Josefa Idem: Olympiasilber im Kajak

Artikel veröffentlicht am 25. August 2008
Artikel veröffentlicht am 25. August 2008
Die mehrfache Kajak-Titelverteidigerin deutscher Herkunft hat bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking ihre fünfte Olympiamedaille gewonnen.

Los Angeles, Olympiade 1984. Die 20-jährige Josefa Idem gewinnt die Bronzemedaille im Zweier-Kajak mit Barbara Schüttpelz. Im August 2006 gewinnt sie bei der Weltmeisterschaft in Ungarn Silber. Bis dahin verbucht sie viele Erfolge: zwei nationale, Olympiagold in Sydney 2000, die Heirat, zwei Kinder und politisches Engagement.

Heimliche Zusammenkünfte mit DDR-Athleten

Josefa Idem kam in Goch, in der damaligen BRD, zur Welt. Sie entdeckte das Kanufahren mit elfeinhalb, fast durch Zufall: "Es gab eine Vorführung in der Schule meiner Schwester, da habe ich es ausprobiert. Zuerst fiel ich dauernd ins Wasser. Es war nicht einfach, das Gleichgewicht zu halten. Aber es machte Spaß, und ich habe es weiter versucht."

Die internationalen Wettkämpfe lassen nicht auf sich warten, und mit siebzehn nimmt sie an der Weltmeisterschaft teil. Hier trifft sie Sportler aus der DDR. Eine Begegnung, die sie als eindrücklich und beängstigend bezeichnet. "Ich kann mich erinnern, dass man ihnen verboten hatte, mit uns zu sprechen oder uns zu grüßen. Als wären wir Luft." Die jungen Leute aus der DDR wurden strengstens überwacht. Josefa sagt: "Eigentlich hatten sie Lust, uns kennen zu lernen. Wir organisierten heimliche Treffen in den Hotelzimmern. Natürlich mit Beobachtungsposten, die im Fall einer Kontrolle sofort Alarm schlagen mussten. Wenn man sie entdeckte, wurden sie vom Wettkampf ausgeschlossen und für alle weiteren Wettkämpfe gesperrt."

Aber die Neugier war das Risiko wert. Idem interessierten vor allem die Trainingstechniken, die man in der DDR verwendete, und sie studierte nach der Wiedervereinigung sogar deren Tricks. "Abgesehen von der berüchtigten Dopinggeschichte verwendeten sie in der DDR wirklich fortschrittliche Trainingsmethoden. Es war am Sport angewandte Wissenschaft." Aber man sprach auch über Träume, über die Möglichkeiten für DDR-Sportler, das kommunistische Deutschland zu verlassen. "Das war auf jeden Fall sehr schwierig durchzuführen. Man konnte nicht so einfach die Familie verlassen. Und dann war es üblich, sehr jung zu heiraten. Man hatte sehr wenig Zeit zur Verfügung, um sich einer sportlichen Disziplin zu widmen, bevor man neue Bindungen einging."

Neue Heimat Italien

Aber bald entstehen in der deutschen Nationalmannschaft Schwierigkeiten. Zur Weltmeisterschaft in Polen 1989 gibt es zwei Bronzemedaillen in den Einzelwettkämpfen, aber Josefa spürt das Vertrauen ihrer Mannschaft nicht. In der Zwischenzeit zog sie mit Guglielmo Guerrini nach Italien. Sie hatte den Volleyball-Trainer ein Jahr früher in Prag kennengelernt. Er stammt aus Santerno, einem Dorf in der Nähe von Ravenna, wo sie heute leben. Es wird immer problematischer, in Deutschland zu trainieren. Guglielmo spricht kein Deutsch, die langen Reisen zum Training und die unbefriedigenden Beziehungen zur deutschen Nationalmannschaft lassen Josefa immer mehr in Richtung Italien tendieren.

Hier bringt man ihren Bedürfnissen mehr Verständnis entgegen, sie beginnt, im Mailänder Kanuklub zu trainieren. 1988 wird Guerrini ihr persönlicher Trainer. Der Wechsel zur italienischen Nationalmannschaft ist nur noch eine Frage der Zeit: "Ich wunderte mich, dass ich sofort die Erlaubnis erhielt, für Italien anzutreten. Erst später habe ich erfahren, dass zwei ostdeutsche Meisterinnen (Katrin Borchert und Monika Bunke) darum gebeten hatten, für Westdeutschland fahren zu dürfen, und sofort zugelassen wurden." Nicht ohne innere Befriedigung bemerkt sie dazu: "In Deutschland meinten sie, sie könnten sich eine unbequeme Bronze vom Hals schaffen und zwei Gold einhandeln, aber schon an den Weltmeisterschaften 1990 erkämpfte ich für Italien den ersten Platz, während Katrin Borchert, die ehemalige DDR-Athletin, Dritte wurde."

Das war erst der Anfang einer langen Reihe erstaunlicher Erfolge. Die Goldmedaille in Sydney 2000 war die wertvollste Anerkennung; dazu gesellten sich etwa dreißig Medaillen bei Welt-, Europameisterschaften und Olympiaden. Diese Resultate erzielte sie dank eines immer anspruchsvolleren, speziell auf sie zugeschnittenen Trainings: "Wir haben begonnen, Untersuchungen zu machen; wir mussten uns den altersbedingten Veränderungen anpassen. Alles Verdienst meines Mannes."

Gewissensbisse

©Giuseppe Nicoloro/ FlickrDas wichtigste Ereignis ist die Geburt des ersten Sohnes Janek 1995. 1994 hatte Josefa an den Weltmeisterschaften in Mexiko teilgenommen - sie war in der zehnten Woche schwanger und brachte es fertig, Drittplatzierte zu werden. "Ich hatte gewaltige Schuldgefühle, als ich nur 18 Tage nach der Geburt wieder zu trainieren anfing", erinnert sich Idem an die Zeit. "Ich war ganz durcheinander. Ich dachte an meine Mutter, die immer zu Hause gewesen war." Schließlich gelingt es der - nunmehr italienischen - Erfolgssportlerin, ihren Weg zu machen, ohne auf ihre Kinder Janek und Jonas, den Zweitgeborenen, verzichten zu müssen. Sie begleiten ihre Mutter zu allen Wettkämpfen. "Viele Sportler lassen ihre Kinder bei den großen Wettkämpfen daheim, aber wir wollen sie immer dabei haben."

2001 macht man ihr ein ungewöhnliches Angebot. Man schlägt ihr vor, für die Stadtwahlen in Ravenna zu kandidieren. "Anfänglich wollte ich sicher sein, dass es sich nicht nur um eine Aktion im Zusammenhang mit meinem Image handelte." Schließlich akzeptiert sie und wird sofort gewählt. Sie wird Sportreferentin. "Zu Beginn des Jahres 2006 wusste ich nicht, ob ich wieder gewählt werden würde, und ich hatte überdies eine Wettkampfpause eingelegt." Im Juni 2007 hängt sie die Politik an den Nagel und konzentriert sich wieder auf das Kajak. "Ich beschloss, im Hinblick auf die Sommerweltmeisterschaften in Ungarn den Wettkampfsport wieder aufzunehmen. Auf diese Arbeit verstehe ich mich schließlich am besten!" Nach wenigen Trainingseinheiten ist sie wieder in Form. Sie gewinnt Bronze zu den Europameisterschaften und Silber zu den Weltmeisterschaften.

"Dieses Jahr war toll für mich. Nach sechzehn Monaten Pause, zwei Kindern und mit 42 Jahren ein solches Resultat erzielen zu können, ist wirklich großartig." Doch Josefa Idem hat noch nicht genug. Die nächste Herausforderung ist die Qualifizierung für Peking 2008 - ihre siebte Olympiade.

Dieser Artikel wurde zum ersten Mal im September 2007 veröffentlicht.