugsam? Benedikt XVI könnte für Überraschungen sorgen.

“Ein Dogmatiker” (Libération). “Konservativ” (Sueddeutsche). „Unbeugsam“ (Repubblica). Der Teufel höchstpersönlich also. Für eher linksorientierte Kommentatoren ist Benedikt XVI, ehemals Joseph Ratzinger, brillanter Bayer von 78 Jahren, das Schlechteste, was die Kirche für ihre Zukunft wählen konnte. Wie denn! In der Welt läuft es schlecht, der Irak ist besetzt und die Kirche... wählt einen „neokonservativen“ Papst. Niemand geringeren als den Georg W. Bush der katholischen Welt, einen Ketzer verfolgenden Inquisitor, einen antiökumenischen Zentralisten, der die "Peripherie" der römischen Kirche erzittern lässt.

Die EU ist für Ratzinger eine Bedrohung

Die Entscheidung ist sicherlich nachvollziehbar. Seit 1981 an der Spitze der Kongregation für Glaubenslehre (einstige Inquisition) hat der ehemalige Bischof von München vor allem dafür gekämpft, jeden Ansatz von Ungehorsam innerhalb der katholischen Kirche zu beseitigen. Seine verbissene Gegnerschaft zur linken Befreiungstheologie ist weit bekannt. Doch nicht nur das, Ratzinger ist auch die Speerspitze einer katholischen Strömung, die die EU für eine essentielle Bedrohung hält:

- die Gefahr eines möglichen Beitritts der Türkei, gegen den sich Ratzinger im vergangenen Sommer in einem Interview mit dem Figaro Magazine ausgesprochen hat, als die Kirche noch gar keine Position zu diesem Thema bezogen hatte;

- die Bedrohung durch allerlei „ismen“ („Relativismus, Libertinismus, Liberalismus…“), die Ratzinger, heute Papst Benedikt XVI, während seiner Predigt zur Eröffnung der Konklave verurteilt hat. Dahinter verbirgt sich die Kritik an gleichgeschlechtlicher Ehe, Abtreibung und therapeutischem Klonen;

- der Irrweg eines Kontinents, der seine eigene Identität anzuerkennen nicht bereit ist, indem in seiner Verfassung keinerlei Bezug auf die “christlichen Wurzeln” nimmt, wofür Ratzinger seit dem Jahr 2000 erbittert gekämpft hat.

Wojtila? Der Außenminister des neuen Papstes

Sich jedoch auf Entrüstung und Erstaunen zu beschränken wäre aber wohl scheinheilig. Ratzinger folgt schließlich keinem Johannes XXIII, dem Architekten jenes Zweiten Vatikanischen Konzils von 1962, das die katholische Kirche wie nie zuvor modernisiert hat. Er folgt vielmehr einem Johannes Paul II, der – vielen Kommentatoren zufolge – den Öffnungsprozess der Kirche blockiert hat. Eigentlich war es Karol Wojtila, der Ratzinger nominiert hat, seinen persönlichen Freund, der Präfekt der Kongregation für Glaubenslehre, Präsident der Päpstlichen Bibelkommission, der Internationalen Theologenkommission sowie Vizedekan des Kardinalskollegium (1998) geworden war. Man könnte behaupten, dass der Pole Wojtila – mit seiner Öffnung gegenüber den anderen Religionen und seinem "mea culpa" in Bezug auf die Schandtaten der Kirche, mit seiner anti-kommunistischen Aktivität und seinen Friedensappellen – gegen Ende seines Pontifikats schon zu einer Art Außenminister Ratzingers geworden war. Im Innern der Kirche war die harte Linie des in Purpur gekleideten Bayer bestimmend. Eine Linie, die unter anderem Johannes Paul II geteilt hat.

Müssen wir uns also mit einem „Neocon“ als Papst abfinden? Die Wahl seines Namens – so könnte man meinen – deutet etwas anderes an. Benedikt XV (1914-1922) ging in die Geschichte ein, weil er sich seinerzeit mit Bestimmtheit gegen den Ersten Weltkrieg gestellt hatte. Ein Grund zu Jubeln für Globalisierungsgegner und Pazifisten aus der ganzen Welt? Die Scheinheiligkeit jedenfalls bleibt.